Hoffnung für die „Gestohlenen Generationen“

13 Feb

Ein Funken Hoffnung glüht seit heute am anderen Ende der Welt neu auf.

„Wir entschuldigen uns für den Schmerz, das Leid und die Kränkung der Gestohlenen Generationen.“

Diese Worte lösen Hoffnung und Erleichterung aus – und Missfallen. Kevin Rudd, seit Ende letzten Jahres Regierungschef Australiens, entschuldigte sich heute bei den Ureinwohnern des Landes für das Leid, das ihnen von der Regierung und der Bevölkerung angetan wurde. Viele Jahre mussten die etwafanny_cochrane_smith.jpg 450.000 heute noch lebenden Aborigines des Landes auf diese Entschuldigung warten. Ex-Premierminister John Howard hatte sich in den elf Jahren seiner Amtszeit dagegen geweigert, das Wort „Sorry“ im Zusammenhang mit den „Gestohlenen Generationen“ zu äußern. Auch heute noch ist sich die Regierungsopposition uneinig: Howard und andere nahmen „aus terminlichen Gründen“ nicht an dieser symbolträchtigen Veranstaltung teil. Laut einer Blitz-Befragung der „Herald Sun“ halten auch zwei Drittel der Bevölkerung diese Entschuldigung für unnötig. Besonders bei älteren Australiern sei dies der Fall. Kein Wunder, haben sie doch selber zu einer Zeit gelebt, in der die Unterdrückung der Ureinwohner alltäglich praktiziert wurde und sogar gesetzlich verankert war.

Die „Gestohlenen Generationen“ leiden noch heute massiv unter den Folgen der damaligen Ideologie. Von 1910 bis 1970 hatten Aboriginefamilien keinerlei Anrecht auf ihre eigenen Kinder. Diese wurden ihnen größtenteils gewaltsam entzogen und zwanghaft in weiße Familien „integriert“, um die schwarze Rasse auszumerzen. Damals verstand die Regierung das als „Rettung“ der Kinder aus einer durch eingeschleppte Krankheiten und systematische Ermordung zum Untergang geweihten Rasse. Noch heute gibt es Australier, die nicht von den „Geretteten Generationen“ sprechen.

Aborigines wurden zeitweise buchstäblich zum Abschuss freigegeben – zum Spaß der weißen Jäger. Die zum Teil noch sehr kleinen Kinder landeten in Heimen und Erziehungslagern, um später als Hauspersonal bei reichen weißen Familien zu arbeiten. Sie wurden oftmals misshandelt, vergewaltigt und ausgenutzt. Sie wurden ihrer Identität beraubt. Diese Entwurzelung zeigt ihre Folgen bis in die heutige Zeit hinein. Aborigines haben wie keine andere Bevölkerungsgruppe mit sozialen Nachteilen und dem Verlust der eigenen Zugehörigkeit zu kämpfen. Etwa 100.000 Kinder gehören zu diesen „Gestohlenen Generationen“. Sie wissen nicht, wo sie hingehören und was es eigentlich heißt, Aborigine zu sein. Die Überlebenden sind heute längst erwachsen. Nur ein Teil von ihnen hat seine Familien jemals wiedergesehen. Die Wunden des erlebeten Traumas heilen ein Leben lang nicht.

Die durchschnittliche Lebenserwartung von Aborigines liegt deutlich unter der der australischen Restbevölkerung. Demnach werden sam_watson_indigenous_activ.jpgAborigine-Frauen nur 62, die Männer sogar nur 57 Jahre alt. Die Kindersterblichkeitsrate ist doppelt so hoch wie im australischen Durchschnitt. Erst 1967 erkannte die Regierung die Ureinwohner als Bürger des eigenen Landes an. Ihre medizinische Versorgung und ihr Sozialstatus sind von allen Bevölkerungsgruppen am schlechtesten, die Arbeitslosenquote unter Aborigines ist drei Mal so hoch wie unter den anderen Australiern. Depressionen, Alkohol- und Drogenprobleme, soziale Verwahrlosung und Selbstmorde sind häufiger Bestandteil der modernen Aborigine-Geschichte.

Rudds Entschuldigung ist zumindest heute noch rein symbolisch. Auch er weigerte sich wie sein Vorgänger Howard dagegen, einen Entschädigungsfonds für die Gestohlenen Generationen einzurichten. So einen Fonds gibt es bisher nur im Bundesstaat Tasmanien. Grund ist die Angst vor horrenden Entschädigungsforderungen. Dieses Verhalten stieß auf die Kritik einiger Aborigine-Verbände. Doch für viele Zuhörer erglomm auch ein neuer Hoffnungsfunken. Nach all den Jahren des Wartens flossen Tränen der Erleichterung. Zum ersten Mal seit der Entdeckung des Kontinents und somit dem Beginn des Rassismus gegen die Aborigines vor über 200 Jahren hat der australische Staat offiziell die Geschichte der Aborigines anerkannt und betätigt.

Bleibt zu hoffen, dass längst überfällige Taten und Reformen folgen, die die Aborigines auf eine Stufe mit anderen Australiern setzen. Aus meinen eigenen Erfahrungen in Australien weiß ich, dass dieser Weg noch lang sein wird. Der Rassismus vor allem gegen die Aborigines ist überall im Alltag spürbar – nicht versteckt, sondern aus deutscher Sicht erschreckend offen. Ich will nicht den Finger erheben. Aber ich möchte gerne mithoffen, dass es mit dem Regierungswechsel nun endlich darum geht, wirklich etwas zu verändern und nicht nur symbolische Bereitschaft zu zeigen.

Quellen:

Außerdem empfehle ich zwei Bücher zur Thematik:

  • Sally Morgan – My Place. Ich glaube, die deutsche Version heißt „Ich hörte den Vogel rufen“. Das Buch ist ein australischer Klassiker. Sally Morgan gehört zur „Stolen Generation“ und erzählt von ihrem Leben und der Suche nach der eigenen Identität.
  • Banjo Clarke (as told to Camilla Chance) – Wisdom Man. Soweit ich weiß, gibt es dieses Buch nicht auf deutsch. Banjo Clarke, mittlerweile verstorbener, aber zur Berühmtheit gewordener Aborigine, erzählt seine Lebensgeschichte. Ein tiefer Einblick in die Kultur der Aborigines und ihre Gegenwartsprobleme.

Fotos:

Fanny Cochrane Smith, Tasmanische Aborigine mit einem Gürtel aus Wallaby-Fellen. Wikimedia Commons. Copyright verjährt. / Sam Watson, Aborigine-Aktivist auf dem „Invasionstag“, wie der Australische Nationalfeiertag „Australia Day“ von den Aborigines genannt wird. Fotografiert von cultureboy, ebenfalls Creative Commons License.

7 Antworten to “Hoffnung für die „Gestohlenen Generationen“”

  1. weltkind Mittwoch, Februar 13, 2008 um 21:39 #

    ja, darueber habe ich auch gelesen. unfassbar, dass die „entschuldigung“ so spaet kam (wenn eine entschuldigung da ueberhaupt reicht). von der „verlorenen generation“ habe ich zum ersten mal durch den film „rabbit-proof fence“ (auf deutsch: „long walk home“) erfahren und war erschuettert. hier bei uns erfährt man ja nicht allzu viel ueber australien, ausser ein hai greift mal wieder einen surfer an. vielleicht kannst du ja was daran ändern. habe deinen text zumindest mit interesse gelesen.

  2. Muschelschubserin Donnerstag, Februar 14, 2008 um 14:41 #

    Den Film hab ich in Australien auch gesehen. Das Schicksal ist wirklich erschütternd. Bin am überlegen, das Buch zu lesen, nachdem ich es letztens bei Amazon gesehen habe.
    Danke für dein Interesse! Ist ja immer so ne Sache mit langen Texten und mit Themen vom anderen Ende der Welt. 🙂

  3. Aki Arik Donnerstag, Februar 14, 2008 um 23:11 #

    ich hab das mehr so am Rande in den Nachrichten gehört und weiß eigentlich erst jetzt durch deinen Beitrag um was es genau bei dieser Meldung ging. Danke!

    Gibt es in Australien auch so etwas wie die südafrikanische Wahrheits- und Versöhnungskommision? Haben die Aborigines eigentlich noch eigenes Land, wie z.B. die Indianer Nordamerikas, oder wurde das alles weggenomen? Ich denke ohne eigene finanzielle Mittel, wie diesen Entschädigungsfonds, wird es schwierig für die Aborigines (was bedeutet das eigentlich?), ihr Geschick wieder in die eigenen Hände zu bringen.

    Ich weiß ja nicht viel über Australien und noch weniger über die Aborigines, aber vor ein paar Jahren habe ich mal einen Film gesehen, ich glaub der hieß „Traumzeit“ oder so, der war von einer ganz verstörend faszinierenden Stimmung.

  4. Kassiopaia Freitag, Februar 15, 2008 um 10:21 #

    Den Film „Lang Walk Home“ haben ich damals im rahmen des Englischunterrichts gesehen und war ganz mitgerissen und gleichzeitig erschüttert von der geschichte. Wir haben damals im Unterricht Australien als Thema gehabt und uns auch sehr viel mit Aborigines und deren Kultur beschäftigt. Das ist alles so spannend und interessant gewesen, dass ich mir immer gar nicht vorstellen mag, dass andere Menschen sowas verachten können. Ich meine, die Weißen haben den ursprünglichen Australiern ihr Land genommen. Das ist wie mit den Indianern- völlig ungerecht!
    Was für ein Wunder, dass sich die Australische Regierung jetzt zu einem kleinen Sorry herabgelassen hat.

  5. Muschelschubserin Freitag, Februar 15, 2008 um 11:37 #

    @Aki Arik
    Es gibt verschiedene Versöhnungsversuche. Ich weiß von einem Versöhnungsmarsch in Sydney im Jahr 2000 über die Harbour Bridge, an dem viele Menschen aus der Bevölkerung teilnahmen. Die Politik hielt sich jedoch ziemlich raus soweit ich weiß. Und es gibt die Organisation „Reconciliation Australia“ (http://www.reconciliation.org.au/i-cms.isp), ich weiß jedoch nicht, ob sie wirklich national tätig ist. In Australien spricht man von der „Road of Reconciliation“. Damit sind wohl alle Versöhnunsgmaßnahmen gemeint, als Weg – ich finde, das trifft die Sache ganz gut.

    Zum Land: Es wurden ihnen erstmal alles weggenommen. Erst seit den Achtziger Jahren findet eine stückchenweise Rückgabe statt. Berühmtestes Beispiel ist die Rückgabe des Uluru (Ayer’s Rock) an die dort lebenden Aborigines 1985, auf die zehn Jahre später die Namensänderung zurück zum Originalnamen folgte. Seitdem sind die Ureinwohner wieder für die Pflege und den zum Monolithen gehörigen Nationalpark zuständig. Wie viele Rechte sie dort allerdings wirklich haben, sieht man sehr gut an einem Beispiel: Die Aborigines bitten die Touristen inständig darum, diesen Berg nicht zu besteigen, aus Respekt vor ihrer Religion. Es ist ein Heiligtum und eine Besteigung ähnelt dem Bepinkeln eines Gotteshauses. Da klettert man auch nicht einfach auf dem Dach rum. Trotzdem müssen sie mit ansehen, wie jedes Jahr tausende Touristen drauf rumklettern, und nicht wenige verunglücken. Ich habe mal eine Doku gesehen mit einem kurzen Interview mit dem Ältesten des dort ansässigen Stammes, der Anangu. Er äußerte, dass das Land eigentlich nur symbolisch zurückgegeben wurde. Wirklich ihnen gehören täte es mitnichten.

    Die Rückgabe weiteren Landes geschieht außerdem landesweit nur sehr zögerlich und nicht zufrieden stellend. Zahlen kann ich grad nicht nennen, aber auch hier handelt es sich wohl eher um Symbole als wirkliche Taten.

    Laut Wikipedia kommt „Aborigine“ vom lateinischen „ab origine“, was „von Beginn an“ heißt. Als Aborigine bezeichnet man eigentlich grundsätzlich Ureinwohner, nicht nur die Australiens. Hierzulande sind damit jedoch fast ausschließlich die Ureinwohner Australiens gemeint.

    @Kassiopaia
    Leider gibt es Beispiele für solch Verachtung bestimmter Bevölkerungsgruppen ja weltweit. Mir geht’s aber wie dir: Man kann sich nicht vorstellen, was für eine Denkweise dahinter steckt und erst recht nicht, dass irgendjemand diese Denkweise wirklich in Taten umsetzen kann. So unmenschlich ist das alles. Und doch ist es überall passiert.

    Mal gucken, vielleicht behandle ich das Thema ab und zu mal.

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