Zwischen Sensationsgier und Mündigkeit – Wie viel Verantwortung habe ich als Zuschauer?

7 Jan

Wieviel Schuld trage ich eigentlich selber? Wieviel Verantwortung kann man mir als Zuschauer zutrauen? Wer trägt das meiste Übel dazu bei: Ich als Zuschauer, die Redakteure und Macher der Klatschsendungen, ihre Vorgesetzten, die Paparazzi? Schon lange frage ich mich, was die „Quote“, auf die alle stieren, eigentlich auslöst. Wir alle wollen Sensationen und unseren niemals endenden Voyeurismus auskosten. Wir alle sind geil auf die intimsten Bilder, die schlimmsten Peinlichkeiten und die größten Ausraster. Selbst über das kleinste, pixelige und schlecht fotografierte oder wackelig gefilmte Fitzelchen Bloßstellung stürzen wir uns wie die Aasgeier. Und nie wurde unsere Gier mehr befriedigt, war es einfacher, ansuperstar-dgast.jpg diese Sensationen und Skandale heranzukommen, ganz dicht, bis selbst das längste Teleobjektiv nicht noch mehr Zoom hergibt.

Britney Spears sitzt kaum bekleidet in einem Krankenwagen, ist offensichtlich völlig zugedröhnt und blickt verstört durch die Gegend, während unzählige Hände an ihr rumfummeln, ihr Tücher vors Gesicht halten, damit man sie nicht filmen kann und die Erstversorgung durchführen. Und ich bin live dabei, bringe die Trage, auf der sie festgeschnallt ist und zappelt, mit den Rettungskräften zum Krankenwagen, sehe den ehemaligen Popstar sogar noch durchs Krankenwagenfenster, bringe sie in die Klinik und folge ihr auch dort noch so lange, bis der Rettungswagen in die Tiefgarage fährt und der Paparazzi-Mob gezwungenermaßen von ihr ablassen muss. Ich schätze, ich könnte so ziemlich fragen, wen ich will: Alle dürften die Bilder ihres neuesten Absturzes mittlerweile gesehen haben. Bewegt und in Farbe. Wen stören schon die paar Pixel und die Wackelei, wenn man Britney in einem ihrer peinlichsten und kaputtesten Momente erleben kann?

Will ich das sehen? Ja, irgendwie schon. Während ich gerade das Klatschmagazin RTL-Exclusiv vom Sonntag in Form eines Podcasts abrief, fragte ich mich, ob sie wohl etwas Neues über Britney zu berichten hätten. Das täte jetzt gut, etwas Neues von Britney, nach all dem Lernstress und dem stumpfen in der Bibliothek Gehocke heute. Und nur wenige Sekunden später flimmerten mir wieder die wackeligen Bilder von ihr im Krankenwagen entgegen. Noch ein paar Sekunden später komme ich mir vor wie eine sabbernde und geifernde Hyäne beim Anblick der zappelnden Beute. Ist das öffentliche Interesse an diesen Bildern wirklich so groß, dass sie nicht als Verletzung der Persönlichkeitsrechte, Menschenwürde und Ehre dieses Stars gelten? Und wenn ja – wenn wir wirklich alle diese Bilder unbedingt sehen wollen, wenn das öffentliche Interesse wirklich immens ist – wie weit sollten Medien dann gehen, um dieses Interesse zu wahren? Wie mündig ist der sensationsgeile Zuschauer? Wie viel Mündigkeit können Medien ihren Zuschauern zutrauen?

Irgendwie ist mir schlecht. Irgendwie will ich das gar nicht sehen. Zum von der befriedigten Sensationsgier ausgelösten Kribbeln in der Magengegend gesellt sich Ekel. Vor den Bildern, den Paparazzi, den Moderatoren und auch vor mir selbst. Und ich frage mich wieder, wie viel trage ich selbst zu diesen Bildern bei?

Foto: Pixelio – D. Gast

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5 Antworten to “Zwischen Sensationsgier und Mündigkeit – Wie viel Verantwortung habe ich als Zuschauer?”

  1. Aki Arik Montag, Januar 7, 2008 um 23:42 #

    Selten hab ich so einen ehrlichen und offenen Beitrag gelesen! Ich bin ganz begeistert!

    „.. wieviel Verantwortung..?“ Spontan mein ich, die Nachfrage bestimmt das Angebot. Aber – was kann ich für den ganzen trash, den ich so beim zappen sehe? Und dann bleibe ich halt hängen, kost ja nix. Oder doch? Ist ja nicht schwer meine Neu-Gier zu wecken. Gabs da nicht mal einen „Ehrenkodex“ der Medienleute? Bildungsauftrag? Aber – wer entscheidet, was für wen geeignet ist? Also auch nix. Zensur, nein danke! Bleibt es dann doch am Zuschauer hängen, was geht und was nicht? Also, mein ich, ja, Verantwortung, hast du. Aber mehr für dich, als für das was gesendet wird.

  2. Sternchen* Dienstag, Januar 8, 2008 um 06:45 #

    Toll in Worte gepackt, da muss ich zustimmen!
    Ähnliche Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich die Bilder sah. Schrecklich.
    Ich für meinen Teil kann das nur „nicht fördern“, indem ich mir eben keine Schmierblätter kaufe, wie Bunte oder Gala. Schlimm, was diese Paparazzi-Leute da anrichten und man kann nichts dagegen tun. Auch wenn ich Britney Spears nicht sonderlich mag – das geht ja nun eindeutig zu weit…. 😦

  3. Muschelschubserin Dienstag, Januar 8, 2008 um 20:24 #

    Ja, ich habe auf jeden Fall Verantwortung als Zuschauerin. Die Frage ist wirklich: Nur für mich oder eben auch für den Inhalt, wenn es doch so sehr auf die Quote ankommt? Natürlich kann ich alleine nichts bewirken, aber wenn sich ein Umdenken beim Zuschauer endlich mal durchsetzen würde, könnte man – so glaube ich – eine Menge erreichen. Schließlich finden viele so etwas verwerflich – und gucken’s dann trotzdem. Sehr inkonsequent. Wie in so vielen Lebensbereichen. Bei solchen Dingen bin ich Idealistin: Ich glaube daran, dass jeder Einzelne etwas verändern kann oder seinen Teil dazu beitragen sollte. Ich werde mal noch öfter reflektieren, was ich so medial konsumiere.

    Womit ich bei meinem Fernsehverhalten wäre. Welches es ja kaum noch gibt, denn ich habe vor einem guten halben Jahr meinen Fernsehapparat abgeschafft, wegen genau diesen Dingen und der Stumpfsinnigkeit, die damit verbunden ist. Damit habe ich so wie ich das sehe bereits ein wenig mehr Verantwortung übernommen. Aber ich sollte nochmal darüber nachdenken, ob ich nicht auch auf RTL Exclusiv als einzigen Klatsch-Podcast verzichten kann.

    Ach, und eine Sache noch: Ich habe noch auf eine andere Art eine Menge Verantwortung für das, was gezeigt wird. Nicht als Zuschauerin, sondern als angehende Journalistin. Ich mache kein Fernsehen und werde dies auch nicht tun, und ich habe nicht vor, auch nur annähernd in die Klatsch-Spalte zu kommen, aber ich weiß aus der Vergangenheit, dass jeder Journalist mit Themen konfrontiert werden kann, bei denen er sich fragen muss, ob das moralisch vertretbar ist. Was besonders dann schwierig zu entscheiden wird, wenn einem der Vorgesetzte im Nacken sitzt (wahlweise die Auflage, der Verleger, der Anzeigenkunde…). Auch deshalb beschäftigt mich dieses Thema immer wieder.

  4. Sternchen* Dienstag, Januar 8, 2008 um 22:44 #

    Als angehende Journalistin so ganz ohne TV find ich interessant! Ist wahrscheinlich reine Gewohnheit und man lernt, sich seine Informationen anderweitig zu beschaffen. Find ich klasse. 🙂

  5. nordstrahl Mittwoch, Januar 9, 2008 um 16:56 #

    Hallo Muschelschubserin,
    du hast heut ein heikles Thema gewählt, denn auch ich fühle mich durch solche Bilder hin und hergerissen. Auf der eine Seite will ich sie nicht sehen und auf der anderen Seite – wenn sie mir zufällig zuflimmern – bleibe ich am Ball.
    Wir Menschen sind wohl so und in jedem schlummert der Gaffer, der dem Leid der anderen mit Interesse zuschauen kann. Das gibt ein Gefühl von eigener Sicherheit. Denn so aus Abstand betrachtet fühlt der Mensch sich unverletzlich.

    Die Medien sprechen ja grade diese Eigenschaften des Menschen – die ja mehr aus dem Zwischenhern her gesteuert werden (animalische Instinkte) – an und es funktioniert sehr gut.

    Klasch vermittelt dem Menschen ein Gefühl, dass bei ihm die Welt ja in Ordnung ist und nur die des anderen aus den Fugen geraten ist. Weil wir ihn der Zeit der Medien ja nicht mal mehr wissen, was in der Nachbarwohnung vor sich geht, wird der Klatschtrieb von den Medien gestillt. Doch letztendlich entscheidet der Verbraucher der Informationen, was sich gut verkaufen läßt und was nicht.

    Leider ist es noch immer so, das sich NegativSchlagzeilen immer noch besser verkaufen als positive Nachrichten.

    Ich wünsche dir noch einen schönen Abend

    Gruß Nordstrahl

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