Das „Gold der Nordsee“ – Viel Schotter für die Einen, Lebensraum für die Anderen

20 Nov

An der Nordseeküste,
Am plattdeutschen Strand,
Sind die Fische im Wasser
Und selten an Land.

Schön wär’s! So wirklich viele Fische sind da nicht mehr im Wasser. Die Nordsee gibt nämlich nicht mehr viel her. Das hat so viele, teilweise unglaubliche Gründe, dass ich langsam ernsthaft am Verstand einzelner Verantwortlicher zweifle. So auch gestern Abend, als ich den „Report Mainz“ im Ersten sah.

Die Nordsee beherbergt das größte und artenreichste Wattenmeer der Welt. Dazu kommt eine Vielzahl unterschiedlicher Lebensräume wie Steil-, Fels- und Sandküsten, Salzwiesen, Flussmündungen, Freiwasser und Meeresboden. Um letzteren ging es bei „Report Mainz“.

Der Meeresboden beherbergt nicht nur die größte Artenvielfalt der Nordsee, sondern sorgt scheinbar bei bestimmten Verantwortlichen für Eurozeichen in den Augen. Anders kann ich mir das, was sie da tun, jedenfalls nicht erklären. Auf dem Boden liegen unzählige Tonnen Sand und Kies, auch das „Gold der Nordsee“ genannt. Und das kann man gutfernweh_mipa_200052.jpg gebrauchen, zum Bauen, für den Küstenschutz und zur Aufschüttung von Stränden. Alles, was man tun muss, ist einen riesigen Staubsauger über den Meeresboden führen.

Was unseren miesen Umgang mit dem Ozean angeht, habe ich immer das Gefühl, als werde jeder Schaden gleich bis zum Gipfel getrieben. So auch in Sachen Sand und Kies. Eine deutsche Behörde genehmigte nämlich den Abbau mitten in einem nach EU-Recht naturgeschützten Gebiet! Und das auf einer Fläche von 1.350 km². Abgesaugt wird alles, inklusive der Lebewesen. Dieser Raubbau bedroht unzählige Tierarten, darunter laut Experten 41 Arten, die auf der Roten Liste der geschützten Arten stehen, wie Schweinswale, Seehunde und Kegelrobben. Ihnen werden Laichgebiete und Nahrungsgrundlage genommen. Aufnahmen zeigen in dem Fernsehbericht, wie der Meeresboden nach dem Absaugen aussieht: tot. Die Reporter sprechen von 80.000 abgebauten Tonnen im vergangenen Jahr. In Zukunft solle sogar die 12-fache Menge abgesaugt werden! Thilo Maack von Greenpeace nennt das alles einen „riesigen Skandal“. Die Umweltschutzorganisationen BUND, Nabu und WWF haben Beschwerde eingelegt.

Wie die Verantwortlichen auf die Fragen der Reporter reagierten, spottet jeder Beschreibung. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie naiv sich das für mich anhört und wie sehr mich solch unverschämte Antworten aufregen. Klaus Bäätjer, Geschäftsführer der belgisch-deutschen Kies-Abbau Firma OAM-DEME Mineralien GmbH, rechtfertigt den Schaden beim Abbau damit, dass die Firma einen Naturschutzausgleich zahlt. Nach Angaben von „Reportkutter_lusa58.jpg Mainz“ beträgt dieser Ausgleich weniger als einen Prozent der Einnahmen der Firma. Der Verlust der Natur sei jedoch ohnehin mit Geld nicht wieder gut zu machen, egal in welcher Höhe. Ich finde es unfassbar, dass ein erwachsener Mensch so argumentiert, egal, ob er aus der Wirtschaft kommt oder nicht. Selbst ein kleines Kind würde bezweifeln, dass eine Tüte Bonbons ein guter Ausgleich für ein zerstörtes Spielzimmer ist. Ich an seiner Stelle könnte nicht mehr ruhig schlafen.

Der Pressesprecher des niedersächsischen Landesamtes für Bergbau, welches den Abbau genehmigte, redet sich in dem Bericht meiner Meinung nach um Kopf und Kragen und scheint schlecht informiert. Es habe ein langes Genehmigungsverfahren gegeben, mit dem Ergebnis, dass es „keine Beeinträchtigungen“ durch den Abbau gäbe. Es gäbe „kein Bild der Verwüstung“ auf dem Meeresboden. Darüber müsse man jedoch ohnehin nicht reden, denn nach so einem ausführlichen Genehmigungsverfahren „stellt sich später bei der Gewinnung nicht mehr die Frage, ob das eine Spur der Verwüstung ist“. Aha. Frei nach dem Motto: Wir haben entschieden, dass es da keine Verwüstung geben wird, also ist da auch keine. Er persönlich gehe aber ohnehin davon aus „dass sich die meisten Lebewesen (…) rechtzeitig in Sicherheit bringen können“. Ich kann noch immer nicht glauben, dass er das tatsächlich gesagt hat und womöglich auch noch glaubt!

Dieselbe Firma hat übrigens während der Genehmigung darauf hingewiesen, dass es zum Beispiel an der belgischen Nordseeküste ähnliche Kiesvorkommen gibt, die abgebaut werden könnten. Sehr ähnlich sogar: Nämlich mit einer ebenso großen Artenvielfalt und daher unter dem gleichen EU-Recht geschützt. Der einzige Unterschied ist, dass es die Genehmigung für einen Abbau des Meeresbodens in solch einer geschützten Region nur in Deutschland gegeben hat…

Wer den informativen Bericht sehen möchte, klicke hier. Wer den Text dazu lesen möchte, kann dies hier tun. Weitere Informationen zum Thema gibt es beim WWF, bei Greenpeace und beim NABU (PDF). Über die Überfischung habe ich mich schonmal aufgeregt.

Fotos: © mipa (Strand) und lusa58 (Kutter) / Pixelio.de.

4 Antworten to “Das „Gold der Nordsee“ – Viel Schotter für die Einen, Lebensraum für die Anderen”

  1. Torsten Mittwoch, November 21, 2007 um 13:01 #

    Habe ich auch gesehen, wenn der Hintergrund nicht so dramatisch und erschreckend wäre, könnte man glauben, die Zitate seien der Feder eines Autors einer Comedy-Serie entsprungen.
    Ein gutes hat der Bericht allerdings, um unsere berufliche Zukunft müssen wir uns keine Sorgen machen. Zur Not werden wir halt Pressesprecher irgendeiner Bundes- oder Landesbehörde…, das können wir nämlich bedeutend besser!!!
    Gruß, Torsten

  2. Kassiopaia Freitag, November 23, 2007 um 10:33 #

    Ich werde bei solchen Sachen immer richtig sauer. Wie kann man so rücksichtslos im Umgang mit der Natur sein?!? Ich verstehe das nicht, wie diese Leute so gierig nach Rohstoffen etc. sein können, dass sie sich einen Dreck darum scheren, was mit den Lebensraumen für Pflanzen und Tiere geschieht. Klar, reduzieren wir ruhig die Bestände und sperren den Rest in einen Zoo, dann kann man sich die Viecher wenigstens noch angucken. Pah!

    Der Ostsee geht es übrigens auch nicht besser, da gibt es in vielen Bereichen jetzt schon kein Leben mehr. 😦

  3. Muschelschubserin Freitag, November 23, 2007 um 13:20 #

    Ich fürchte, so einen oder einen ähnlichen Beitrag könnte man über so ziemlich jedes Meer dieser Erde schreiben. An Land sieht es zwar auch nicht viel besser aus, aber meiner Meinung nach sauen wir im Ozean besonders rum. Frei nach dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn“. Diese Unterwasserwelt scheint so unendlich weit von uns weg zu sein, dass es nicht wirklich kümmert, was dort geschieht. Man sieht es ja nicht. Und außerdem ist da ja alles gefährlich, glibschig und eklig – was ist daran schon schützenswert?
    Dabei hängen die unterschiedlichen Lebensräume dort meines Wissens noch viel mehr zusammen als an Land: durch Strömungen, Nahrungsketten und Wanderungen zum Beispiel. Noch drastischer wird das Ganze durch unseren mickrigen Wissensstand über die Ozeane und ihre Lebensräume.
    Aber das große Zusammenhänge Erkennen ist ohnehin nicht gerade eine Stärke der Menschheit.

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  1. Das “Gold der Nordsee” (2) - Neue Brisanz durch umstrittene Greenpeace-Aktion « Muschelschubserin - Sonntag, September 7, 2008

    […] Sand und alle darauf und darin lebenden Tiere und Pflanzen. Ich hatte bereits vor geraumer Zeit darüber gebloggt, nachdem ich durch einen Fernsehbericht auf diesen Skandal aufmerksam geworden war. Diese […]

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