Das „Gold der Nordsee“ (2) – Neue Brisanz durch umstrittene Greenpeace-Aktion

6 Sep

Seit ein paar Wochen sorgt eine Greenpeace-Aktion am Sylter Außenriff für Aufsehen. Weil die Aktion illegal ist und weil die Politiker, darunter unser Umweltminister Gabriel, offensichtlich gerne weiter Stillschweigen über das gesamte Thema breiten würden. Dabei setzt sich Gabriel angeblich für den Schutz der Weltriffe ein. Das hab ich sogar schriftlich.

In dem besagten Gebiet wird, obwohl das Außenriff zu einem Naturschutzgebiet und einem der seltenen Steinriffe der Nordsee gehört, massiv Kies und Sand abgebaut. Dies geschieht durch riesige Saugrohre, die alles aufsaugen: Kies, Sand und alle darauf und darin lebenden Tiere und Pflanzen. Ich hatte bereits vor geraumer Zeit darüber gebloggt, nachdem ich durch einen Fernsehbericht auf diesen Skandal aufmerksam geworden war. Diese Riesen-Sauger hinterlassen eine abgestorbene Unterwasser-Ödnis und sind deshalb eine nicht zu tolerierende Abbauweise. Zusätzlich findet hier Schleppnetz-Fischerei statt – mit ganz ähnlichen Folgen. Offensichtlich hat sich bis heute nichts an der Lage geändert: Es wird weiter abgebaut, die Politik stellt sich lieber auf die Seite der Industrie und bleibt tatenlos. Ist ja nichts wirklich Neues in diesem Land. 2008 ist allerdings zum 2. internationalen „Jahr der Riffe“ deklariert worden und vor diesem Hintergrund scheint das Thema Kiesabbau in der Nordsee besonders brisant.

Das dachte sich wohl auch Greenpeace. Die Organisation hat die Politik immer wieder ohne Erfolg aufgefordert, den Abbau zu verhindern und wurde nun in einer Art „Notaktion“ selbst tätig. Seit ein paar Wochen werden von mehreren Greenpeace-Schiffen tonnenweise große Steine im Sylter Außenriff versenkt, um ein Zeichen zu setzen, das Thema noch mehr ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken und das Absaugen zu verhindern. Greenpeace bezeichnet diese Aktion als „echten Schutz für das Sylter Außenriff“ durch das Vergrößern des Steinriffes, welches so zu einem „Schutzschild“ werde. Über die Jahre sollen die Steine als Lebensräume angenommen werden.

Spiegel Online hat gestern einen Bericht veröffentlicht, in dem das Vorgehen der Umweltschutzorganisation massiv kritisiert wird. Die Bundesregierung sei sich darüber einig, dass die Aktion höchst illegal sei, jedoch könne man sich nicht auf einen Einsatz gegen Greenpeace einigen. Das Verkehrsministerium habe Greenpeace lediglich schriftlich angewiesen, die Aktion zu unterlassen.

Ich möchte diese Aktion nun nicht bewerten, denn ich habe nicht das Gefühl, mir darüber ein vernünftiges Bild machen zu können. Ich frage mich zum Beispiel, ob das Versenken der Steine, die von Kränen einfach ins Wasser gelassen werden, dem Riff nicht auch schadet? Ob es wirklich Sinn macht, die Steine alle paar hundert Meter zu versenken? Ob das wirklich den Zweck erfüllt, die Absaugerei zu stoppen? Eigentlich geht es mir aber gar nicht um diese Fragen. Ich finde das Thema weiterhin höchst interressant und brisant und hoffe, dass durch die Greenpeace-Aktion frischer Wind in die Sache kommt. Es wird Zeit, dass die Verantwortlichen das tun, was sie tun sollten: Verantwortung übernehmen. Raubbau an einem unter Schutz stehenden Gebiet ist und bleibt ein Skandal. Da mag man über die Greenpeace-Aktion denken was man will.

Interessanter Weise habe ich seit einiger Zeit ein Magazin des Bundesumweltministeriums zum Internationalen Jahr des Riffes hier liegen. „Riffe – Regenwälder der Meere“ heißt es. Auf der ersten Seite findet sich ein Vorwort unseres Bundesumweltministers Sigmar Gabriel. Dort prangert er – ironischer Weise – die weltweite Zerstörung der Riffe an. Es sei „höchste Zeit, die politischen Anstrengungen zu verstärken, um diese fragile Unterwasser-Wildnis wirkungsvoller zu schützen“, schreibt er, der dem Geschehen am Sylter Außenriff tatenlos zusieht. Aktuell ist auf der Website des Bundesumweltministeriums kein Wort zum Sylter Außenriff und dem angrenzenden Naturschutzgebiet zu lesen. Die Verantwortung schieben die Ministerien sich, so wird auch im Spiegel-Artikel angedeutet, bisher noch gegenseitig in die Schuhe.

Gabriel fordert in der Broschüre die verstärkte Ausweisung mariner Schutzgebiete zum Schutz vor Zerstörung durch Schleppnetze und Dynamit-Fischerei. „Wir müssen alles tun, um diese großen Schatzkammern der Meere zu erhalten.“ Ich würde ihn gerne fragen, wofür wir weitere Schutzgebiete brauchen, wenn diese ohnehin nicht als Schutzgebiete behandelt werden?

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→Weitere Infos und Videos von der Aktion gibt’s zum Beispiel im Greenpeace-Meeresblog. Auf der Website von Greenpeace gibt es neben verschiedenen Artikeln zur Aktion und Hintergrundinfos ein Interview zu den Reaktionen auf die Aktion am Sylter Außenriff.

Fotos: © H. Kowalewski (Saugbagger) und „jeger“ (Bohrkopf eines Saugbaggers) / Pixelio.de
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4 Antworten to “Das „Gold der Nordsee“ (2) – Neue Brisanz durch umstrittene Greenpeace-Aktion”

  1. Aki T. Arik Montag, September 8, 2008 um 15:42 #

    Hallo,
    wenn das Sylter Außenriff von der Bundesregierung als Naturschutzgebiet ausgewiesen wurde, verstehe ich nicht, wieso dort gleichzeitig Schleppnetzfischerei erlaubt ist und Kies und Sand abgebaut werden darf? Weiß da wieder mal die eine Behörde nichts von der Entscheidung der anderen oder kann sich das Bundesamt für Naturschutz nicht durchsetzen?

    Auf jeden Fall scheint die Greenpeace Aktion wohl notwendig, um auf diesen Mißstand aufmerksam zu machen. Zu deiner Frage, „ob das Versenken der Steine, dem Riff schadet?“, habe ich mal gegoogelt und das gefunden:
    Eine Greenpeace-Tauchergruppe soll zurzeit die Position der Steine überprüfen, ob es eventuell negative Auswirkungen auf das Ökosystem gegeben hat. Hier auch ein Video mit den Unterwasseraufnahmen der Tauchergruppe: http://www.sylt-exklusiv.de/greenpeace-aktion.html

  2. Muschelschubserin Montag, September 8, 2008 um 18:20 #

    Huhu,
    ich halte das wirklich für einen riesengroßen Skandal. Ich hoffe, dass das Thema nicht in den anderen aktuellen Sorgen der verantwortlichen Ministerien untergeht. Ich hab so den Verdacht, dass die Verantwortlichen nicht gegen Greenpeace vorgehen, weil das noch mehr Aufmerksamkeit auf die Sache ziehen würde. Vielleicht hoffen sie, dass das Thema so von alleine wieder aus dem Blickfeld verschwindet.

    Die Nordsee ist artenmäßig eines der reichsten Gebiete der Welt (was mich gewundert hat, ich hatte sie immer eher als schlammiges, düsteres und kaltes Gewässer im Kopf irgendwie) und gehört geschützt. Wenn so ein „Schutz“ jedoch überhaupt nichts zählt, gehören die Verantwortlichen in die Mangel genommen.

    Vielen Dank für den Link zum Video! 🙂 Das beantwortet schonmal eine Frage. Scheint ja zumindest in dieser Hinsicht ok zu sein die Aktion.

Trackbacks/Pingbacks

  1. Steine-Aktion von Greenpeace verboten! « Muschelschubserin - Donnerstag, September 11, 2008

    […] hat nun doch gehandelt und die Steine-Aktion von Greenpeace am Sylter Außenriff, über die ich vor Kurzem berichtete, gestoppt. Das ist seit gestern auf der Greenpeace-Website zu lesen. Mehr dazu gibt es […]

  2. “Der Spiegel” schreibt: Regierung kneift vor Greenpeace « Greenpeace Blog - Dienstag, Mai 4, 2010

    […] dem Umweltministerium überträgt und dieses dann strengere Massnahmen gegen Fischerei und Sand- und Kiesabbau durchsetzen […]

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