„Bildblog für alle“ – Neuer Schub für den Medienjournalismus

3 Apr

Ein Ruck geht durch Deutschlands Medienlandschaft, wie ich gerade lese: Das Bildblog, mit 40.000 Besuchern* täglich eines der meist gelesenen Weblogs des Landes, ändert nach dem Ausstieg von Christoph Schultheis sein Konzept. Ab Montag wird nicht wie die vergangenen fast fünf Jahre nur die Berichterstattung der Bild-Titel kritisch unter die Lupe genommen. Ab Montag dürfen alle deutschen Medien zittern**.

Im Rahmen meiner Diplomarbeit hab ich mich gerade noch mit der Qualität des deutschen Medienjournalismus, also der journalistischen Berichterstattung über die Medien selbst, beschäftigt. Diese ist von Problemen durchzogen. So findet sie zum Beispiel größtenteils in Fachmagazinen statt, die nur von Journalisten gelesen werden. Und die Tatsache, dass kein Arbeitgeber allzu laute Kritik am eigenen Unternehmen duldet und diese im Journalismus auch noch höchst öffentlich stattfinden würde, setzt dem (wirklich kritischen) Medienjournalismus den Maulkorb auf.

Weil die Art und Weise aber, was wir über die Realität wahrnehmen und wie wir es bewerten, zunehmend von Medien bestimmt wird, weil Medien ganz neue Realitäten schaffen und weil sie sich zusätzlich zur Finanzkrise in einer ganz eigenen Krise (man kann es auch Wandel nennen) befinden, ist es heute wichtiger denn je, journalistische Berichterstattung zu hinterfragen. So las ich neulich, Medienkompetenz gehöre ebenso zum Allgemeinwissen wie das Wissen über Politik, Wirtschaft und Geschichte.

Weblogs haben großes Potenzial, die Abgründe des Medienjournalismus zu überbrücken. Bisher hat sich das vor allem – und nicht immer auf positive Art und Weise*** – in den USA gezeigt. Aber auch hierzulande gibt es einige gute Medienblogs. Und auch, wenn es bisher keine fundierten Untersuchungen zur Wirkung dieser Blogs gibt, ist ihre potenzielle „Macht“ groß. Die Änderung des Bildblog-Konzeptes dürfte dem Medienjournalismus einen neuen, längst überfälligen Schub bescheren. Dass nun unter dieser starken Dachmarke auch andere Medien kritisiert werden, kann eigentlich nur Gutes heißen – egal, wie groß der Ruck letzten Endes wirklich ist.

Das Bildblog nimmt übrigens weiterhin die „sachdienlichen Hinweise“ der Nutzer entgegen.

Ich bin gespannt, wie in den nächsten Tagen die Reaktionen ausfallen. Wer neidisch ist, wer so gaaaar nicht zittert, wer die ganze Sache verreißt, wer sich freut, wer die erste „10-Gründe-warum…“-Liste erstellt. 😀

* nach eigenen Angaben
** Ob sie’s tun, weiß ich nicht. Dass sie es aber ohnehin nie zugeben würden, behaupte ich zu wissen.
*** Da gab es zum Beispiel die Aktion „Adopt a journalist„, die geradezu in ein Internet-Stalking gegen einzelne Journalisten ausartete.
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4 Antworten to “„Bildblog für alle“ – Neuer Schub für den Medienjournalismus”

  1. Nachtwaechter Freitag, April 3, 2009 um 23:30 #

    Ich weiß, wie offtopic das ist: Aber huch, habe ich mich eben über das neue Design erschrocken! 😉

  2. Muschelschubserin Freitag, April 3, 2009 um 23:33 #

    Huch, da hast du mich glatt beim Rumfummeln erwischt. 😀 Ich trau mich noch nicht so recht, es wirklich zu ändern. Immer passt mir irgendwas nicht. Aber ich krieg den Umzug auf meinen eigenen Webspace einfach nicht hin. Ich bin zunehmend deprimiert, wenn ich mein Blog sehe.

  3. truetigger Samstag, April 4, 2009 um 15:34 #

    Ein wenig Kritik würde so praktisch ALLEN Printmedien gut tun. Nur leiden die meisten Weblogs unter den drei gleichen Problemen:
    * kein journalistischer Ansatz (und damit wenig Recherche, also qualitative Schwächen)
    * meist stark subjektive Wahrnehmung (gut, das ist in Printmedien leider auch oft der Fall)
    * viel zu wenig Leser, um wirklich Reaktionen zu provozieren

    Und die wenigen Blogs mit überregionaler Wahrnehmung sind ebenso wie die Medienindustrie selbst hochgradig von Werbung abhängig (sie MÜSSEN also kontroverse Themen bringen, um sich Leser = Linkklicks zu sichern). Damit sind sie nicht wirklich unabhängig, sondern haben nur andere Herren als klassische Verlagshäuser, denen sie dienen.

    Nicht zu vergessen: das deutsche Sonderrecht der kostenpflichtigen Abmahnung ist der Tod jeder wirklich freien Meinungsäußerung. Man muss sich nur mal anschauen, wie viele Foren schon allein durch die Nennung von offensichtlichen Missständen juristischen Ärger bekommen haben…

    Ich erwarte von den hiesigen Medien nichts mehr. Stilistisch ist manches lesenswert, doch was freie Meinungsäußerung angeht fährt die Republik wahrnehmbar die Ansprüche zurück und begnügt sich mit Berichten über triviale Beta-VIPs.

  4. Muschelschubserin Montag, April 6, 2009 um 20:22 #

    Ja, du hast Recht mit den drei Punkten. Beim Bildblog sind aber ja genau diese Dinge anders, deshalb halte ich die Ausweitung auch erstmal für eine gute Idee (das neue Design find ich aber hässlich, hehe).

    Dass es überall gravierende Mängel gibt, ist leider wahr. Ich persönlich finde ja, das wird zu sehr auf „die“ Journalisten abgewätzt und zu wenig auf Verleger zB. Nicht alles, aber vieles hängt ja doch auch mit den strukturellen Problemen zusammen. Und ich finde auch, dass die Rezipienten ihren Hintern mal hoch kriegen sollten und mehr verstehen sollten, dass sie selbst auch Verantwortung für die Inhalte tragen. Krass ausgedrückt: Wer Scheiße konsumiert, sollte sich in einem System, das nach ökonomischen Prinzipien (Einschaltquoten) funktioniert, nicht wundern, wenn Scheiße nachproduziert wird. Und sich am besten dann noch darüber aufregen.

    Aber das hat nix mehr mit Bildblog zu tun. 😀

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