Nach mir die Informationsflut? (Teil 2) – Wandel der öffentlichen Kommunikation

11 Feb

Fasst man die wichtigsten Aspekte meiner Reflexion des Ist-Zustandes in Sachen Informationsflut und Web 2.0  zusammen und verallgemeinert sie (ich glaube, das ist in diesem Fall zulässig), kommen dabei folgende Tendenzen heraus1:

  1. Es gibt offenbar eine Kluft zwischen denen, die das Internet sehr intensiv und vor allem auch partizipativ (also durch die Erstellung eigener Inhalte und zur Interaktion) nutzen und denen, die mit dem Thema Web 2.0 kaum etwas anfangen können. Das geht meiner Meinung nach über das, was als „Digital Divide“ bezeichnet wird (Zugangsbarrieren vor allem durch soziale Faktoren), hinaus, weil es auch viel mit Interesse zu tun hat.2
  2. Diejenigen, die zu den Intensiv-Nutzern gehören, sehen sich mit einer Informationsflut konfrontiert, die zu kontrollieren eine Herausforderung darstellt (s. Teil 1). Und die einen somit noch tiefer in den Info-Wust hineinzieht…  Zeitlich ist diese Informationsmenge kaum zu bewältigen, also müssen Filter und Tools her, die helfen.

    infoflut2

    Will Lion (Flickr) unter Creative Commons License (some rights reserved)

  3. Informationen und Nachrichten zu selektieren und zu gewichten ist nicht mehr nur Aufgabe von professionellen Mediatoren wie Journalisten, sondern von jedem einzelnen Nutzer. Außerdem kann jeder, der möchte und Zugang zum Internet hat, eigene Inhalte produzieren, vollkommen unabhängig von der Relevanz der Inhalte. Was wiederum zur Info-Flut beiträgt (inklusive einer Menge Info-Müll).3
  4. Damit verbunden ist eine gewisse Verantwortung, auch vor dem Hintergrund, Bürger einer Demokratie zu sein. Wie steht es mit der medialen Grundversorgung, der Meinungsbildung, wenn ich alles, was mich nicht persönlich interessiert einfach rausfiltere? Verstehe ich die Zusammenhänge des Weltgeschehens zukünftig noch? Wie verändert sich der öffentliche Diskurs, wenn eine steigende Zahl Webuser selbst publiziert? Welche Quellen sind glaubwürdig? Wer schreibt von wem ab?
  5. Die Rolle der professionellen Mediatoren (Journalisten z. B.) verändert sich massiv durch diese Entwicklung im Onlinebereich. Und auch die Onlinemedien selbst (ebenso wie die im Print) müssen sich diesen Tendenzen anpassen. Journalisten, Online- und Printmedien tun sich damit allerdings schwer. Es wird mal mehr und mal weniger motiviert und professionell experimentiert, gewerkelt und auch eingestampft.
  6. Nie waren die Anforderungen an die Medienkompetenz jedes Einzelnen so hoch. Woher aber diese Kompetenz nehmen? Kann, sollte, muss man sich alles selbst beibringen? Sind wir überfordert? Wenn ja, warum bzw was dagegen tun?

Es lohnt sich, diese Punkte genauer zu betrachten. Letzten Endes gehen sie meiner Meinung nach jeden etwas an, egal ob Interesse vorhanden ist oder nicht. Denn diese Entwicklungen verändern die Gesellschaft, sie verändern massiv, was wir wie wahrnehmen und beeinflussen die Meinungs- und Wissensbildung sowie das Geschehen um uns herum. Es scheint mir wichtig, das kritisch zu reflektieren, statt nur DAFÜR oder DAGEGEN zu sein.

Mehr dazu demnächst…

1 Nochmal der Hinweis: Das ist alles nicht neu. Es sind meine im Web 2.0 gesammelten Erfahrungen und Meinungen gepaart mit dem, was ich in drei Jahren über das Thema in Fachliteratur gelesen habe – ohne Anspruch auf Vollständig- und / oder Endgültigkeit. Feedback, Kritik, Ergänzungen erwünscht. 😉

2 Vgl. Neuberger: „Zudem werden die Bereitschaft und Fähigkeit der Nutzer überschätzt, sich im Internet aktiv zu betätigen. Die „Illusion vom hyperaktiven Publikum“ (…) geht davon aus, dass im Internet permanent und kompetent die Möglichkeiten der Information und Kommunikation genutzt werden. (…) Im Internet steigen die Anforderungen der Nutzer im Vergleich zu traditionellen Medien, weil sie alleine mit den Folgeproblemen des unbeschränkten Zugangs zur Öffentlichkeit, der „Informationsflut“ und dem „Informationsmüll“, konfrontiert sind. Dies könnte zu einem Orientierungsverlust führen.“ (NEUBERGER, Christoph: Nutzerbeteiligung im Online-Journalismus. Perspektiven und Probleme der Partizipation im Internet. In: RAU, Harald (Hrsg.): Zur Zukunft des Journalismus. Frankfurt a. M. 2007. S. 65.) Welker spielt ebenfalls auf die Passivität der Nutzer an, weil das Leisten von aktiven Beiträgen einen Mehraufwand bedeute. Daher stiegen die Zahlen der Blog-Leser schneller als die der Blog-Autoren (WELKER, Martin: Medienschaffende als Weblognutzer: Wer sie sind, was sie denken. Eine explorative Analyse. In: RAU, Harald: Zur Zukunft des Journalismus. Frankfurt a. M. 2007. S. 97f.)

3 Vgl. NEUBERGER, Christoph: Weblogs verstehen. Über den Strukturwandel der Öffentlichkeit im Internet. In: PICOT, Arnold / FISCHER, Tim (Hrsg.): Weblogs professionell. Grundlagen, Konzepte und Praxis im unternehmerischen Umfeld. Heidelberg 2006. S. 116f.


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3 Antworten to “Nach mir die Informationsflut? (Teil 2) – Wandel der öffentlichen Kommunikation”

  1. Babs Donnerstag, Februar 12, 2009 um 09:25 #

    Ebenfalls rel. kurze gelungene Darstellung bei Schätzing, F. (2007). Nachrichten aus einem unbekannten Universum. Köln: Kiepenheuer & Witsch. Kapitel: Betrachtungen über ein Desaster.
    Da geht es eigentlich um den Tsunami, der Südostasien überrollte. Dennoch holt Schätzing gelungen aus und bietet eine ganze Reihe Denkanstösse zum Umgang mit Informationen, deren Verarbeitung und des ganzen medialen Hyps (wird das so geschrieben?), von dem wir umgeben sind.

    …witzig, hab ich gerad gestern gelesen und bin ins grübeln gekommen.

  2. Muschelschubserin Freitag, Februar 13, 2009 um 23:51 #

    Ich kann mich nicht an diese Stelle erinnern… Vielleicht gucke ich nochmal nach. Mal sehen. Danke jedenfalls für den Hinweis.

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  1. Auf welcher Seite der Kluft steht ihr? « Muschelschubserin - Dienstag, Juni 2, 2009

    […] um das zu verstehen. Diese Kluft wird immer größer und sie ist besorgniserregend. Und ich will schon lange tiefer darauf eingehen. Hier geht’s mir aber nur am Rande […]

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