Mein „Wort-Schatz“ des Jahres 2009

28 Dez

„Ich gehe nicht über Leichen, aber über Leichtverletzte, das schon.“ Einige seiner Reise- und Erfahrungsbücher fangen mit Warnungen wie dieser an. „Das wird ein seltsames Vorwort. Hier will der Autor dem Leser vom Buch abraten. Sagen wir, dem „falschen“ Leser. Das wäre im vorliegenden Fall der moralisch einwandfreie Zeitgenosse, der zartnervige, der genitalzonenfreie, der von aller kriminellen Energie gelöste, eben jener, der gern zum „guten Buch“ greift. Hier greift er daneben“, schreibt Andreas Altmann beispielsweise in „Getrieben – Stories aus der weiten wilden Welt“.  Auch „Im Land der Regenbogenschlange – Unterwegs in Australien“ wurde nicht geschrieben „für die Tranigen, die Luxusgeschöpfe, die Glotzer, die Virtuellen, die Langschläfer und alle anderen, die sich vorgenommen haben, der Welt und der Wirklichkeit aus dem Weg zu gehen. Sie werden sich hüten, es aufzuschlagen. Jeder Absatz würde sie daran erinnern, wie sterbensfad sie sich inzwischen in ihrem Alltag, ihrer Allnacht eingenistet haben. Dösend. Nie plagt sie erhöhte Temperatur. Die Lauwarmen sind immer lau.“

Altmann hat Recht: Der Leser wird zum Leichtverletzten. Jedenfalls der Leser, der sich öffnet. Der Rest wird seine Bücher wutentbrannt und angeekelt in die Ecke werfen. Altmann provoziert, eckt an, schockiert und polarisiert. Ich kann mir tausend Stimmen vorstellen, die seine Bücher verfluchen. Auch ich habe zu Altmanns Büchern eine extreme Meinung: Ich verschlinge sie, ich sauge sie auf, ich kann nicht aufhören zu lesen und zu erleben und ich war noch nie so beeindruckt von Geschichten. Und von einer Schreibe. Kein Wort ist überflüssig, kein Wort ohne Bedacht gewählt und doch triefen die Bücher vor Leidenschaft. Ich bin beeindruckt von diesem Schreiberling, für den Reisen und Schreiben Erfüllung bedeuten, wie ich sie bisher bei beiden Tätigkeiten nur erahne. Von einem Menschen, der ungekannt offen auf andere Menschen zugeht, auf Politiker, Staatschefs, korrupte Polizisten, Aidskranke, andere Reisende, Einheimische, Huren, Drogendealer, Junkies, Bettler und Krüppel – und der sich selbst dem Leser schonungslos ehrlich öffnet wie kein anderer. All das, was durchschnittliche Reiseautoren sich entweder nicht trauen zu erleben (weil es die Grenzen im Kopf nicht zulassen) oder sich nicht trauen niederzuschreiben (weil der „Ohrensessel-Reisende“ angeblich, so habe ich es selbst oft in journalistischer Fachliteratur gelesen, totlangweilige Geschichten von Postkartenidylle und Paradiesstränden lesen will) schreibt Altmann mit einer einzigartigen Leidenschaft auf. Und das tut nicht selten weh, strengt immer an, hinterlässt bleibende Spuren. Altmann macht Mut und öffnet Augen. Dem, der dies zulässt.

Fünf Bücher habe ich dieses Jahr von Andreas Altmann gelesen. Und bin in keiner Weise gesättigt. Wie schön, dass ich noch lange nicht durch bin, dass es noch so viel mehr Geschichten gibt. Ich freue mich auf jedes Wort.

Was ich außer Altmanns Büchern sonst noch gelesen habe in diesem Jahr, steht im nun vervollständigten Bücher-Archiv.

Weiterführende Links:

Homepage von Andreas Altmann (seine Bücher, sein bewegtes Leben in Stichpunkten, Fotos, Leseproben, Kritiken, Preise)

Der Reisereporter, der uns das Staunen lehrt – Porträt von Andreas Altmann im Hingesehen-Blog

Andreas Altmann: Schreibender Weltenbummler – Talk vom 18.11.2008 auf Bayern 2 (ARD Mediathek, 44 Minuten)

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5 Antworten to “Mein „Wort-Schatz“ des Jahres 2009”

  1. tigger Dienstag, Dezember 29, 2009 um 14:35 #

    Wow, das klingt ja mal interessant!

    Einen Reisebericht habe ich lange nicht mehr gelesen, aber ich denke noch gern an ein uraltes Buch meines Vaters „Mit dem Moped durch Afrika“ (zwei DDR-Abenteurer, die in den 60ern mit 50ccm-Maschinen monatelang in einer teils noch kolonialen Welt unterwegs waren) oder die Thor Heyerdahl-Schilfboot-Expeditionen zurück.

    Obwohl ich mich inzwischen sehr bequem in einem „5Tage/Woche-Büro-Alltag mit Fernwärme im Neubau und Dosenbier am Abend“-Leben eingerichtet habe, ich glaub ich könnte dieses Buch vertragen, selbst auf die Gefahr hin, mein eigenes laues Leben ein wenig fad zu finden 🙂

  2. Muschelschubserin Dienstag, Dezember 29, 2009 um 15:58 #

    Wenn du liest, bin ich gespannt, wie es dir bekommt und würde mich über eine kurze Mitteilung freuen. 🙂
    Ich bin ja auch relativ eingenistet in ein Durchschnittsleben, so isset ja nicht. Altmann sagt einem auch nicht, dass man es anders machen soll. Aber er regt an und regt auf. Und das trifft zumindest bei mir mitten ins Herz, zumal ich permanent und täglich diese oben erwähnte „erhöhte Temperatur“ habe. Ich weiß ganz genau, was er damit meint, mit jedem Tag mehr. Und ich bin jedem dankbar, der mich anschubst, das nicht zu vergessen.

    Im Reporter-Forum ist übrigens noch ein nettes Interview mit ihm verlinkt („Mich langweilen die Braven und Satten“): http://www.reporter-forum.de/index.php?id=117&tx_rfartikel_pi1%5BshowUid%5D=118.

  3. tigger Dienstag, Dezember 29, 2009 um 17:32 #

    „Mag schon sein, dass in heutigen Zeiten – Zeiten, in denen man uns aus allen vier Himmelsrichtungen die Botschaften des Protzens und der Raffgier einbläut – noch einer auffällt, den andere Sehnsüchte treiben, als sein Leben mit Plunder zu vermüllen.“ (ein Satz aus dem erwähnten Interview) – Ja, Altmanns Art, mit Worten umzugehen, gefällt mir schon in dem kurzen Interview. Mal die Augen aufhalten, wenn ich demnächst im Bücherladen steh (denn Amazon wär viel zu bequem *g*)

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    […] ist sein erster Roman für Erwachsene. Sollten weitere folgen, habe ich vielleicht schon meine nächste Autoren-Entdeckung […]

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