Innenstadt-Parcour

19 Sep

Kurz vor Mitternacht schlendere ich auf dem Weg vom Bahnhof durch die Innenstadt nach Hause. Gefühlt nur Idioten unterwegs. Ich weiß nicht, was sich muskelbepackte Männer dabei denken, wenn sie zu dritt auf eine Frau zugehen, die nachts alleine unterwegs ist und sich fast schon an der Häuserwand entlang nach Hause hangelt. Was sie sich dabei denken, blöde Sprüche zu reißen, direkt auf sie zuzugehen, damit sie ausweichen muss. Fühlt ihr euch groß bei solchen Aktionen? Braucht ihr das? Ich wünsche euch, dass ihr mal spürt, wie sich sowas anfühlt. Wie unterlegen man sich fühlen kann und wie das ist, wenn man genau weiß, man hätte keine Chance. Ich bin schon in wesentlich harmloseren Situationen sehr ernsthaft angefallen worden, von wesentlich harmloseren Typen und ich möchte das niemals wieder erleben. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Schreien, dass Tageslicht, dass ein sehr öffentlicher Ort mit haufenweise Menschen drumherum nichts, gar nichts helfen muss. Und kann auf solche Hohlbratzen verzichten, die sich einen Spaß draus machen, junge Frauen zu bedrängen.

Kurz vor dieser Situation bin ich aber in eine andere geraten. Auch mitten in der City. Ich höre, wie laut diskutiert wird. So wie Kerle diskutieren, die sich in wenigen Augenblicke prügeln. Dann sehe ich sie auch und gehe an ihnen vorbei. Und dann denke ich, das kann nicht sein, dass ich jetzt einfach weitergehe, als hätte ich das nicht wahrgenommen. Drehe mich um, gucke mir die Situation flüchtig an: Ein Punk steht vor einem Kerl, der von zwei weiteren Punks von hinten an den Armen festgehalten wird, und ist drauf und dran, ihm so richtig die Fresse zu polieren. Der Festgehaltene hat keine Chance. Ich kann nicht weitergehen. Bleibe stehen, gucke die vier an. Die sehen mich sofort, drehen sich in meine Richtung. Einer sagt „Alles ok hier, kein Problem, das ist mein Bruder.“ Der Festgehaltene sagt aggressiv und ein bisschen bibbernd „Ach ja!?“ Ich denk, scheiße, was soll ich denn nu machen? Niemand anderes bleibt stehen. Ich kann gar nix sagen, mache nur „Mmmh“ in einem Tonfall, der zeigt, dass ich das mit dem Bruder nicht glaube. Und gehe nicht weiter, gucke nur und hab Schiss und frage mich, was genau ich machen soll. Ich nehme gar nicht mehr wahr, ob da überhaupt noch andere Leute in der Nähe sind. Tunnelblick. Ich bleibe stehen wie angewurzelt, denke an mein Handy und die Polizei.

Und dann, ganz harmlos und plötzlich, löst sich die Vierergruppe auf. Die lassen den Typen einfach los und der bis gerade Festgehaltene und der, der ihm eine reinhauen wollte, gehen Richtung Bahnhof. Sie bemotzen sich, aber sie gehen nebeneinander her. Die anderen beiden, die den Typen festgehalten haben, kommen allerdings direkt auf mich zu. Richtig nah. Ich denk für ein paar Sekunden, jetzt vermöbeln die den einen doch noch und halten mich fest, damit ich nix machen kann. Jeden Moment werden sie zugreifen. Ganz kurz vor mir drehen sie ab und einer geht links, einer rechts an mir vorbei. Einer sagt: „Nächstes Mal breche ich ihm die Arme.“ In den nächsten Minuten läuft mir eine Gänsehaut nach der anderen den Rücken runter.

Und mir wird zum ersten Mal der Zwiespalt bewusst, in dem man sich befindet, wenn man nicht weitergeht. Wenn sonst keiner stehen bleibt. Wenn man sich ganz alleine mehreren gegenüberstellt. Als Frau. Mir wird aber auch bewusst, dass mein Stehenbleiben und Gucken wider meiner Erwartung gereicht hat, die ganze Situation einfach aufzulösen. Einfach so.

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12 Antworten to “Innenstadt-Parcour”

  1. danielfahr Samstag, September 19, 2009 um 18:25 #

    Ich bin stolz auf dich. Das muss ich in dieser deutlichkeit so sagen. Zivilcourage ist nicht mehr selbstverständlich. Grade nach dem Unglücksfall in München.

    Ich glaube, dass aber die Hemmschwelle für Übergriffe bei Frauen noch höher ist. Nicht umsonst setz die Polizei grade in der ersten Reihe Frauen zur Deeskalation ein. Und das mit Erfolg.

    Sehr erschreckend, was du da Nachts mit diesen drei Halbstarken erlebt hast. Leider gibt es Männer, die das nötig haben. Traurig, aber wahr. Kann mich da nur für meine Zunft entschuldigen. Es sind nicht alle Männer so.

  2. spinpoint Samstag, September 19, 2009 um 19:10 #

    wat treibst Du Dich auch mitten in der Nacht in der Dortmunder Innenstadt rum..nenene. Von Dortmund gibts ja die wildesten Stories, dass da einfach abends bekloppte Typen vor der Tür stehen und einem irgendeinen Scheiß andrehen wollen. Daher kann man doch am besten abends zuhause bleiben und einfach keinen reinlassen… dann passiert son Scheiß auch nicht 😉

  3. Fantasma Sonntag, September 20, 2009 um 09:24 #

    Finde ich super, wie Du Dich verhalten hast. Ich hab mir das auch vorgenommen, bin aber schon ewig nicht mehr in so einer Situation gewesen. In bedrohlichen, wie Deinem Halbstarken-Erlebnis allerdings schon häufiger. Ich glaub, als Frau ohne Auto und zu wenig Geld fürs Taxi, lässt sich das kaum vermeiden, denn je später der Abend desto betrunkener die Heimwankenden.
    Bei der Zivilcourage würde ich nur einen Abstrich machen: wenn Drogen im Spiel sind. Da lieber aus sicherer Distanz die Polizei rufen und bloss keine Beschwichtigungversuche starten, denn diese Leute sind, glaube ich, zu allem fähig.

  4. Stromfrau Sonntag, September 20, 2009 um 11:54 #

    HAMMER und Hut ab für deinen MUT!

    Ich weiß schon warum ich niemals bahnfahre und vor allem Nachts nicht alleine durch die Stadt laufe! Denn: A hätte ich zu viel Schiss inne Buchse, dass genau sowas passiert und B ich hätte keine Zivilcourage. Ich würde meine Beine in die Hand nehmen und rennen für lauter Schiss!

    Was hat der arme Mann aus München durch sein einschreiten gewonnen? Klar: einen Orden, lauter Menschen die ihn bewundern. Aber was hat er leider verloren: SEIN LEBEN!!! Ich glaube, wenn er nochmal wählen dürfte in der gleichen Situation würde er auch seine Beine in die Hand nehmen und rennen! Und jetzt noch leben und für seine Kinder da sein!!!

  5. Muschelschubserin Sonntag, September 20, 2009 um 16:00 #

    Es hat irgendwie was Heimeliges an sich, wenn man nach längerer Bahnfahrt und einer Nacht auf fremder Matratze sowie längerem Blog-Overkill nach Hause kommt und so viele neue Kommentare lesen kann. Is ja doch ganz nett, dieses Blog-Dings. 🙂

    @danielfahr / Fantasma
    Ich hab da gar nicht drüber nachgedacht so richtig. Das einzige, was ich gedacht hab war „Ich kann da nicht so nah dran vorbeigehen und tun, als wäre ich blind und taub.“ Mehr nicht. Ich weiß nicht, ob das Zivilcourage ist. Hab das Wort extra vermieden. Ob es „mutig“ oder „dumm“ ist, entscheidet vermutlich die andere Partei, nicht man selbst. Dass die Hemmschwelle Frauen gegenüber größer ist, mag sein. Aber wenn sie nicht da ist, hat eine Frau schnell schlechtere Karten. Und es ist erstaunlich, wie hemmungslos manche Männer sein können – auch die, die man gut kennt (oder glaubt zu kennen). Das mit den Drogen würde ich auch so sehen denke ich. Nur weiß man das ja nicht unbedingt. Und für Alkohol kann unter Umständen ähnliches gelten. Nur denkt man im entscheidenden Moment gar nicht unbedingt so weit.

    @Stromfrau
    Ich halte nichts tun etc. für falsch. Ich halte es auch für falsch, ein gewisses Risiko zu verallgemeinern und als immer gültige Tatsache anzusehen. Und das tut man, wenn man wegrennt (zumindest wäre es in dieser Situation so gewesen, die ja noch halbwegs harmlos und alltäglich war). Aber wie gesagt, man denkt nicht groß nach und fragt sich nachher selber, ob das nu schlau war. Vermutlich denkt man auch nicht groß nach, wenn man weitergeht.

    @spinpoint
    Scheiß andrehen? Meinst du flüssigen, roten Scheiß? Von dem man Pusteln bekommt? Ja, echt, ganz schön frech, einem sowas anzudrehen. 😀 Aber ein netter Abend wiegt solche Dinge wie Pusteln durchaus auf. Sieht doof aus, fühlt sich aber gut an. 😉

  6. Stromfrau Sonntag, September 20, 2009 um 17:51 #

    … ich denke, die Polizei hätte ich aus sicherer Entfernung auch angerufen – je nachdem welche Situation gerade herrscht, aber wenn sich ein paar Kerle kloppen oder es bald tun, geh ich ganz sicher nicht dazwischen… und auch nicht in die Nähe! Hab da immer meine Tochter im Hinterkopf und eben den Münchener Fall!

  7. spinpoint Sonntag, September 20, 2009 um 22:10 #

    ok, beim nächsten Mal dann sofort den gesunden Trunk aus Wacholderbeeren. Da bist Du garantiert nicht allergisch 😉 Außerdem sah Dein Gegenüber ja auch nicht wirklich besser aus. Vermacktes Gesicht, kaputte Lippe… als hätte er sich gerade frisch geprügelt (und verloren). Aber genossen hat auch er den Abend.

  8. Chikatze Montag, September 21, 2009 um 00:30 #

    wow. respekt.
    ich muß gestehen, ich kneife auch oft in solchen situationen. falsch, ich weiß. aber die angst, selbst angegriffen zu werden ist oft zu groß.
    aber du hast recht: man darf nicht vorbeigehen.
    ich werde beim nächsten mal auch versuchen, es anders zu machen.

  9. Muschelschubserin Montag, September 21, 2009 um 12:59 #

    @spinpoint
    Ja, bisher zumindest ist mir eben dieser Trunk eher gut bekommen. Sollte vielleicht mal gucken, ob das noch gilt. Nur testweise natürlich. Nur auf EINEN Drinki. 😀

    @Chikatze
    Ich hab auch schon gekniffen, aber es war einfach nie so nah an mir dran und offensichtlich. Ich weiß aber nicht, was ich das nächste Mal tun würde. Eins steht fest: Ich lege mich nicht vorher schon generell fest, ob ich in solchen Situationen einschreite oder nicht, sondern verlasse mich im Zweifel auf meinen Instinkt. Das kommt zu sehr auf den Einzelfall an find ich. Ich würde mich aber durchaus festlegen, einzuschreiten, wenn ich damit jemand anderen unterstützen würde, der schon zuvor eingeschritten ist und weitere Hilfe benötigt.

  10. TrueTigger Montag, September 21, 2009 um 16:46 #

    Wirft ein interessantes Licht auf die Prügelattacke in München und die Vorwürfe, niemand habe angehalten und geholfen. Denn bei der Polizei sind durchaus ne Menge Anrufe eingegangen, aber wer – ausser Dir – hat schon den Mumm und mischt sich in einer aggressiven Situation auch noch ein?

    Ich hätts nicht gemacht.

    Und was das Bedrohen angeht – glaub mir, viele Kerle denken gar nicht nach, was sie da unter Umständen für Assoziationen auslösen. Die statistischen Zahlen besagen ja, dass jede 5. Frau (oder waren es noch mehr?) irgendwann einmal vergewaltigt wird, doch dies geht sicher keinem der Idioten durch den Schädel.

  11. Muschelschubserin Montag, September 21, 2009 um 20:02 #

    Glaub ich auch nicht, dass da drüber nachgedacht wird. Die merken auch nicht, dass es ziemlich arm ist, sich durch sowas groß zu fühlen. Ich glaube, solche Typen denken überhaupt höchst selten über irgendwas nach. Man kann Bauklötze staunen, was für unglaubliche Ausmaße so etwas annehmen kann.

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  1. Ruhrpilot » ruhrbarone - Sonntag, September 20, 2009

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