Geschubste Bücher

6 Mai

Was ich in den letzten Wochen gelesen habe und was ich darüber denke:

  • Sir Peter Ustinov – Achtung! Vorurteile: Ich hatte mir unter dem Buch etwas anders vorgestellt. Eher eine Abhandlung darüber, wie Vorurteile entstehen, worüber wir Vorurteile haben, wie man damit umgehen kann. Es geht aber eher um die Biografie Ustinovs, die er inSir Peter Ustinov - Achtung Vorurteile Form einer langen Kette von Vorurteilen niedergeschrieben hat. Das ist ein durchaus interessanter Ansatz, denn Vorurteile scheinen sich tatsächlich wie ein roter Faden durch sein Leben zu ziehen, was vor allem an seinem familiären Hintergrund und seinem Leben als Weltbürger liegt. Hier schreibt also jemand über ein Thema, mit dem er sich bestens auskennt. Trotzdem fand ich das Entlanghangeln an Vorurteilen teilweise zu gewollt. Manches Mal dachte ich, dass die gerade gelesene Anekdote kaum etwas mit Vorurteilen zu tun hatte bzw. einer echten Definition von Vorurteil nicht standhalten würde. Und mir fehlte auch stellenweise das Wissen (vor allem im Bereich Kunst, Kultur), um die Dinge, von denen er schreibt, wirklich verstehen zu können. Nichts desto trotz ist es ein unterhaltsames, kurzweiligs und sehr sympathisch geschriebenes Buch. Folgender Vergleich hat mir besonders gut gefallen: „Der Terrorismus, der im furchtbaren 11. September kulminierte, ist ein Krieg der Armen gegen die Reichen. Der Krieg [gegen den Terror, Anm. v. mir] ist ein Terrorismus der Reichen gegen die Armen.“ (S. 208)
  • Roger Willemsen – Hier spricht Guantánamo: Wenn man die Anzahl der Bewertungen im berühmten Online-Buchversandhaus als Hinweis auf die Häufigkeit verstehen möchte, die das Buch gelesen wurde, dann ist dies eines der unterschätztesten Bücher Her-spricht-Guantànamo - Roger Willemsen interviewt Ex-Häftlingeüberhaupt. Ich weiß nicht genau, woran das liegt. Was mich aber noch mehr wundert ist, warum Willemsen es hinbekommen hat, Ex-Häftlinge zu interviewen und warum derartige Interviews nirgends in den Medien zu finden waren und sind? Gerade jetzt ist Guantánamo wieder in aller Munde (bei der Frage, welches Land welche Häftlinge aufnehmen soll / will / kann und weil Obama den Folterern Straffreiheit versprochen hat). Wie kann es sein, dass niemand mit den (ehemaligen) Häftlingen spricht? Das gehört meiner Meinung nach zu den vernachlässigtesten Themen derzeit. Zu erzählen haben sie jedenfalls eine ganze Menge schrecklicher Dinge und es ist dringend Zeit, ihnen zuzuhören. Einer der Ex-Häftlinge sagt auf S. 235: „Ich denke, dass die Guantánamo-Gefangenen die unterdrücktesten Menschen der Welt sind.“
  • Erich Kästner – Fabian: Nachdem mich Kblog darauf hingewiesen hatte, dass das Buch eine Art Erotik-Geschichte aus den 30er Jahren E.Kaestner-Fabiansei, war ich gleichzeitig gespannt und skeptisch. Und ich hätte ohne diese Vorwarnung ganz sicher nicht so eine geballte Ladung erotischer Szenen erwartet. Ich hatte mir das Buch inhaltlich eher vorgestellt wie „Anonyma“, aber es ist ganz anders. Es ist eine Gesellschafts-Satire, klar. Ständig werden Gegensätze thematisiert, vor allem auf dem Gebiet der zwischenmenschlichen Beziehungen. Zum Beispiel geht es immer wieder um die neugierigen Vermieterinnen und Nachbarn, die auf keinen Fall mitkriegen dürfen, was so abläuft. Während überall alle möglichen Konstellationen von Liebespaaren und erotischen Verstrickungen praktiziert werden. Die Dinge sind eigentlich immer anders als sie scheinen in dieser Geschichte, in jeglicher Hinsicht, weshalb ich Scheinheiligkeit als das Hauptthema ansehen würde. Das Buch wäre sicher ideal, in der Hauptstufe von Schülern durchinterpretiert zu werden. Ich bin sicher, das lässt sich hier bis zum bitteren Ende exerzieren. A pro pos… mit dem Ende hatte ich nicht gerechnet. Aber irgendwie musste das ja so kommen…
  • Helge Timmerberg – Shiva Moon: Helge Timmerberg ist mittlerweile ein recht bekannter Reise-Autor. Wenn ich Reise-Bücher lese, interessiert mich auch immer, wie die einzelnen Autoren die Reisen angehen, was sie für berichtenswert halten und welche Art Shiva Moon - Helge Timmerbergzu Schreiben sie haben. Helge Timmerberg fällt da aus dem Rahmen – auf eine etwas abgedrehte, aber erfrischende Art und Weise. In Shiva Moon geht es nicht selten ums Saufen oder Kiffen, um Frauen und um Zigaretten. Timmerberg packt in seine Reisegeschichte so ziemlich alles rein, was andere Autoren vermutlich nicht erwähnen würden. Dafür verzichtet er auf ausschweifende und allzu poetische Landschaftsbeschwörungen und – was mich am meisten beeindruckt hat – benutzt nie die Wörter, die in einem Reisejournalismus-Seminar, welches ich letztens besucht habe, auf der „Hass-Liste“ standen. Das sind Wörter wie „idyllisch“, „pittoresk“, „traumhaft“, „malerisch“ und viele andere. Bei Timmerberg gibt’s solche abgewetzten Ausdrücke und Beschreibungen nicht. Er nimmt kein Blatt vor den Mund und schreibt, dass er keine passenden Worte findet, die eine schöne Landschaft beschreiben könnten, anstatt in die übliche Wörter-Kiste zu greifen. Er befindet sich in Indien in vielerlei Hinsicht auf einem Trip, kommt eigensinnig, etwas verpeilt und ziellos daher, schafft es aber trotzdem, ein echtes Stück Indien einzufangen und festzuhalten. Und er kennt sich in dem Land aus wie kaum ein Anderer, auch das wird klar. Timmerberg steigt auf den Himalaya, hat mehrere Eingebungen, kommt in Versuchung, wechselt den Kurs, sucht das eigentliche Ziel. Er fliegt, fährt Taxi, Auto, Zug und Fähre und lässt sich mit einer Rikscha kutschieren. Er begegnet Reisenden, penetranten, verzweifelten und freundlichen indischen Bettlern, Geistheilerinnen und Frauen. Selten habe ich ein authentischeres, so wenig „geschöntes“ Reiseerlebnis gelesen. Indien fängt übrigens auf der letzten Buchseite erst so richtig an…

Danke nochmal an diejenigen, die mir die ersten drei Bücher empfohlen haben. 🙂

Aktuell lese ich übrigens „Mit dem Kühlschrank durch Irland“ von Tony Hawks (auch eine der Empfehlungen) – und lache mich jeden Abend scheckig! Meine Nachbarn müssen denken, ich schlafe mit einem Komiker. 😀

→ Was ich sonst so gelesen habe in diesem und in letztem Jahr ist hier zu finden.

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4 Antworten to “Geschubste Bücher”

  1. Kassiopaia Mittwoch, Mai 6, 2009 um 17:13 #

    Dass das „Kühlschrank“-Buch so gut ist, beruhigt mich, weil ich esnämlich verschenken werde.

  2. kblog Mittwoch, Mai 6, 2009 um 19:31 #

    Tatsächlich hatte ich „Fabian – die Geschichte eines Moralisten“ in der Schule gelesen, für die Matura (das ist, glaube ich, äquivalent zu Euerem Abi). Toll fand ich zum einen, dass wir eine Lehrerin hatten, die sowas anfassen konnte (das war an meiner Schule nicht selbstverständlich, die Schule war eigentlich konservativ eingestellt), zum anderen uns auch die „kritischen“ Momente 😉 auch erklären bzw. uns deuten konnte, dass es sich da im Blickwinkel der 30er Jahre schon fast um Pornografie handelte. Toll war aber auch, dass sie den geschichtlichen Hintergrund gut erläutern konnte. Ich glaube, mit diesem Buch allein habe ich fast so viel gelernt über das damalige Deutschland wie in der Geschichte selber. Ich weiss nicht, ob dieser Punkt für Euch eher langweilig ist, denn wir hatten die 30er Jahre und den 2. Weltkrieg nur kurz (aber relativ intensiv) durchgenommen. Ich vermute, bei euch wird das gleich 3x so viel behandelt als bei uns in der Schweiz. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass wir vieles auch über andere Länder lernen müssen, denn gerade weil die Schweiz klein ist, müssen wir international denken lernen.

    Grüsse aus Helvetien! 😉

  3. kblog Mittwoch, Mai 6, 2009 um 23:10 #

    Meine nächste Empfehlung:
    Lies of Silence von Brian Moore. Unbedingt auf englisch lesen! 🙂

  4. Muschelschubserin Donnerstag, Mai 7, 2009 um 11:30 #

    @Kassiopaia
    Ich denke, es wird gefallen. 🙂 Ich war ein bisschen skeptisch, weil ich das mit dem Kühlschrank doch arg abgedreht finde, aber es ist ganz wunderbar und lustig geschrieben.

    @kblog
    Ist ja witzig! Find ich gut, dass eure Lehrerin das angepackt hat. Ich kann nur von mir sprechen: Mich hat dieses endlose Durchnehmen des 2. Weltkrieges in der Schule irgendwann einfach nur noch abgeschreckt. Ich konnt’s nicht mehr hören. Das war nicht gerade eine Glanzleistung meinerseits, aber es hat kein Lehrer jemals geschafft, mich für das Thema zu interessieren und mir klar zu machen, warum es für mich wichtig ist, das bis ins kleinste Detail auswendig zu können. Heute tut es mir leid, dass ich mich in der Schule nicht für Geschichte (und auch nicht für Politik) interessiert habe. Aber damals waren das für mich die schlimmsten Fächer.
    Danke auch für die Empfehlung! 🙂

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