Brückstraßenviertel – Vom Szeneviertel zum Grabbeltisch des lokalen City-Handels

15 Apr

Vor einer Woche hat im ehemaligen Kar.stadt Technik-Gebäude auf der Ecke Brückstraße / Kampstraße ein neuer Laden eröffnet: Spar.stadt. Als ich einen Tag vor Eröffnung mit einer Freundin daran vorbeiging, erzählte ich ihr, dass das bis vor kurzem eine Kar.stadt-Filiale gewesen war. „Spar.stadt…“ murmelten wir beide und spickten vorbei an riesigen „Neueröffnung“-Schriftzügen vorbei ins Ladeninnere. Dort waren Menschen damit beschäftigt, Kunstblumen und Dekoartikel auszupacken, Regale zu säubern und Kartons zu stapeln. „Die verramschen sicher alles, was beim Kar.stadt-Ausverkauf übrig geblieben ist“, meinte meine Freundin. Damit lag sie nahe dran, aber nicht ganz richtig. Richtig ist, dass der Winterschlussverkauf von Kar.stadt Anfang des Jahres tatsächlich unter dem Motto „Spar.stadt“ lief. Richtig ist auch, dass der Spar.stadt-Schriftzug aus der selben Schrift wie das Kar.stadt-Logo gestaltet ist und man beide Unternehmen somit automatisch verbindet.  Allerdings hat das neue Spar.stadt mit Kar.stadt herzlich wenig zu tun. Laut Bericht der Ruhr Nachrichten gibt’s nun sogar Stunk wegen der Verwechslungsgefahr.

Aus dem Blick ins Ladeninnere richtig gefolgert haben meine Freundin und ich aber wiederum, dass es sich bei dem neuen Laden um einen riesigen Schnäppchenmarkt handelt. Und das hatte, wie mir erst im Nachhinein auffiel, beinahe etwas ironisches an sich. Denn meine Freundin, die seit vielen Jahren in London lebt, fragte mich beim Bummel über den Westenhellweg nach „dieser einen Straße, in der wir früher immer waren und wo es die flippigen Läden gab“. „Brückstraße“, sagte ich sofort. Gefolgt von: „Da gibt’s nur noch Schrott, das ist eine einzige Billig-Plastiktussi-Meile geworden, zum Heulen.“ Ich hatte das bei meinem letzten Besuch festgestellt, nachdem ich eine ganze Weile nicht mehr dort gewesen war. Ich war schockiert damals. Wie konnte das nur passieren? In der heimlichen Hoffnung, es könnte sich ja alles wundersamer Weise wieder zurückverwandelt haben – *hex hex* – ging ich mit ihr dort hin. Auch sie war erstaunt. Läden und Publikum haben sich total verändert. Das Konzerthaus wirkt deplazierter denn je, fast ausschließlich umgeben von Geschäften, die ihre Waren in Billiglohn-Ländern produzieren lassen und außer schrottiger Massenware nix Besonderes anzubieten haben. Kein kultiger Second-Hand-Kleidermarkt mehr, nur noch ein Gruftiladen in eine dunkle Ecke gequetscht anstatt zwei guter, nur noch – man verzeihe mir – übergewichtige, blondierte und Glitzerleggins tragende Pinkpüppis, von der 0815-Stange aufgemotzte Plastiktussis und Vokuhila-Prollos.

Die Brückstraße war einst das verwahrloste Rotlicht- und Drogenviertel und somit der Schandfleck der Innenstadt. Mit Fördergeldern wurde es saniert und entwickelte sich zum hippen Viertel mit Szeneläden und entsprechendem Publikum. Wenige Meter entfernt von der Haupteinkaufsmeile tummelten sich hier Gruftis, Punks, Skater und Emos, gab es viel zu sehen, entwickelte sich ein Mittelpunkt des Dortmunder Nachtlebens und bekam mit dem Konzerthaus auch die Dortmunder Kulturszene ein neues zu Hause. Die Brückstraße war der Ort, wo man auch mal individuelle Sachen bekam, die sonst keiner hatte. Heute ist die Brückstraße – bis auf ganz wenige Ausnahmen wie dem kleinen schnuckeligen und unglaublich kitschigen Lädchen „Klunker“ in einer Seitengasse – der von gierigen Händen durchgewühlte und auf wackeligen Beinen dastehende Grabbeltisch des lokalen City-Handels.

Das für mich Erstaunliche daran: Die City, und damit wohl auch die Brückstraße, boomt! „Dortmund strotzt vor Kraft“ schrieb das WAZ-Portal Der Westen vor wenigen Tagen. Der Artikel bezieht sich hauptsächlich auf die auch bei Nicht-Dortmunder beliebte Einkaufsstraße Westen- und Ostenhellweg, aber ein Besuch der Innenstadt zeigt, dass auch die Brückstraße weiterhin gut besucht ist. Es wimmelt nur so vor Schnäppchenjägern, denen wohl auch das größte Schnäppchen nicht Schnäppchen genug ist. Hauptsache billig, der Rest scheint egal. Die Läden sind soweit ich das beurteilen kann gut besucht. Während ich mich fassungslos wenige Schritte nach Betreten dieser Läden umdrehe, kaum glauben kann, dass dieser Schrott tatsächlich gekauft wird und mich frage, wohin das alles noch führen soll, tragen Bonbon-Girlies gleich tütenweise Plastik-Klamotten aus den Läden. Auch meine Freundin, wohlgemerkt Modedesignerin, scheint sprachlos. Sie fragt mich, ob die Gesellschaft sich gerade eine Generation mit Billig-Mentalität heranzüchtet? Der Qualität schlichtweg egal ist. Wenn’s Shirt nach fünf Mal waschen durch ist, schmeißt man’s halt weg und kauft für fünf Euro ’n neues. Sitzt schief? Macht ja nix, hat ja nur 4,95 gekostet.

Ich kaufe auch ab und an bei Unternehmen, die für günstige Produkte bekannt sind. Mir wächst Geld schließlich auch nicht aus den Ohren. Aber das hält sich in gewissen Grenzen. Ich finde es zunehmend abstoßend, wie beinahe notgeil wir Sparpreisen, Sonderangeboten und Schnäppchen hinterher hecheln. Ganz egal, ob es um Klamotten oder zum Beispiel Lebensmittel geht. Das Prinzip des privaten Trash-TV scheint sich auf etliche andere Konsumbereiche übertragen zu lassen. Hauptsache ich muss nix investieren, ob nu Geld oder Hirnschmalz. Hauptsache ich kann mein Leben auf Sparflamme führen. Mich ödet das zunehmend an.

Dass Spar.stadt nun ausgerechnet auf der Übergangsecke zwischen Einkaufsmeile und (ehemaliger) Szenemeile eingezogen ist, könnte doch passender gar nicht sein. Man könnte den Schriftzug nehmen und in eisernem Bogen über den Übergang von der Kampstraße zur Brückstraße prangen lassen – inhaltlich wäre da nix dran verkehrt.

Fotos: © Muschelschubserin

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10 Antworten to “Brückstraßenviertel – Vom Szeneviertel zum Grabbeltisch des lokalen City-Handels”

  1. zebramädchen Donnerstag, April 15, 2010 um 17:04 #

    Ja, schade. Ich hab nämlich davon gehört als ich nach Second-Hand-Läden rumgefragt habe. War dann allerdings nie da – hätte sich offenbar auch nicht gelohnt. Fragt sich, wo das ehemalige „Publikum“ der Brückstraße jetzt einkauft – doch nicht bei H&M?

  2. Schwerter Donnerstag, April 15, 2010 um 17:06 #

    Mir sind am letzten Wochenende beinahe die Tränen gekommen als ich das Sparstadt-Dingen gesehen habe. Auch ich bin nach längerer Zeit mal wieder in Dortmund gewesen und mich hat es aus den gleichen Gründen in die Brückstrasse verschlagen – Gott sei Dank war der KongPin noch da – ich habe mich sogar in den Sparstadt hinein getraut und bin immer noch schockiert. Wenn ich mich daran zurück erinnere wie nett und ansehnlich das Karstadt-Technikhaus immer ausgesehen hat…

  3. Muschelschubserin Donnerstag, April 15, 2010 um 17:25 #

    @zebramädchen
    Ehrlich gesagt, keine Ahnung, wo die alle hin sind. Wenn ich so durch den Stadtgarten gehe, denk ich, ach hier sind se. Da ist neuerdings so eine Ansammlung von buchstäblich bunten Leuten, dass mich vorgestern ein Rentner ganz aufgebracht gefragt hat, „was denn bloß mal aus diesen Leuten werden soll?“ Ich könnte wetten, dass das demnächst Thema in den Lokalnachrichten wird. Aber einkaufen kann man da nicht. Vielleicht wandern die dazu komplett ab aus Do.?

    @Schwerter
    Was verkaufen die denn da eigentlich? Ich war noch nicht drin, hörte heute bei meiner Fototour nur von drinnen Anpreisungen von Artikeln per Mikrofon. Das hat mir zur Abschreckung gereicht.

  4. Joubuí Donnerstag, April 15, 2010 um 21:19 #

    Ich war schon ’ne Weile nicht mehr da. Aber seit wann ist da Sparstadt & was ist mit dem alten Karstadt passiert? Aber die Szene-Läden existieren ja auch noch zum Teil [BulletShop, Outcast, D-Town auch meine ich]. Aber nunja, ich hoffe, dass die Läden auch noch da bleiben & das nicht komplett zu einem Ramsch-Viertel wird.

  5. Muschelschubserin Freitag, April 16, 2010 um 10:56 #

    @Joubuí
    Ist natürlich auch eine Definitionsfrage, was genau man als Szeneläden bezeichnet. Beziehungsweise Geschmacksache. Für mich ist da fast nix mehr dabei. Trotzdem ist es wie gesagt voll, offenbar gibt es durchaus Bedarf an solchen Läden, wie es sie nun häufiger gibt. Ich bin sicher, es gibt Leute, die würden mir vehement widersprechen.
    Ich finde einfach, dass der Wandel das Brückstraßenviertel zu nem 0815-Viertel macht. Nichts, was man nicht auch in jeder beliebigen anderen Großstadt findet. Und das halte ich für einen großen Verlust.
    Zu den Fragen siehe die Links oben im Text.

  6. buchstaeblich Freitag, April 16, 2010 um 17:28 #

    Wieder einmal bereue ich es nicht, von Dortmund weggezogen zu sein.

  7. jk Freitag, April 16, 2010 um 20:22 #

    Herzlich willkommen im Ruhrgebiet. Jetzt im ernst gefragt, ist das was neues für euch?? Das geht doch schon seid nen Jahrzent so.

    Wenn du wissen willst wie es im Sparstadt ist, geh rein und guck. Du wirst nicht sterben wenne rein gehs. Also man kann sich auch echt anstellen.

    Sonst ganz nett dein Bericht…

  8. RuhrTV Samstag, April 24, 2010 um 00:46 #

    Hab 1986-2001 (15 Jahre!) mit Blick auf den Platz von Leeds am Eingang der Brückstraße und gegenüber Karstadt gewohnt und hatte einen wundervollen Blick auf die Reinoldikirche. War’ne tolle Zeit, so nah dran zu sein am ständig wechselnden Treiben der Jahreszeiten. Bei Karstadt hab ich treu über Jahrzehnte all meine Technik, sogar mein erstes mobiles Telefongerät – heute heisst es glaub ich ‚Händie‘ oder so – gekauft, ohne jemals geil auf Geiz zu werden 😉

    Mittlerweilen hat sich mein Leben verändert. Bin heute entspannter und als Gartengourmet und Dackelpapa glücklich ‚eingerastet‘. Auch das Leben junger Menschen hat sich derweil gewandelt. Aus Spaß, Neugier, Kreativität und Feierlaune ist Erwartungsdruck, Medienhype und Konsumglück geworden. Treffpunkte zum Austauschen von Ideen und Aktivitäten werden weiter eingeschränkt, multimediale und konsumorientierte Angebote steigen, und der Anreiz zur Besinnung geht verloren. Was bleibt, ist die Freude über das Glück, das ein Erfolgserlebnis auslöst. Diese Sucht ließ sich früher seltener befriedigen, da es weniger Angebote gab, und wenn, waren sie oft unereichbar. Heute Macht China die Befriedigung der Süchte möglich. Wenn man weiss, dass viel Befriedung letztendlich immer weniger Glück auslöst, weil das Gehirn gegen die Vielzahl der Reize durch eine abgeschwächte Ausschüttung der Glückshormone reagiert, ist das weitere Verhalten klar: Immer mehr Erfolgserlebnisse müssen her – in immer kürzeren Abständen = ein Teufeskreis.

    Das Läden bei den horrorenden Mieten in der City nicht mehr auf Exklusivität und Qualität alleine setzen können, zeigen viele Insolvenzbeispiele. Die Banken wollen steigende Umsätze sehen, und das nicht zu knapp. Solange Vermieter ihre Verluste durch Leerstand ihrer Räume von der Steuer abziehen können, wird sich an den hohen Mieten nichts ändern. Dadurch, und auch durch die Beispiele oben, werden mutige Gründungsentscheidungen kreativer Unternehmer weitgehend unterdrückt. Dabei sollten Inventitionen sowieso ausschließlich aus Eigenkapital bestehen, und Kredite weitgehend vermieden werden.

    Ihr seht, alles ist erklärbar und wird sogar immer durchsichtiger. Solange sich nicht vermehrt neue, unabhängige und dabei auch durchweg ‚undurchsichtige‘ Charaktere wagen, mit ihrem Kapital auf die Bühne zu steigen und den Ton anzugeben, werden wir weiter in die dumpfe Konsumption abgleiten, was einfacher ist / aber wie beschrieben – immer unglücklicher = Macht!

    MkG
    RTV

  9. Muschelschubserin Mittwoch, April 28, 2010 um 17:30 #

    ICh fürchte, dem ist nichts hinzuzufügen. Danke für den ausführlichen Kommentar!

Trackbacks/Pingbacks

  1. Der Ruhrpilot | Ruhrbarone - Freitag, April 16, 2010

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