Kimberley Region (2): Geikie Gorge & Tunnel Creek

29 Aug

Weil uns gesagt wurde, wir koennten Geikie Gorge und Tunnel Creek auf Grund schlechter Strassenverhaeltnisse von der Windjana Gorge aus nicht erreichen, fuhren wir fuer eine Nacht zurueck nach Derby und am naechsten Tag weiter nach Fitzroy Crossing. Diese Info war falsch, wie wir in Derby erfuhren. Wir haetten das sehr wohl geschafft mit unserem Auto. 100 Kilometer Umweg. Nuja, fuer australische Verhaeltnisse ist das nicht der Rede wert. Vor unserer Ankunft in Fitzroy Crossing haben wir kurz die Geikie Gorge erlaufen. Schoene Felsformationen, nette Farben, aber alles nicht spektakulaer. Der Fluss ist zumindest in der Trockenzeit zu weit weg, als dass man sagen koennte, man waere dran entlang gelaufen. Und vermutlich haben wir einfach schon zu viele atemberaubende Dinge gesehen, um noch einfach zu beeindrucken zu sein.

Ich hatte mich hier auf eine Bootsfahrt gefreut. Als ich mir gerade ein Ticket kaufen wollte, kam eine Horde grauhaariger Touristen auf die Verkaufsstelle zu – allesamt mit Huetchen, Lunchpaket und vom Busunternehmen herausgegebenen Namensschildchen ausgestattet. Jetzt war ich doch noch beeindruckt. Hatte aber auch Angstvor dieser Horde, wollte weg. Ich hab lieber auf die Bootstour verzichtet und somit ganz sicher eine ganze Salve urkomischer Tourguide-Witze verpasst…

Unsere Ankunft in Fitzroy Crossing ist mit einem Schockerlebnis verbunden. An unserem kleinen Campingplatz gibt es eine Aboriginal Art Gallery und eine Bar. Davor tummeln sich bei unserer Ankunft Dutzende sturzbetrunkener Ureinwohner, krakeelen und beschimpfen sich, torkeln durch die Gegend. Manche von den Frauen tragen Kleidung, wie sie frueher alte Frauen sonntagsmorgens zur Kirche getragen haben: Filzene Huete, Rueschenblusen, feine Roecke. Einer gruesst uns nett. Ich bin, wir sind, voellig ueberfordert. Schon in Broome hatten wir verwirrende Dinge gesehen und erlebt. Ich ringe um die richtige Reaktion und finde sie nirgends. Weg gucken, weil man nicht herablassend starren moechte? Hingucken, weil man nicht respektlos und ignorant sein moechte? Ich bin hin- und hergerissen. Will nicht bedauern oder bemitleiden, wenn das in einer Bevormundung enden wuerde, die ebenso respektlos waere wie Ignoranz und Rassismus. Bin aufgewuehlt. Minutenlang sitzen wir schweigend im Auto auf unserem Stellplatz und wissen nicht, wie wir das Gesehene verarbeiten sollen, in welche „Schublade“ es gehoert. Ich habe Wut auf den Barbesitzer, erfahre aber am naechsten Tag, dass er selbst offenbar Ureinwohner ist. Sehe, dass er welche angestellt hat, um das Grundstueck in Ordnung zu halten. Es ist unmoeglich, sich fuer eine Sichtweise zu entscheiden. Das Ganze spiegelt den wohl groessten Zwiespalt Australiens in erschreckender Schaerfe wieder.

Am naechsten Tag fahren wir nach 40 Kilometern vom Highway ab auf Gravel Road.

85 Kilometer Schotterpiste liegen nur fuer den Hinweg zum Tunnel Creek vor uns. Das ist das laengste Stueck Gravel Road, dass wir uns und dem Campervan auf der gesamten Reise zumuten. Es klingt unglaublich, aber ich sitze ganze fuenf Stunden am Steuer, um Hin- und Rueckweg zu bewaeltigen! Hochkonzentriert, denn jede Bodenwelle, jeder Stein, kann das Aus bedeuten. Eine Staubfahne ziehen wir nicht hinter uns her – bei 20 Stundenkilometern kriegt man keine Staubfahne zustande. Fahre ich auch nur ein bisschen schneller, schlittert unser Bulli wie auf Eis ohne Bodenkontakt unkontrolliert ueber die Piste. Bei jedem ueberholenden Auto haben wir Angst, dass die auf unser Auto geschleuderten Steine die Windschutzscheibe loechern. Wir bringen eine kleine, aber knifflige Flussueberquerung hinter uns. Fuer Europaer sind solche Strassenzustaende unvorstellbar. Und ueberhaupt: Wir nehmen das auf uns, um eine nur 1,5 Kilometerchen kurze Wanderung zu machen. So ist das in Australien, Entfernungen sind relativ. Doch es lohnt sich.

Der Tunnel Creek fuehrt unterirdisch quer durch eine Bergkette. Es ist groesstenteils stockdunkel, kalt und vor allem nass. Eine Infotafel am Eingang warnt davor, dass hier manchmal Suesswasser-Kroks leben. Mit dem fuer Australien so typischen und nichtssagenden Hinweis: „Take care!“ Das ist genau das, was man lesen moechte, wenn man gerade dabei ist, da durch zu laufen. Mit unseren eher kleinen Funzeln waten wir stellenweise durch bis zu den Oberschenkeln reichendes Wasser. Sehen nichts ausser dem, was im Schein der Lampen erscheint. An einer Stelle ist die Decke eingebrochen.

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Sonnenstrahlen scheinen durch das Loch und lassen einige herunter ragende Wurzeln, Erd- und Steinskulpturen als totenkopfartige Formationen erscheinen.

An den Waenden machen wir Spalten aus, irgendwo sprudelt eine kleine Quelle aus der Wand. An der Decke haengen Fledermaeuse. Kurz hinter dem Deckeneinbruch scheint Restlicht auf einen Wandabschnitt voller Tropfsteine. Die Saeulen erinnern mich an eine riesige Orgel in einer Grusel-Kathedrale.

Am Ende des Tunnels Licht. Ausgang. Dahinter fliesst der Fluss weiter, gesaeumt von Baeumen und kleinen Wanderwegen. Wir suchen vergeblich nach dem Jandamarra-Denkmal. Ich bin etwas enttaeuscht, dass wir es nicht finden und frage mich, warum es so versteckt ist. Keiner der anderen Touris weiss Rat. Aus Zeitdruck drehen wir bald um, denn wir wollen noch im Hellen zurueck sein. Zu gross ist die Angst im Dunkeln Wildtiere zu ueberfahren. Wir schaffen es nicht. In einem pastellfarbenen Himmel geht die Sonne unter, davor bilden die Silhouetten von Boabs kitschige Schnoerkel.

Wir ruckeln wieder stundenlang ueber die Huckelpiste, ich biege zu knapp vor einem Roadtrain (riesige, quasi unbremsbare LKW mit drei oder vier Anhaengern) auf den Highway und unsere Windschutzscheibe toetet mit einem lauten Knall irgendein grosses Flattertier…

Mehr Fotos im Album. Meine Reisepartnerin Sabine hat ebenfalls ueber den Tunnel Creek berichtet.

Eine Antwort to “Kimberley Region (2): Geikie Gorge & Tunnel Creek”

  1. queenofhasbara Dienstag, Dezember 3, 2013 um 16:40 #

    Der Rassismusvergleich ist überflüssig.

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