Nach mir die Informationsflut? (Teil1) – Eine (sehr lange) Reflexion des Ist-Zustandes

7 Feb

Benutzt ihr einen Feedreader? Wisst ihr, was RSS ist? Twittert oder bloggt ihr? Kennt ihr Stefan Niggemeier oder den Elektrischen Reporter? Wisst ihr, dass das Basic Thinking Blog Anfang des Jahres für viel Geld bei Ebay versteigert und der Betreiber von netzpolitik.org diese Woche von der Bahn abgemahnt wurde? Bekommt ihr die Spiegel-Online-Eilmeldungen quasi in Echtzeit auf den Bildschirm, ganz automatisch, ohne Klickerei? Wisst ihr wenigstens, wer der Shopblogger ist? Alle genannten Blogs gehören zu den Top-Blogs des Landes. Aber ihr habt doch sicher schonmal „user generated content“ generiert?

infoflut

Will Lion (Flickr) unter Creative Commons License (some rights reserved)

Wer diese Fragen mit „ja“ beantworten kann, surft besser weiter. Als veraltet, hunderttausend Mal durchgekaut, langweiliges Gefasel werdet ihr sonst den folgenden Text empfinden. Wer eher mit „nein“ antworten würde, gehört vielleicht zu meinem „realen“ Bekanntenkreis, aus der analogen Welt da draußen. Diese Menschen kommen oft nicht mehr mit, wenn ich Web-2-Nulliges von mir gebe. MySpace, Studi VZ, dieses eine Weblog, damit kann man noch etwas anfangen. Dann hört’s aber meistens auf. Ich will das an dieser Stelle nicht bewerten. Es geht mir um etwas Anderes. Manchmal hab ich nämlich selbst das Gefühl, nicht mehr mitzukommen… Findet ihr zum Beispiel nicht auch, dass bereits im ersten Absatz dieses Textes viel zu viele Links enthalten sind?

Sämtliche Eingänge quillen über. Mein Feedreader – voll mit interessanten Blog-Beiträgen, die ich unbedingt noch lesen muss. Meine Liste von Lesezeichen – voll bis zum Anschlag mit lesenswerten, wissenswerten, unmöglich zu ignorierenden Artikeln, Websites und Blog-Beiträgen. Manches wollte ich schon immer mal wissen. Über manches sollte jeder Mensch Bescheid wissen. Manches brauche ich für meine Diplomarbeit. Anderes wollte ich schon lange mal verbloggen. Und da wären all die Tweets bei Twitter mit all den tollen Links, die mir in den letzten Wochen schon so manche Perle des Wissens oder der Unterhaltung offenbart haben. Jedenfalls die, die ich geschafft habe, mir genauer anzugucken. Die anderen liegen unter „Favoriten“ und warten darauf, dass ich sie lese. Würde man meine Liste noch ungesichteter Informationen aneinanderreihen, könnte man damit die Welt umspannen. Oder so ähnlich.

Ich habe das Gefühl, in einer Flut von Informationen zu versinken. Ich will auf dem Laufenden bleiben, über das Real Life da draußen, aber auch über die virtuelle Welt mit all ihren Spielereien und Diskussionen, die – so hab ich immer mehr das Gefühl – nur solche Menschen kennen, die viel Zeit in dieser Parallelwelt verbringen. Von einer „publizistischen Avantgarde“ (1) ist da die Rede, von „Prosumenten“ (2), „Grassroots-Journalism“ (3), einer „Medienrevolution“ (4) oder den „neuen Meinungsmachern“ (5). Früher, ja früher wurden all diese Infos professionell vorsortiert, gewichtet, abgewogen. Von Journalisten (*gähn!*). Die haben ihr Monopol längst verloren. Die Aufgabe der Selektion der Informationen sowie deren Gewichtung ist von den professionellen Mediatoren durch das Internet auf jeden Einzelnen übergegangen. Auf dich und mich. Ist es wirklich verwunderlich, dass ich mich kaum noch zurecht finde, permanent das Gefühl habe, Wissen nicht zu wissen, Informationen zu verpassen, zu langsam zu sein? Mir hat jedenfalls niemand beigebracht, wie diese Flut an Infos zu handhaben ist. Oder wie die Tools zu handhaben sind, die mir helfen, der Flut Herr zu werden.

Ich kenne keine „realen“ Personen, die wissen, was in den letzten Tagen auf und um Netzpolitik.org abging (s.o.) und was das in der Blogosphäre und bei Twitter an Massen von Reaktionen ausgelöst hat, so dass selbst die etablierten Medien das Thema aufgriffen. Darüber, ob man das wissen muss oder sollte oder ob das gänzlich verzichtbare Infos sind, kann man diskutieren, sollte man auch. Aber es geht nicht nur um das OB, sondern auch um das WIE?

Obwohl immer mehr Tools Informationen und Nachrichten für mich nach einem von mir vorher festgelegten Raster sammeln und die sie mir quasi automatisch und im Minutentakt bis auf meinen Desktop bringen, habe ich nicht einmal annähernd das Gefühl, mich gut auszukennen. Ich habe eine Lieblings-Nachrichtenquelle im Internet, aber ist die andere nicht viel besser? Oder die nächste, von der ich gestern noch las? Oder soll ich verschiedene Websites für verschiedene Ressorts ansurfen? Bekomme ich kritische Infos über das Mediengeschehen nicht eher in Medienblogs als in den Medien selbst? In Watchblogs? Kritikerblogs? Redaktionsblogs? Oder in J-Blogs? Oder in den Blogs von ganz privaten und unabhängigen, wirklich unverblümt schreibenden Rezipienten? Welche davon sind vielleicht noch besser als die, die ich ohnehin schon konsumiere? Sollte ich zusätzlich zu objektiven / journalistisch aufbereiteten Infos nicht auch Meinungen konsumieren? Sollte ich nicht mal die us-amerikanische Bloggerwelt, die unserer so weit voraus ist, genauer kennen lernen? Die NY Times online lesen? Noch den ein oder anderen Politiker- oder Medien-Tweet abonnieren? Worüber twittert der Alpha-Blogger da gerade? Hab ich etwa was verpasst? Wie kann das sein, wo ich doch schon so viel Zeit mit dem Konsum der gefilterten Infos verbringe? Himmel, ich war noch nie bei Facebook oder Wer-kennt-wen, dabei gehören die zu den populärsten Websites des Landes. Ich habe mich lange gegen Twitter gesperrt und finde es jetzt toll. Sollte ich vielleicht auch mal…?

Immer mehr unkonsumiertes Wissen häuft sich an, bis ich einen Mini-Koller kriege, das Gefühl habe, darin zu versinken und auf „alles als gelesen markieren“ klicke. Scheiß was drauf, ich weiß nicht einmal mehr, was sich hinter diesem favorisierten Link verbirgt, wird schon nicht so wichtig sein. Ganze Ressorts – auch ein paar, die für die Allgemeinbildung wichtig sind – klammere ich aus. Einfach, weil es geht. Und weil mich der Reise-Teil vielleicht mehr interessiert als der Wirtschafts-Teil.

Zusammenhänge werden immer undurchschaubarer. Gestern habe ich verpasst, warum diese eine Krise oder Diskussion los brach, egal, wir stecken schon mitten drin, es geht nur noch darum, Stunde für Stunde auf dem Laufenden zu bleiben. Wieso, weshalb, warum ist fast egal. Aus Zeitmangel lese ich an manchen Tagen nur noch Überschriften. Ja, ich kenne beinahe jedes Thema, um das es heute ging, selbst die Themen, die es anscheinend nur in der virtuellen Welt gibt, die, über die nur die „Web-Avantgarde“ Bescheid weiß, die, von denen meine Freunde noch nie etwas gehört haben.

Zumindest kenne ich Überschriften, Teaser, Vorspänne und Bildzeilen. Habe aber nicht immer die Zeit, mir die Texte alle durchzulesen. Kann nicht alles maximal 140 Zeichen lang sein? Jeden Morgen habe ich etliche Tabs im Browser geöffnet, die Infos bereithalten, die ich einsaugen möchte. Ich möchte mir alles einverleiben. Aber wenn ich das tun würde, wäre es draußen schon wieder dunkel, bevor ich auch nur eine Minute vom Monitor weggesehen hätte.

Eines Tages werde ich das alles lesen, alle Links besuchen, alle Quellen kennen. Wenn ich einmal ganz viel Zeit habe. Und dann werden meine Filter und Raster mich zu einem dermaßen spezialisierten Wissenswesen gemacht haben, dass ich alles und gleichzeitig gar nichts weiß. Weil ich wirklich längst versunken bin in dieser Flut aus Podcasts, Videocasts, Websites, Blogs, Tweets, Favoriten, Mails, Printprodukten, Feeds und Info-Häppchen und den Blick fürs Ganze verloren habe.

To be continued. Das hier wird sozusagen eine Serie…


(1) ARMBORST, Matthias: Kopfjäger im Internet oder publizistische Avantgarde? Was Journalisten über Weblogs und ihre Macher wissen sollten. Berlin 2006.
(2) RAU, Harald (Hrsg.): Zur Zukunft des Journalismus. Frankfurt a. M. 2007. S. 51.
(3) GILLMOR, Dan: We the media. Grassroots Journalism by the people, for the people. Sebastopol 2006.
(4) MÖLLER, Erik: Die heimliche Medienrevolution. Wie Weblogs, Wikis und freie Software die Welt verändern. Hannover 2006 (2).
(5) ZERFAß, Ansgar / BOELTER, Dietrich: Die neuen Meinungsmacher. Weblogs als Herausforderung für Kampagnen, Marketing, PR und Medien. Graz 2005.
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7 Antworten to “Nach mir die Informationsflut? (Teil1) – Eine (sehr lange) Reflexion des Ist-Zustandes”

  1. Fragezeichner Sonntag, Februar 8, 2009 um 23:36 #

    Ich kann (fast) all deine Eingangsfragen mit Ja beantworten, aber gerade deshalb interessieren mich deine Gedanken dazu. Denn ich fühle mich ganz ähnlich, während zum Beispiel meine Mutter immer noch treu ihre Informationen aus den klassischen Medien bezieht.

    Ich glaube, wir sind dabei, uns neue Freiheiten zu erschliessen, wissen aber noch nicht, wie wir damit umgehen müssen. Anstatt wie früher eine Tageszeitung zu lesen, bekommen wir Informationen und Meinungen aus den verschiedensten Quellen und müssen sie selbst filtern (also das, was sonst Teil der Arbeit von Journalisten ist), was viel Aufwand bedeutet und in Information-Overkill ausarten kann.
    Ich könnte mir vorstellen, dass dieses Problem mithilfe besserer Technologie gelöst werden wird (ein System ähnlich wie lastFM, das Artikel anhand deiner vergangenen Lektüre und Bewertungen auswählt) oder auch, dass sich viele kleine Netzwerke entwickeln, die diese Filterarbeit erledigen und gemeinsam das Gold aus dem vielen Sand sieben.
    Ich bin eigentlich optimistisch, das wir nach einer gravierenden Umwälzung in der Medienlandschaft besser informiert sein werden als heute.

  2. Muschelschubserin Montag, Februar 9, 2009 um 17:41 #

    Last.fm… auch so ein Stichwort. Ich fragte mich schon länger, was das ist und was das soll. Also hab ich nach deinem Kommentar nachgeguckt – und schwupps schon wieder bei einem neuen Tool registriert, das für mich filtert und auf mich zuschneidet. 😀

    Technik ist wirklich ein Aspekt. Es gibt ja schon sehr viel. Ich bin zwar gegen Monopole, aber mir sind das im Moment zu viele Tools, die alle irgendwas filtern. Ich muss quasi fünf Tools, Ordner, Programme öffnen, bevor alle Quellen, die ich konsumiere, gefiltert sind… Das führt ja beinahe obendrein zu nem Overkill an technologischem Know How.

    Deinen letzten Satz finde ich besonders spannend. Die Frage ist ja, was man genau unter „besser“ versteht. Individueller? Schneller? Präziser? Spezieller? Aktueller? Globaler? Dann lautet auch meine Antwort „ja“.
    Aber was bedeutet das? Wie schon gesagt, laufen wir glaube ich Gefahr, den Überblick zu verlieren und wichtige Dinge auszublenden. Es geht auch darum, was man NICHT konsumiert…

    Ich bastele gerade am 2. Teil zum Thema, in dem ich die (mir bekannten) Kernprobleme überblicksartig auflisten möchte. Und dann fänd ich’s interessant, die in weiteren Teilen einzeln durchzugehen. Ich probier’s zumindest mal… 😀

  3. Muschelschubserin Montag, Februar 9, 2009 um 21:44 #

    Übrigens, wie das aussehen kann, wenn Redaktionen (gegeneinander an)twittern, kann man sehr anschaulich hier nachlesen: http://www.journalist-und-optimist.de/abendzeitung-und-welt-kompakt-halten-interredaktionellen-austausch-via-twitter/. 🙂

    Ein schönes Stückchen Infoflut, finde ich.

  4. Fragezeichner Dienstag, Februar 10, 2009 um 09:23 #

    Es geht auch darum, was man NICHT konsumiert…

    Ja, darum geht es tatsächlich immer mehr. Das Weg-Filtern der uninteressanten Dinge wird immer mehr zur Vorbedingung, um die interessanten Dinge überhaupt noch erkennen zu können.

    Ich bin allerdings immer wieder überrascht, wie wenig ich verpasse, wenn ich mal zwei Wochen vom Internet abgeschnitten bin. Vielleicht unterliegen wir auch einfach einer Illusion, besser informiert zu sein. Vielleicht passiert einfach gar nicht genug interessantes, um sich eine Stunde oder mehr pro Tag mit aktuellen Entwicklungen und Meinungen darüber auseinanderzusetzen. Anstatt sich durch RSS-Feeds selbst ständig mit Informationen zu bombardieren, könnte man auch einfach einmal pro Tag in Google News reingucken oder SPON und dann zu einem interessanten Thema recherchieren.

  5. Muschelschubserin Dienstag, Februar 10, 2009 um 20:28 #

    Ja, genau. Was ist noch sinnvoll, was bloße Unterhaltung, auf die ich auch verzichten kann? Auch: Auf welches Wissen kann ich verzichten? Bei den Mengen durchaus interessanter Dinge, muss man auch Sinnvolles aussortieren. Und dann kommt noch die Frage nach Authentizität und Glaubwürdigkeit. Welchen Quellen kann ich vertrauen, welchen Meinungen Gehör schenken, weil sie fundiert sind? Wieviel Aussagekraft haben Verlinkungen, die ja gerade in der Blogosphäre wie Währung gehandelt werden und viel über die Glaubwürdigkeit aussagen sollen? Auch damit dürften wir des öfteren überfordert sein, mit steigender Tendenz in der Zukunft, würde ich mal behaupten.

    Ich genieße es wie du ebenfalls zB im Urlaub oder an Wochenenden, wenn ich unterwegs bin, nicht online zu sein und nichts mitzubekommen. Und vermisse auch nichts. In den vier Monaten, in denen ich in Australien war, hatte ich immer nur kurzzeitig Zugang ins Netz (für Mails und meine Beiträge hier), das war’s. Fernsehen hatte ich auch nicht. Hobbymäßig war ich oft im Mittelalter. Da gab’s dann nicht einmal mein Handy. Und ich fand das toll.
    Aber ich kann auf der anderen Seite nicht behaupten, dass da nicht auch viel Sinnvolles und Interessantes in meine Eingänge flattert und ich dadurch auch ab und an meine, einen gewissen Wissensvorsprung zu haben gegenüber manch anderen (ohne, dass das jetzt arrogant rüber kommen soll, denn ich sehe das Ganze ja durchaus kritisch)…

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