Freundlichkeit – Das versteht man woanders darunter

4 Jun

Eine Anekdote von heute muss ich noch loswerden. Ich kenne die australische Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit zwar, bin aber komplett aufs Neue davon beeindruckt. Und das ging so: Auf dem Weg zum Kings Park hab ich mehrere Leute nach dem Weg gefragt. Einen aelteren Herren hab ich bei seinem Morgensport gestoert, eine Frau auf ihrem Weg zum Arzttermin aufgehalten und einen Businessman hab ich entweder von seiner Pause abgehalten oder ich hab irgendeine Anreise zu einem Termin verlaengert. Nee, nicht ganz richtig: Sie haben das selbst getan. Der Kuerze halber hier mal nur die Sache mit dem Businessman. Sehr australisch. Sehr toll.

Ich hatte gerade jemanden angesprochen und nach dem Weg gefragt, der mir bestaetigt hatte, dass ich richtig bin. Besagter Businessman hatte das wohl gesehen, denn er ging einige Meter hinter dem Gefragten. Obwohl er gesehen haben muss, dass ich eine Antwort bekommen hatte, fragt er, wohin ich denn ginge. „Kings Park“, sagte ich. Oh ja, da waere ich richtig, ich muesste erst hier lang, dann da, dann da hoch. „Ok, thanks alot.“ Dann fragte er, wie alle zuvor Befragten auch, woher ich denn komme, wie lange ich bleibe, ob ich zum ersten Mal hier bin. Das wird man immer gefragt, sobald man jemanden anspricht. Dabei ging er zu seinem geparkten Auto in der Naehe. Und dann: „You want a lift?“ Und ich: „Sure.“ Und steige ein. Niemals im Leben haette ein Deutscher mir das angeboten. Erst recht keinem offensichtlich Fremden, vermutlich aber auch keinem Landsmann. In Deutschland waere ich wohl auch nicht eingestiegen. Hier, am anderen Ende der Welt, habe ich nur eine halbe Sekunde lang gezoegert, zu einem fremden Mann ins Auto zu steigen. Ich wusste, dass das ok ist. Er fuhr mich also zum Kings Park und wir kamen ins Gespraech. Er erklaerte mir noch lang und breit, wie ich zurueck komme, von wo man die beste Aussicht hat, dass seine Familie 18hundertirgendwas aus Deutschland nach Australien kam… Dann waren wir da und er hielt an. Ich war echt dankbar, denn ich war schon stundenlang gelatscht und zum Park geht’s ein Stueck bergauf. Dann gab er mir seine Visitenkarte – die zweite, die ich in 36 Stunden bekommen habe. Er wohne in den Perth Hills am anderen Ende der Stadt und wenn ich ihn und seine Familie mal besuchen kommen wolle oder jemanden brauche, der mich herum fuehrt, solle ich mich melden.

Wohlgemerkt, der Mann war businessmaessig gekleidet, laut Karte Immobilienmakler. Es war mitten waehrend seines Arbeitstages. Und er hatte kaum Zeit zu ueberlegen, ob er mich mitnimmt. Er hat’s einfach gemacht und es ist schlichtweg nichts, was man hier als besonders erwaehnenswert bezeichnen wuerde. Ich bin begeistert.

6 Antworten to “Freundlichkeit – Das versteht man woanders darunter”

  1. spinpoint Freitag, Juni 4, 2010 um 16:35 #

    Ok, das ist wirklich freundlich. Ich glaube, ich möchte auch mal die so viel beschriebene australische Lebenskultur kennenlernen.

  2. Stromfrau Freitag, Juni 4, 2010 um 19:55 #

    Stimmt… hier in Deutschland ist beides nicht möglich. Aber als ich das gelesen habe, machte mein Mutterherz einen Sturz ins Tal. Zu einem fremden Mann ins Auto? Niemals … ich bin beeindruckt, aber sicher gibts doch auch in Australien ein paar Menschen, denen man nicht über den Weg trauen kann oder? Also bei all meinen europäischen Einflüssen kann ich da wohl nicht aus meiner Haut!!!

    Aber nett war das – keine Frage!!!

  3. eyeIT Freitag, Juni 4, 2010 um 21:54 #

    So, jetzt weisst Du ja schon, von wem Du Deine nächste Wohnung/Haus maklen lässt😉

    Gruss aus Zürich!

  4. Muschelschubserin Samstag, Juni 5, 2010 um 13:00 #

    @Stromfrau
    Natuerlich gibts auch hier Verbrecher und Vergewaltiger. „Ein paar“ Menschen, genau wie du schreibst. Aber man darf auch ruhig mal an das Gute im Menschen glauben und auf seinen Instinkt hoeren. Ich bin ganz klar dagegen, wegen ein paar Ausreissern alle Menschen als generalverdaechtig anzusehen. Ansonsten kann man ja gleich zu Hause bleiben.😉 Ich bin auch sicher alles andere als unvorsichtig. Ich will mein Deutsch-Sein aber nicht ueberall mit hinschleppen, wo ich weiss, dass es unangebracht ist.

    @eyeIT
    Genau. Ein oder zwei nette Eckchen fuer den Stellplatz wuesste ich auch schon.😉

  5. zzipp Dienstag, Juni 8, 2010 um 23:11 #

    Sehr interessant. Das mit Deutschland ist sowieso so ne Sache.. ich bin sehr von deinen Berichten aus Australien begeistert, werde sie meiner Freundin (ebenfalls Australien-Fan) empfehlen und dir regelmäßig folgen🙂

    Grüße
    Dennis

  6. Muschelschubserin Freitag, Juni 11, 2010 um 13:27 #

    Danke.🙂

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s