Auf welcher Seite der Kluft steht ihr? (inkl. 2 Ergänzungen)

2 Jun

Bei Spiegel Online gibt’s einen höchst lesenswerten Beitrag zum Thema Netzsperren, in dem deutlich wird, was dieser ganze Konflikt ausgelöst hat und warum es so gekommen ist:

Die Überraschung unter den politischen Spitzenkräften Berlins in den vergangenen Wochen war kaum zu übersehen. Etwas Unerhörtes war passiert. Eine neue politisch-gesellschaftliche Frontlinie ist sichtbar geworden, eine, die das Klima in diesem Land auf Jahre hinaus prägen könnte. Die Generation C64, die erste, die mit Computern aufgewachsen ist, hat die Nase voll von Herablassung und Gängelung, will sich nicht länger an den Rand der gesellschaftlichen Debatte drängen lassen. Sie wehrt sich, mit ihren Mitteln. (…)

Dass die Unterzeichner der Petition gegen das Filtergesetz es wagen, Vernunft und Bürgerrechte sogar unter dem Risiko, als Päderastenfreunde gebrandmarkt zu werden, zu verteidigen, ist eine Entwicklung, die es eigentlich zu feiern gälte. Hier setzen sich Menschen für sinnvolle Gesetze und demokratische Grundprinzipien ein, teils schamloser öffentlicher Diffamierung zum Trotz. Das passt besser zum 60. Geburtstag des Grundgesetzes als jede Sonntagsrede.

In dem Text geht es unter anderem um die These, die ganze Diskussion verdeutliche einen Generationenkonflikt zwischen den jungen mittlerweile im Internet Heimischen und den älteren Offlinern, die dieses Land regieren. Dieser These stimme ich nur bedingt zu, denn es gibt in diesem Land eine Kluft zwischen Onlinern und – erstaunlich vielen – jungen Offlinern, für die das Internet bei Emails und MySpace aufhört. Ein Blick in den Bekanntenkreis reicht, um das zu verstehen. Diese Kluft wird immer größer und sie ist besorgniserregend. Und ich will schon lange tiefer darauf eingehen. Hier geht’s mir aber nur am Rande darum.

14 Tage sind noch Zeit, die e-Petition gegen die Netzsperren zu unterstützen, so wie es nach aktuellem Stand 105.441 Menschen getan haben. Ich hoffe doch sehr, dass darin mittlerweile ein paar Namen enthalten sind, die ich kenne.

Ergänzung 1: Thomas Knüwer hat im Handelsblatt-Blog Indiskretion Ehrensache einen vielleicht noch lesenswerteren Beitrag geschrieben, der zu diesem Thema passt – Lesebefehl:

Heute schnappen sich wenige, politisch hoch interessierte Bürger all die Aussagen und paaren sie mit Hintergrundinformationen, setzen sie in zeitliche Zusammenhänge, kommentieren all das und schließlich vernetzen sie sich. Und dabei nehmen sie mehr Menschen mit, als ein Wolfgang Schäuble oder eine Ursula von der Leyen sich das vorstellen.

So wird die neue Eskalationsstufe jene Entwicklung, die Christan Stöcker in seinem Generation-C64-Artikel beschreibt beschleunigen. Es entsteht eine gewaltige Kluft zwischen den Herschenden und den Sich-Beherrscht-Fühlenden. Das kann und wird auf Dauer nicht gut gehen. Macht die Regierung auf ihrem Kurs weiter, wird etwas passieren.

Ergänzung 2: Der kalte Atem von Vater Staat – Deutschland liegt laut einer amerikanischen Studie auf einer Liste der elektronischen Polizeistaaten auf Platz 10 – weltweit. Unter diesem Link findet sich ein Bericht von 3Sat, der in fünf Minuten noch einmal erklärt, warum die Netzsperren die Demokratie gefährden (ohne auf alle Einzelheiten und Kritikpunkte einzugehen) und was der Staat seit den Terroranschlägen 2001 noch getan hat, um uns zu überwachen, jeden Schritt im Internet, am Handy etc. über mehrere Monate nachverfolgen zu können.

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7 Antworten to “Auf welcher Seite der Kluft steht ihr? (inkl. 2 Ergänzungen)”

  1. truetigger Dienstag, Juni 2, 2009 um 21:17 #

    Die Trennung zwischen ALT + JUNG passt auch umgekehrt beim recht jungen Wirtschaftsminister nicht, der trotz seines Alters von den Protesten gegen seine Pfuscherei am Telemediengesetz als Lösung der Grundgesetz-Problematik schlichtweg nicht verstand.

    Aber was erwartet man vom SpON, der sich ja selbst mit dem ominösen Web2.0 schwer tut – einerseits von Wikipedia abschreiben, anderseits durchsichtig Blogs als Konkurrenten von bezahltem Journalismus dissen.

    In Wahrheit ist das Internet nicht die Ursache der Entwicklung, eher ein Katalysator: die Zeiten des blinden Vertrauens in Politiker ist dahin, ebenso die Zeiten der fixen politischen Wählerlager. Heutzutage informieren sich Menschen genauer über Grundlagen, ziehen mehr in Zweifel, hinterfragen stärker.

    Auf Telepolis gab es eine interessante Gegenüberstellung zu den 60-Jahr-Feiern des Grundgesetzes – auch sowas findet sich in Politikerköpfen egal welcher Partei nicht, denn alle jubeln reflexhaft beim Gedanken an das Grundgesetz.

  2. morningstar Mittwoch, Juni 3, 2009 um 08:57 #

    Und endlich!!! Endlich tut sich was!!! Ja woll! Die Generation C-64 wird noch einiges bewegen… Und das böse Internet (so auch einige Aussagen verschiedener Politiker) wird sich weitaus mehr verbreiten und Lücken bieten, als es je zu überwachen geht… Aber das, das wissen die EIGENTLICHEN, die dahinter stecken, selbst genau!

  3. Muschelschubserin Mittwoch, Juni 3, 2009 um 20:53 #

    Thomas Knüwer hat in seinem Blog einen sehr schönen Beitrag geschrieben, der auch dazu passt und der das Ganze noch einmal auf eine neue Ebene hebt (ich schätze, der würde vielleicht vor allem dich interessieren, Truetigger 😉 ). Ich füge den Link an obigen Beitrag an.

  4. truetigger Mittwoch, Juni 3, 2009 um 21:46 #

    Jepp, sehr interessant – und auch tiefgründiger als die Floskel von Generation C64. Thx für den Link, Muschelschubserin!

  5. kblog Freitag, Juni 5, 2009 um 00:03 #

    Huch! So alt bin ich nun schon? „Generation C64“? Gefällt mir irgendwie, aber dann fühle ich wieder alt… dazu passt, dass ich diese ganze Diskussion noch immer nicht ganz verstanden habe, aber das hat hoffentlich mehr damit zu tun, dass ich Schweizer bin…

    Im Ernst: Auch wenn ich diese Debatte nicht ganz mitgekriegt und verstanden habe, es ist besorgniserregend, was hier abläuft. Vor allem dann, wenn ich daran denke, dass Deutschland oft – zum Glück nicht immer – einen Einfluss auf die Schweizer Gesetzgebung hat.

  6. Muschelschubserin Freitag, Juni 5, 2009 um 18:54 #

    @truetigger
    Bitte sehr. 🙂

    @kblog
    Ich würde euch wünschen, dass euch diese Debatten erspart blieben. Und ich wünsche mir generell, mehr Leute würden erkennen, dass es nicht mehr um die Frage geht, ob man online zuhause ist oder nicht, weil’s einen ja im letzten Fall nichts anginge. Unsere Kinder werden uns eines Tages fragen, wie wir das zulassen konnten. Denn die werden ganz sicher keine Offliner sein.

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