Material Girl – Ein Drama in wenigen Sekunden

11 Aug

Es gibt seit heute ein traumatisches Erlebnis mehr in der Kette traumatischer Erlebnisse meines Lebens.

Ich stapfe mit gezückter EC-Karte in die Bank und möchte Geld abheben. Ich komme von der Uni, letzte Sprechstunde vor der Abgabe meiner Diplomarbeit. Es gab lauter gute Nachrichten, mir ist ein Stein vom Herzen gefallen. Außerdem hab ich seit Wochen mal wieder etwas Luft geschnappt, war ein paar Minuten draußen. Und ich verdränge den Diplomstress an einem Müslibrötchen knurpsend. Alles gut also. Ich steuere auf den einzigen noch freien Geldautomaten zu – und sehe im Schlitz ein dickes Bündel bunter Scheine stecken!! Das Bündel war sicher einen Zentimeter dick, größtenteils 50er-Scheine, ein paar kleinere oben drauf. Ich denke: WHAT THE FUCK!? Oder sowas ähnliches. Gleichzeitig bricht in meinem Kopf im Bruchteil einer Sekunde ein Blitzlicht-Gewitter an Gedanken aus.

Ich drehe mich suchend um, mit offenem Mund, will jemanden ansprechen, aber wen und was soll ich sagen? Ist denn hier kein Bankangestellter? Ich kann das doch nicht einfach rausziehen. Nachher werde ich beschuldigt, es mitnehmen zu wollen. Wobei – vielleicht will ich das ja! Klar will ich! Und wie ich will! Her damit! Aber… aber… das geht doch nicht! Oder doch? Soll ich? Und wenn mich einer sieht? Vor meinem inneren Auge sehe ich eine Unterwasserkamera (davon träume ich seit Jahren). Ich sehe mich in Australien. Ich sehe tütenweise Einkäufe. Ich sehe innerhalb weniger Sekunden leuchtende, paradiesische Zustände und mich mittendrin!

Ich bin wesentlich materieller eingestellt, als mir bisher klar war.

Jedenfalls: Unauffälliges Verhalten sieht sicher nicht so aus wie das, was ich da veranstalte. Wie ein Hund, der seinem eigenen Schwanz hinterher rennt, drehe ich mich um die eigene Achse, suche mit Blicken nach Hilfe. Sehe wieder zum Automaten, auf die Scheine, wieder in den Vorraum der Bank. Warum kommt denn nicht endlich der Besitzer reingestürmt und erlöst mich von dieser Qual!? Also, wenn der jetzt nicht kommt, dann muss der ja mal sowas von oberdämlich sein, der hätte es ja gar nicht anders verdient! Es wäre Gerechtigkeit! Ich MUSS das Geld ja quasi mitnehmen bei so viel Blödheit!

Und dann, während ich innerlich zerreiße an meiner frühkindlichen Erziehung zu einem ehrlichen Menschen und der mit himmlischen Engelschören frohlockenden Versuchung vor meiner Nase, macht es „zzzzzt„. Und der Automat teilt mir mit, dass er das Geld wieder einzieht. Direkt vor meinen Augen. Auf dem Bildschirm steht der denkbar brutalste Satz: „Zu Ihrer Sicherheit.“

Ich könnte schwören, dieses Einziehen hat in Zeitlupe stattgefunden. Gaaaaanz langsam. Irgendwoher habe ich auch ein dreckiges, boshaftes, wahnhaftes Gekicher gehört.

Ich werde dieses Bild niemals vergessen.

(Und ziehe mich für noch knapp zwei Wochen wieder zurück ins Blog-Päusken – um einen mordsmäßigen Endspurt hinzulegen. 😉 )

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13 Antworten to “Material Girl – Ein Drama in wenigen Sekunden”

  1. Muriel Dienstag, August 11, 2009 um 14:21 #

    Wow. Ich hatte dein Blog schon fast vergessen, aber in diesem Moment freue ich mich maßlos, dass es noch in meinem Feedreader steht. Danke für den Eintrag, der ist große Klasse!
    (Und mach dir keine Sorgen wegen des Geldes. Das wär niemals gutgegangen, diese Bereiche werden doch videoüberwacht.)

  2. Kassiopaia Dienstag, August 11, 2009 um 15:05 #

    Auch wenn du jetzt nicht reicher bist, die Geschichte von diesem tragischen Vorfall hast du großartig beschrieben. Ich habe mich hier leise weggeschmissen vor Lachen (sonst gucken die Kollegen doof). Gut, davon kannst du dir auch nichts kaufen. Ähm…, ja…, was auch immer ich jetzt schreibe, es hilft dir nix. Nur so viel: Du bist eine ehrliche Haut, das wird später sicher belohnt werden. ^^

  3. truetigger Mittwoch, August 12, 2009 um 08:10 #

    An die Videoüberwachung hätt ich gar nicht gedacht – aber wer weiss, wie arg Dich hinterher das schlechte Gewissen geplagt hätt: was, wenn das Geld einer alten Oma gehört hat, die einen grossen Teil ihrer monatlichen Rente abholen wollte, um ihrer Enkelin, die gerade eine Diplomarbeit schreibt, eine Finanzspritze geben zu wollen?

    In dieser Situation aber wär wohl jeder erst einmal schwach geworden 🙂 Und um Dich zu trösten: ich hatte einmal – damals war ich noch jung – im Supermarkt 10 DM gefunden, für mich damals viel Geld. „Wer hat denn den 10-Mark-Schein verloren?“ fragte ich laut an der Kasse. Alle drehten sich um, und irgendein Spinner checkte die Situation als erster: „Das ist meiner.“ Zack, war ichs wieder los. Nachher war mir auch klar, dass der Kerl einfach nur clever (und rücksichtslos) war, und ich zu dämlich 🙂

  4. spinpoint Mittwoch, August 12, 2009 um 08:52 #

    Erstmal einen wunderschönen guten Morgen und herzlichen Glückwunsch zu den guten Nachrichten der Diplomarbeit ;-).
    Na, die materiellen Versuchungen führen doch alle mal wieder in Verführung, oder? Mir ist letztens was ähnliches passiert, allerdings hatte die Dame vor mir einfach das Geld nur stecken lassen. Sie hat die EC-Karte wieder weggesteckt und ist gegangen (aber das Geld kommt ja immer nach der EC Karte aus dem Automaten…). Da hab ich mir das Geld geschnappt und ab damit zur Besitzerin. Die hat mich angeguckt wie ein Auto vor Verwunderung, dass Ihr jemand das Geld hinterherträgt (das wirft ja wieder mal eine Frage nach der Moral in der GEsellschaft auf… ich halte das für völlig normal, das Geld [wenn der eigentliche Besitzer eindeutig bekannt ist]..für die Frau war das wohl eher die Ausnahme…)… Naja, just my 50Cents…. Lg

  5. danielfahr Mittwoch, August 12, 2009 um 10:59 #

    Schön, mal wieder was von Dir gelesen zu haben.
    Freue mich auf die nicht mehr Muschelschubse frei Zeit!!!

  6. Muschelschubserin Mittwoch, August 12, 2009 um 12:04 #

    Danke sehr! Freue mich, dass ihr noch da seid! 🙂

    An die Videoüberwachung hab ich in dem Moment auch nicht gedacht. Ich hätte mir von dem Geld wohl direkt eine neue Frisur gönnen sollen. 😉

    Ich hab aber darüber nachgedacht, dass, wenn ich das jetzt laut verkünde, tatsächlich jemand kommen und das Geld nehmen könnte, obwohl es ihm nicht gehört. Deswegen hab ich niemanden angesprochen. Ich hätte es aber niemals ernsthaft mitnehmen können. Nichts, was ich mir davon hätte leisten können, wäre genießbar gewesen. Und dennoch: Wenn es da so blitzt und blinkt, wenn niemand kommt, wenn es niemand merkt… Es ist eine Zwickmühle, in mehrfacher Hinsicht.
    Ich wusste ja nicht, dass der Automat es wieder einziehen wird und machte mir wirklich auch Sorgen, dass wenn ich das jetzt rausnehme, ich – auch wenn ich es nur zum Schalter oder Sicherheitspersonal bringen wollte – des Diebstahls bezichtigt werden könnte.
    Jedenfalls bringt einen sowas aus dem Konzept.

    Ich würde gerne einen Blogbeitrag des Besitzers lesen. Wie er an irgendeiner Kasse steht, denkt, er hätte gerade den entsprechenden Betrag abgeholt (ich gehe davon aus, dass der Betrag für etwas bestimmtes vorgesehen war). Wie er merkt, dass das Geld nicht da ist. Wie die Panik hochsteigt. Wie er zurück hechtet, sieht, dass das Geld NATÜRLICH nicht mehr im Schlitz steckt… Eiei. Was muss das für eine Erleichterung sein, festzustellen, dass es trotzdem noch auf dem Konto ist. 😀

  7. Torsten Mittwoch, August 12, 2009 um 21:47 #

    Du bist halt einfach ein guter Mensch.
    Viel Glück noch, die nächsten 2 Wochen.
    Wir denken an dich und drücken weiterhin die Daumen
    L.G.

  8. Stromfrau Donnerstag, August 13, 2009 um 19:04 #

    Danke für die schöne Geschichte! Frank fragte schon, was ich gerade mache, denn ich gab so grinsende Laute von mir!!!

    Mir ist ähnliches passiert… aber von vorne! Wir wollten essen gehen, mir fehlte Geld. Ich also schnell husch husch in die Spaßkasse, da gibbet ja sowas. Schnell die Geheimzahl eingetippt und schwupp ab zum Laden des Gelüstes, in dem ich mir den Bauch vollschlagen wollte!

    Lecker lecker, satt… und dann ging es ans bezahlen! Nee schön und dachte ich noch, dass ich Geld in der Tasche hätte, weit gefehlt – da war gähnende Leere in meiner Geldbörse! Wie gut, dass mein heutiger Ehegatte dabei war; der durfte dann tief in die Tasche greifen!

    Und die Moral von der Geschicht: vergiss dein Geld am Automaten nicht!

    Ca. 24 Stunden später, mitsamt einiger grauer Haare mehr vor Ärger (weil ich dachte, irgendein Pappkopp freut sich jetzt über 100 Euro) stellte ich fest, dass auf dem Geldautomat erst 100 Euro minus und dann 100 Euro plus gebucht wurden!

    Ich war also quasi die „andere“ Person deines Erlebnisses, dachte noch über das Gute im Menschen nach und freute mich, auch wenn ich damals weder Kind noch Enkelkind zu beschenken hatte 😉

    Was ich damals auch noch nicht wusste, dass das Geld automatisch nach ein paar Sekunden wieder eingezogen wird! Man lernt eben nie aus *gggg*

    Und nun wünsche ich dir nur das Beste für deinen Endspurt; deine Ehrlichkeit oder sagen wir Lahmheit ;o) wird bestimmt insofern belohnt, als dass du die Arbeit rechtzeitig fertigkriegst!

    Also gib Gas und dickes Endspurtkussi von deinen zwei Mädels 🙂

  9. dummfisch Freitag, August 14, 2009 um 10:03 #

    Da isse wieder!
    **freumich**

  10. kblog Montag, August 17, 2009 um 00:53 #

    Nein, Dich habe ich auch keine Sekunde vergessen – wenn ich meinen Feed gestartet habe, habe ich jeweils geschaut, ob es bei Dir wieder einen Artikel gab.

    Aber ich weiss ja wie es ist; ich habe mich daher in Geduld geübt (ja, im wahrsten Sinne des Wortes… ich bin kein geduldiger Mensch).

    Ich wünsche Dir alles Gute!

    Achja: Dass die Automaten das Geld wieder einziehen wusste ich. Eine Arbeitskollegin hat mir vor einigen Wochen erzählt, sie habe auch mal vergessen, das Geld rauszuziehen. Es wurde wieder eingezogen und sogar wieder gebucht. Ich nehme an, das passiert nicht nur bei Schweizer Banken…

    Grüsse!

  11. Muschelschubserin Freitag, August 21, 2009 um 22:25 #

    Danke für’s Freuen und Daumendrücken! 🙂

  12. zimtapfel Donnerstag, September 10, 2009 um 19:47 #

    Sehr fein! 😆

    Ich hatte vor ca. 2 Jahren mal meine Karte im Automaten stecken lassen, habe es natürlich auch erst Tage später bemerkt als ich sie das nächste Mal brauchte, da war die Panik groß, schließlich war sie erstmal einfach nur weg. Wo und wann ich sie das letzte mal in der Hand hatte, konnte ich erst Stunden später rekonstruieren: neulich am Automaten. Hm, dann habe ich sie womöglich da vergessen? Es war natürlich nicht nur Wochenende, nein, es war auch noch Ostern, also dauerte es, bis ich in der Bank anrufen und nachfragen konnte. Aber dann, natürlich: Jawohl, Frau Zimtapfel, die ist im Automaten gefunden worden, nein, kein Problem, schicken wir Ihnen zu. Puh!
    Und die Dame bei meiner Bank erzählte mir dann noch, das sowohl Geld als auch Karte nach einigen Sekunden wieder reingezogen werden, wenn man sie nicht nimmt. Eben damit der nächste der an den Automaten kommt, nicht in Versuchung geführt wird.
    🙂

  13. Muschelschubserin Freitag, September 11, 2009 um 14:06 #

    Das hört sich auch nach einem ziemlichen Horror-Trip an. Das erinnert mich auch alles daran, wie mir eineinhalb Tage vor Abflug nach Australien mit vier Monaten Aufenthalt das Portemonnaie samt Ausweispapieren, EC-Karten etc. aus dem Auto gestohlen wurde. Scheibe aufgebrochen. Wenn, dann kommt’s meist doppelt dicke. 😀

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