Dem ein oder anderen steigt die anstehende Sprengung scheinbar zu Kopfe

7 Feb

Hätte ich’s nicht besser gewusst, hätte ich gedacht, ich wäre mitten in eine satirische Kabarett-Veranstaltung geraten. Theater war das allemal, was einem da geboten wurde. Völlig kostenlos, ohne Schnickschnack und Schnörkel. Das Ganze hatte aber zwei Haken. Erstens wusste ich nach kurzer Zeit nicht mehr, ob ich über das Gebotene Lachen oder Weinen soll, und zweitens handelte es sich nicht um ein Theaterstück, sondern um die letzte Anwohner-Informationsveranstaltung desesel-juergenhuesmert.jpg Volkswohl Bundes zur anstehenden Sprengung des ehemaligen Büroturms in zehn Tagen. Irgendwie hatte ich – haltet mich für gutgläubig – so ein albernes Theater, wie es sich dort schon nach wenigen Sätzen entwickelte, nicht erwartet.

Vielleicht gäbe es ja ein paar Änderungen im Evakuierungsplan, dachte ich vorher. Statt dessen gab es Anschuldigungen und Unverschämtheiten in geballter Ladung. Nee, nicht von den ach so „bösen“ Versicherern. Die Anwohner drehten gleich haufenweise am Rad, dass sich die Balken biegen! Einer nach dem Anderen steigerte sich in Lächerlichkeiten hinein und ließ seinen Frust auf beleidigende, arrogante Art und Weise Richtung Rednertische prasseln. Da fehlte es den fast ausschließlich älteren Herren und Damen bis auf sehr wenige Ausnahmen aber mal gehörig an Benehmen! Alles wussten sie besser, alles, was mit der Sprengung zu tun hat wird da scheinbar als persönliche Provokation empfunden und ich begann mich zu fragen, für wen diese Leute sich eigentlich halten.

Ob den Fachleuten eigentlich klar sei, was sie von den Anwohner erwarten bei so einer Evakuierung? Ob man das überhaupt so selbstversändlich von uns armen Anwohnern verlangen könne? Was man einem denn bitte schön im Gegenzug zu bieten hätte, fragte eine toupierte weißhaarige Dame, die soweit ich mich erinnere schon bei der letzten Infoveranstaltung unangenehm aufgefallen war mit ihren frechen Einwürfen. Dieses Mal hatte sie sich lieber gleich in der ersten Reihe platziert. Woraufhin Beschwerden kamen, dass man auf dieser Veranstaltung ja nichtmals ein Getränk bekommen würde. Da pack ich mir echt an den Kopp! Man könne ja gerne versuchen, sie zu evakuieren, könne sich die Finger wund klingeln bei den Kontrollgängen, grummelten meine beiden Sitznachbarn vor sich hin. Sie seien nicht aus der Wohnung zu kriegen. Dass keine Versicherung zahlt, wenn ihnen in ihrer Wohnung, in der sie sich nicht aufzuhalten haben während der Sprengung, etwas passiert, wird geflissentlich verdrängt. „Sie kommen jawohl nachher vorbei und reinigen unsere Fenster, auf ihre Kosten, versteht sich“, entrüstete sich eine andere grauhaarige Frau. Und überhaupt, diese ganze miese Organisation! Der Kaffee, der den Evakuierten während der letzten Bombenentschärfung geboten wurde, sei die reinste Plörre gewesen, da müssten die Herren vom Volkswohl Bund jawohl mal was ändern! Selten ist es mir so schwer gefallen, tischkante-shofschlaeger.jpgnicht in brüllendes Gelächter auszubrechen bei soviel aufgeblähter Affigkeit! So jemandem würde ich gerne mal erklären, wie gerne ich seine Probleme hätte!

Zwei Männer kriegten sich so gar nicht mehr ein. Sie gockelten wie die Hähne immer weiter, wurden arroganter und herablassender und hörten auch nicht auf, als die wie ich fand erstaunlich geduldigen Veranstalter sie einfach zu ignorieren begannen. „Gleich kriegen se nen Kippskollaps„, dachte ich. Man solle bei seinem Vermieter eine Mietminderung durchsetzen, wenn man durch die Bauarbeiten belästigt werde, meinte der eine. Diese solle der Vermieter sich dann beim Volkswohl Bund zurück klagen. „Da werden sich von nun an unsere Anwälte drum kümmern“, kündigte der Jüngere noch an, bevor er flatternden Mantels den Raum verließ. Nee, ich lach mich tot, dachte ich. Wie kann man nur dermaßen bescheuert und abgehoben daherkommen?

Wenn ich nicht ein paar sehr liebe ältere Menschen kennen würde, würde ich hier und jetzt vermuten, dass ich da einen Einblick in das Benehmen einer Generation bekommen habe, die absolut kein Recht hat, sich über jugendliche Rüpel aufzuregen. Dass ich jetzt wüsste, woher diese ihr Benehmen hätten. Aber das sage ich nicht, denn ich habe eine sehr liebe Oma, tolle Eltern und freunde mich gerade mit meiner 79-jährigen Nachbarin an, die mir noch vor wenigen Minuten drei Töpfe Essen vor die Türe gestellt hat. Weil ich doch so viel lernen muss. Was bin ich froh, dass ich auch solche schönen Dinge mit älteren Menschen erleben darf in diesen Tagen!

Ich hoffe, die Veranstalter dachten nicht, dass alle im Raum Anwesenden so prinzipiell DAGEGEN sind, egal gegen was, wie diese Herrschaften. Die haben sich offensichtlich in den paar Wochen seit der letzten Veranstaltung reiflich überlegt, Protest zu machen. Hauptsache laut und deftig Contra geben, egal wogegen.

Was die Verantwortlichen uns Anwohnern als Gegenleistung für unser unsagbares Leid anbieten? Ich weiß es: Ein höchst interessantes und im ganzen Land Aufsehen erregendes Spektakel mit tausenden von Schaulustigen, das nur durchgeführt wird, um uns armen Anwohnern viele weitere Monate des Abrisses zu ersparen. Und ein kostenloses, leckeres Frühstück in hoffentlich besser gelaunter Gesellschaft als gestern Abend und mit – wie man uns mit ernster Miene versicherte – gut gekochtem Kaffee! Herrje, wehe die Croissants sind kalt, dann dreh ich durch! 😀

Fotos: Pixelio – Jürgen Hüsmert (Esel) und S. Hofschlaeger (2. Foto)

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8 Antworten to “Dem ein oder anderen steigt die anstehende Sprengung scheinbar zu Kopfe”

  1. weltkind Donnerstag, Februar 7, 2008 um 21:59 #

    du aermste. die vorboten der sprengung setzten dir wohl maechtig zu. diese senioren-spezies stirbt ja zum glueck langsam aus. hoffentlich wachsen die nicht nach und wir werden alle genauso. bleib stark!

  2. weltkind Donnerstag, Februar 7, 2008 um 22:02 #

    wieso erscheint mein kommentar doppelt??? erst hiess es „kann nicht veroeffentlicht werden“, neu geschrieben, dann doppelt. *gruebel*.

  3. Muschelschubserin Donnerstag, Februar 7, 2008 um 22:13 #

    Huch, ich lösch den Doppelkommentar einfach mal. *g* Das mit dem „hoffentlich aussterben“ will ich so gar nicht sehen. Ich will auch eigentlich bewusst nicht verallgemeinern. Denn nicht alle älteren Menschen haben sich gestern aufgeregt, sondern umgekehrt: All diejenigen, die sich so künstlich aufgeblasen haben, waren ältere Menschen. Und das will ich dann wiederum auch nicht verschweigen.

  4. reviersternchen Freitag, Februar 8, 2008 um 20:00 #

    Es wird immer Leute geben, die haben immer was zu meckern. Dabei spielt das Alter schon fast keine Rolle mehr.
    In unserer Nachbarschaft habe ich auch schon ganz ähnliche Situationen erlebt und nur mit dem Kopf geschüttelt, wenn ich einige Aussagen nicht grad besonders lustig fand. Gott sei dank sind nicht alle so.

    LG Mara

  5. STJ Donnerstag, Februar 14, 2008 um 21:39 #

    Ich war auch auf der Veranstaltung … und ich kann dir nur zustimmen. Sehr lustige Vorführung …

  6. lina Freitag, Februar 6, 2009 um 18:12 #

    jop

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