Modernste Technologie, Kreativkultur und Seelandschaft – Es tut sich viel in Dortmund

27 Apr

Noch vor wenigen Tagen war es mal wieder so. Auf dem Dortmunder Wall in Höhe Westentor stehe ich mit meinem Auto mitten auf den Straßenbahngleisen, komme nicht weiter, weil sich vor mir der Verkehr staut und von links kommt die Straßenbahn. Trotz grüner Ampel passierte das ständig an dieser Stelle. Aber das ist nun vorbei, denn seit heute gibt es in Dortmund keine Straßenbahnen mehr. Der gesamte Bahnverkehr wurde unter die Erde verlegt, ab sofort gibt es nur noch U-Bahnen. Nach 127 Jahren fuhr gestern Nachmittag die letzte Stadtbahn überirdisch durch die City. Die Ost-West Trasse war die letzte noch befahrene Straßenbahnstrecke und wer in diesem Bereich in den letzten Monaten durch die Stadt fuhr, traf unweigerlich auf Baustellen, neue Tunneleingänge und konnte förmlich beim Bau der neuen U-Bahn-Haltestellen zusehen. Heute dann reger Fußgängerverkehr in diesem Gebiet – alle wollen bei diesem tollen Wetter in den Untergrund. 40 Jahre wurde in Dortmund an den U-Bahn-Tunneln gebaut. Ein riesengroßer und vor allem langwieriger Bauprozess ist somit abgeschlossen.

Überall in Dortmund entstehen derzeit Großprojekte, die das Stadtbild prägend verändern werden. Da wäre zunächst die seit Monaten heiß diskutierte Nutzung des U-Turmes, der zur „Kulturhauptstadt 2010“ Dortmunds neues und meiner Meinung nach beeindruckendes, weil in toller Ruhrpott-Kulisse eingebettetes, Kultur- und Kreativitätszentrum werden wird. 46 Millionen Euro, die Hälfte davon aus EU-Mitteln, kostet dieses Mammutprojekt. Schon vor ein paar Jahren fing die Sanierung des maroden Gebäudes an, damals machte ich vom 10. Stock des Hardenberg City Centers Aufnahmen (siehe Foto).

Nur wenige Fahrminuten von der Innenstadt entfernt entsteht außerdem auf einer ehemaligen Industriefläche der Phoenix-See, mit Bootsanlegern, Sonnenterassen, Seewiesen, Gastronomie, einer Strandpromenade, Wohnungen mit Blick auf den See und einem (neben dem Technologiepark an der Universität) weiteren hochmodernen Technologiezentrum. 99 Hektar Gesamtfläche, 24 davon Wasserfläche (größer als die Hamburger Binnenalster) werden derzeit zu einem weiteren zukünftigen Merkmal Dortmunds verwandelt. Vom Florienaturm im Westfalenpark aus kann man die Ausmaße schon jetzt bewundern. Im Herbst 2009 soll der See geflutet werden. So entstehen neben einem großen neuen Freizeit- und Erholungsareal 5.000 neue Arbeitsplätze, 900-1300 neue Wohneinheiten und Freizeiteinrichtungen, in Verbindung mit dem Westfalenpark und dem Botanischen Garten Rombergpark (über den ich schon einmal geschrieben hatte) ein grüner Gürtel um den Dortmunder Süden und einer der größten innovativen Lebensstandorte Deutschlands – man spricht auf Grund der sich hier verstärkt ansiedelnden hochmodernen Technologiefirmen bereits vom „Silicon Valley Deutschlands“ . Auch eine dieser Firmen hab ich vor ein paar Jahren mal besucht und mich dort mit Schutzhüllen über den Schuhen, Haube auf dem Kopf und weißem Schutzanzug über Nano-Technologie informiert – beeindruckend!

Ich hab’s schonmal empfohlen und tue es hiermit nochmal: Wer wissen möchte, wie das Phoenix-Gebiet aussehen wird, oder immernoch das Bild des dreckigen, verrauchten und nirgends grünen Ruhrgebietes im Kopf hat, welches sich meiner Erfahrung nach hartnäckiger- und unberechtiger Weise in den Köpfen der Menschen (auch derer, die nahe des Ruhrgebiets wohnen) hält, sollte sich unbedingt diesen Film ansehen. Ich war und bin schwer beeindruckt und freue mich seit Baubeginn auf die Fertigstellung!

Als weiteres Großprojekt freue ich mich auf die Neustrukturierung der Kampstraße mitten in der Innenstadt. Sie wird – ebenfalls bis zur Kulturhauptstadt 2010 – zum Boulevard umstrukturiert. Den Anfang machen die Bagger in wenigen Wochen am westlichen Ende. Dort wird die „Westentor-Allee“ entstehen. Die Straße, auf der bis gestern noch die letzte Straßenbahn fuhr, soll dann zum Bummeln einladen, Spielmöglichkeiten für Kinder bieten und sowohl als Erweiterung und Verbindung der Fußgängerzonen Westen- und Ostenhellweg sowie dem vor einigen Jahren neu aufgemotzten Brückstraßenviertel, als auch als neue, moderne Verbindung zwischen diesen Fußgängerzonen und dem neuen U-Turm dienen. Damit bekommt der absolute Kern und Mittelpunkt der Dortmunder Innenstadt ein neues Gesicht.

Direkt bei mir um die Ecke soll auf dem Gelände der Thier-Brauerei, auf dem bisher in den alten Brauereigebäuden verschiedene Szene-Clubs ansässig sind, ein neues Einkaufszentrum entstehen. Die Zusage dafür gab es am Donnerstag. Zwischen 27.000 und 34.000 Quadratmeter neue Verkaufsflächen sollen hier von Europas Marktführer im Bau von Shoppingpalästen gebaut werden. 2009 soll mit dem Bau begonnen werden, so dass die neue Stadtgalerie 2011 mit 150 neuen Fachgeschäften, Gastronomie und Unterhaltungsangeboten eröffnet werden kann.

Ich kann nicht leugnen, dass ich, obwohl ich nicht weiß, wie lange ich überhaupt noch hier wohnen werde nach meinem Studium, gespannt bin auf all diese Neuerungen und mich darauf freue, dass hier so viel passiert. Und ich halte das Ruhrgebiet – auch auf Grund der kreativen und landes-, vielleicht sogar europaweit einmaligen Nutzung und Umwandlung von ehemaligen Industrieflächen (siehe zum Beispiel Route Industriekultur) – für eine der spannendsten Regionen Deutschlands.

Fotos:

© Muschelschubserin: Haltestelle Westentor (aufgenommen während der Bauarbeiten am 30.10.2007) und die heute wesentlich weiter fortgeschrittenen Baumaßnahmen am U-Turm (Montage aus 2 Fotos; aufgenommen am 11.6.2004; auf dem ersten Foto sieht man Teile des neu gebauten Gebäudekomplexes um den U-Turm).

© Phoenix Dortmund 2005-2007: Luftaufnahme des Phoenix-Geländes von Juni 2007.

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5 Antworten to “Modernste Technologie, Kreativkultur und Seelandschaft – Es tut sich viel in Dortmund”

  1. weltkind Sonntag, April 27, 2008 um 16:25 #

    es stimmt schon, in dortmud tut sich was und ich mag auch die sehr quirlige city, aber leider nur tagsueber. sobald der letzte laden schliesst, ist tote hose und dortmund city eine geisterstadt. aehnlich ist es in bochum und duisburg, besonders gruselig in essen, und gelsenkirchen toppt alles. daran werden auch die tollen shopping malls nix aendern. ausserdem – die bevoelkerung schrumpft, rasant und umunkehrbar: wer soll all die tollen umgewidmeten industriebrachen dann mit leben fuellen -rollatorenkarawanen oder albanische familienclans? das alles sind so gruende, warum ich langfristig an eine zukunft dieser region, losgeloest vom rhein mit duesseldorf und koeln und in die andere richtung muenster, nicht so recht glauben kann. allein das fehlende studentische milieu, dass es in keiner ruhrstadt trotz studenten eine solche wirklich gibt (jetzt bitte nicht mit kreuzviertel und bermudadreieck kommen – wer je in muenster, koeln, duesseldorf oder aachen weilte, weiss, was ich meine….), ist ein grosses manko. da kommt auch nix mehr. ich glaube wirklich an die metropole rhein ruhr, nicht an die metropole ruhr oder gar einzelne staedte hier. im ausland kennen sie eh nur koeln, von dortmund allenfalls die hollaender den weihnachtsmarkt. und ich bin mir fast sicher, auch wenn die „macher“ das jetzt vehement bestreiten: irgendwann wird dortmund ausscheren und sich komplett zu westfalen bekennen. wo, bitte, ist hier auch eine Ruhr?

  2. Stromfrau Sonntag, April 27, 2008 um 17:40 #

    Phoenix-See, wenn man kein Geld für Urlaub hat, sicher eine nette Alternative, wenn man da schön in dieser wirklich hübschen Hafenatmosphäre sitzt. Wahrscheinlich wird man sich da dann aber platttreten! Aber ich bin schon beeindruckt; wir schieben dann da einfach mal den Kinderwagen zusammen hin wa? 😀

    Morgen? Bin ich hoffentlich nicht zu müde. Bis morgen Abend 🙂 Küssle

  3. Muschelschubserin Sonntag, April 27, 2008 um 18:15 #

    @weltkind
    Ich halte die Frage „Ruhr Metropole oder Rhein Ruhr Metropole“ momentan für nicht sonderlich relevant. Zumindest nicht für mich als Nicht-Planer. Mag sein, dass das am Ende so kommt, mag aber auch nicht sein. Das muss sich alles erst noch zeigen. In den Köpfen der Menschen ist beides noch nicht angekommen und was sie letzten Endes wollen, bleibt abzuwarten. Fest steht, dass diese Region aktuell eine unglaubliche Entwicklung und Veränderung durchmacht. Dass sich sehr viel tut, dass letzten Endes wohl eine ganz neue Identität dabei herauskommen wird und dass es dies auf diese Art und dieser Größenordnung derzeit kein zweites Mal in Deutschland gibt. Das ist ein Prozess und der braucht seine Zeit. Weder kann man verlangen, dass sich das Ruhrgebiet plötzlich oder innerhalb weniger Jahre selbst als Metropole wahrnimmt, noch, dass es so bald seine neue Identität findet, sei diese vom Rheinland oder von Westfalen beeinflusst oder auch nicht. Da denken schließlich 5,3 Millionen Köpfe mit. Aber ich finde, es wird kräftig daran gearbeitet, es bewegt sich was, überall, natürlich auch mit Problemen und Nachteilen. Ich finde es einfach unglaublich spannend, das mitzuerleben.

    @Stromfrau
    Machen wir! Morgen sollte auch klar gehen, soweit es meinem Schädel besser geht. 😉

  4. Sven Montag, April 28, 2008 um 09:34 #

    @weltkind: dortmund nennt sich seit jahren das herz westfalens =) (bzw. wird so genannt) noch mehr bekennen geht nicht… und dortmund ist ein begriff … auch im ausland was nicht nur am weihnachtsmarkt liegt sondern auch an den hier ansässigen firmen und dem internationalen fussball.
    was zu und abzüge angeht … das wird sich noch einpendeln wenn der strukturwandel vollständig abgeschlossen ist. den kürzeren werden städte wie gelsenkirchen oder duisburg ziehen. ich zitiere:
    Eine Bevölkerungsprognose der 60 wichtigsten deutschen Städte erstellte das Wirtschaftsforschungsinstitut Feri im Auftrag des Wirtschaftsmagazins Capital. In der 2006 veröffentlichten Studie wird Dortmund zwischen 2004 und 2013 einen Einwohnerzuwachs von 0,8 Prozent verzeichnen. Damit ist Dortmund eine der wenigen Städte in NRW, die eine positive Einwohnerentwicklung vermelden können.

    lieben gruß … =)

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