Näher dran am 11. September als je zuvor – Rezension von „102 Minuten“

12 Sep

Irgendwie haben wir alle Bilder schon gesehen und selbst die abstrusesten Verschwörungstheorien über den 11. September bereits durchdacht. Ein bisschen hat man das Gefühl, dass man alles weiß – und gleichzeitig nichts. Es gibt scheinbar keine neuen Infos mehr zum Thema und trotzdem weiß man nicht, was genau geschehen ist. Somit bleiben wir weiter fasziniert von diesem weltweiten Trauma. Zumindest mir geht es so. Doch neulich entdeckte ich einige Fakten, die mir erstaunlicher Weise noch unbekannt waren. In einem Buch.

Es heißt „102 Minuten“ und es handelt sich um „Die nie erzählte Geschichte vom Kampf ums Überleben in den Türmen des World Trade Center“. Jim Dwyer und Kevin Flynn, zwei Reporter der New York Times, haben in jahrelanger, sicherlich mühsamer und akribischer Kleinarbeit alle Informationen, Fakten und Meinungen zusammengetragen, die die Geschehnisse innerhalb der Türme in der Zeitspanne von kurz vor dem Einschlag des ersten Flugzeugs bis zum Einsturz der Türme rekonstruieren. Anhand von Zeugenaussagen, Tonbandaufnahmen, Funksprüchen, Beobachtungen, Nachrichten auf Anrufbeantwortern, Zeitungsartikeln und logischen Schlüssen entfalten sich die tragischen Ereignisse in den Türmen über gut 300 Seiten. Dwyer und Flynn nehmen den Leser mit in die Türme, lassen ihn mit Hilfe dieses Buches zum Augenzeugen werden und die Menschen in den Türmen – die, die helfen, jene die entkommen und auch die, die umkommen – kennen lernen.

Das Buch ist nach zeitlicher Abfolge in Kapitel unterteilt. Es handelt sich nicht um einen Roman, sondern um einen rekonstruierten Bericht der Ereignisse. Jegliche Angaben sind mit Fußnoten versehen und in den Anmerkungen am Ende des Buches werden diese Angaben ihren Quellen zugeordnet. Somit ist einwandfrei nachvollziehbar, wie die Geschehnisse rekonstruiert worden sind und woher die Informationen, Zeugenaussagen, Beobachtungen und Rückschlüsse stammen beziehungsweise worauf sie sich begründen. Fotos von den im Buch vorkommenden Personen im Mittelteil rücken den Leser noch näher an das Geschehen heran. Eine derartige Sammlung von belegbaren Fakten hat es öffentlich wohl noch nie gegeben. Kein Wunder, dass das Buch ein internationaler Bestseller ist.

Vielleicht kennt jemand den Dokumentarfilm eines französischen Filmteams, das aus zwei Brüdern besteht. Die beiden hatten eine Doku über einen New Yorker Feuerwehrmann-Anwärter gedreht, als vor ihrer Kamera die Terrorangriffe geschahen und aus ihrem Film wurde eine Dokumentation über die Anschläge, unter anderem mit Aufnahmen aus einem der Türme, während dieser einstürzt. Für mich ist das so ziemlich die beste Doku über den 11. September, die ich kenne – und einige der dort gezeigten Szenen finden sich auch in diesem Buch wieder.*

Leicht zu lesen ist dieses Buch nicht. Weil es nicht leicht zu verdauen ist. So manches Mal musste ich es weglegen oder verdrückte ein paar Tränen. Dwyer und Flynn machen den Leser jedoch nicht zum Schaulustigen. Man ist Augenzeuge, nicht Gaffer. Zwar werde ich von nun an bei vielen der bekannten Bilder von den brennenden Türmen an bestimmte Menschen darin denken, mir werden bestimmte Gesichter ins Gedächtnis gerufen und Schicksale. Aber dieses Buch hat den Ereignissen etwas von ihrer Mystik genommen und statt dessen in tragische, aber wahre Bilder verwandelt.

Aber nicht nur was in den Türmen geschah, war mir neu, sondern auch, warum vieles davon geschah. Dwyer und Flynn machen immer wieder auf erhebliche Sicherheitsrisiken aufmerksam. Vor allem die Bauweise der Türme machte die Rettung nahezu aller Menschen oberhalb der Einschläge unmöglich. Man hatte zum Beispiel, um mehr Raum zu haben, den man für viel Geld vermieten konnte, die Treppenhäuser verkleinert und alle Fahrstühle in die Mitte der Gebäude verlegt. Dadurch waren nahezu alle Fluchtwege auf einmal zerstört. Die Feuerschutzmaßnahmen entsprachen nicht den Sicherheitsbestimmungen. Es fanden nur höchst ungenügend Nofall-Übungen statt. Feuerwehr und Polizei lagen seit Jahrzehnten im Streit und kommunizierten daher während ihrer Rettungseinsätze so gut wie gar nicht miteinander. Die Kette von tragischen Fehlentwicklungen ist wirklich skandalös und schier unglaublich und mir waren diese Dinge zumindest in diesem Ausmaß bisher nicht bekannt. Auch deshalb ist das Buch eine Bereicherung.

Es gibt Bilder, die man vielleicht noch nicht kennt. Kopfbilder, die die Tragik erst so richtig deutlich machen. Die einen mitnehmen in die Türme, in die einzelnen Stockwerke, in die Büros und in die Treppenhäuser und Fahrstühle. Näher dran als mit diesem Buch wird man den Ereignissen niemals kommen.

* Die Doku gibt es unter dem Titel „11. September“ als Gedenkversion-DVD der Filmemacher Jules und Gedeon Naudet und James Hanlon im Handel.

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4 Antworten to “Näher dran am 11. September als je zuvor – Rezension von „102 Minuten“”

  1. Kassiopaia Freitag, September 12, 2008 um 14:58 #

    Den Film über die Feuerwehrmänner wollte ich immer mal sehen. Ich verpasse den jedesmal. Hmpf!

  2. Muschelschubserin Freitag, September 12, 2008 um 19:29 #

    Also bei Amazon kostet der keine 9 Euro. 😉 Ich hab den auch als DVD hier. Irgendwie denke ich immer, dass ich meinen Kindern später mal vernünftig zeigen will, um was es eigentlich geht.

  3. fabs Donnerstag, Juli 2, 2009 um 14:27 #

    Ich habe auch die DVD gesehen und bin letzte Nacht mit dem Buch fertig geworden. Es hat mich wahnsinnig gefesselt. Danke für die Empfehlung. 😉

  4. Muschelschubserin Donnerstag, Juli 2, 2009 um 21:45 #

    Ui, fein, das freut mich! 🙂

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