Skepsis und vielleicht ein Hoffnungsschimmer? – Free Burma (Teil 3)

16 Nov

„Sozialismus, Demokratie? Darum ging es hier doch gar nicht. Das hört sich nur für euch Westler so romantisch an. Wir wollen essen. Drei Mahlzeiten am Tag, ganz bescheiden, buddhistisch.“ So zitiert der Stern online einen anonymen Mann aus Myanmar, der sich verdeckt mit Journalisten getroffen hat. Dieser berichtet weiterhin von Spionen der Militärregierung, die auf öffentlichen Plätzen und in Restaurants rumlungern, spitzelnd und lauschend. Kaum jemand traue sich noch, seine Meinung zu sagen. In der Propagandazeitung „New Light of Myanmar“ war zu lesen, die Todesopfer nach den Demonstrationen und Verhören seien „an Fieber gestorben oder gestürzt“. Ein Mönch, ebenfalls anonym, schildert im gleichen Bericht Verhöre, die mit Schreien, Schlägen und Tritten durchgeführt wurden, spricht von blutenden Mönchen. Zwei Tage haben sie nach seinen Angaben in der Hocke verbringen müssen, mit einer Flasche Wasser für 50 Menschen, jegliche Bewegung wurde mit Prügeln bestraft. Nichtmals die Toilette durften die Verhörten aufsuchen. Die misshandelnden Soldaten schlichen sich nach Dienstschluss zu den Mönchen und bettelten weinend um Vergebung.

Ich habe gerade eine ganze Weile damit verbracht, aktuelle Informationen aus Myanmar zusammen zu tragen. Da ichforgetburma.jpg selber vor etwa drei Wochen dazu aufgerufen hatte, Myanmar nicht zu vergessen, will ich aufpassen, dass mir das nicht letzten Endes selber passiert. Wirklich top-aktuelle Neuigkeiten gibt es zwar scheinbar nicht – was unter den oben geschilderten Umständen nur logisch erscheint – aber das Thema ist erstens nicht vollständig untergegangen und zweitens lese ich mehr oder weniger zwischen den Zeilen einen kleinen Hoffnungsschimmer, auf den ich später näher eingehen werde.

Einige werden mitbekommen haben, dass UN-Menschenrechtsbeauftragter Paulo Sergio Pinheiro mittlerweile nach Myanmar gereist ist, wozu er das erste Mal in vier Jahren von der Militärregierung die Erlaubnis bekommen hatte. Dort führt er Gespräche und ermittelt unter anderem in der Frage, ob Gefangene bei ihren Verhören gefoltert wurden. Ende kommender Woche werde Pinheiro sich laut österreichischem Kurier zu seinem Besuch in Myanmar äußern. Außerdem gibt es Berichte, dass die Militärjunta sich um Demokratie bemühe – diese Berichte stammen jedoch aus dem bereits genannten Propagandablatt der Regierung Myanmars. Unter anderem der Stern berichtet davon, dass die unter Hausarrest stehende Oppositionelle Aung San Suu Kyi das erste Mal seit mehr als drei Jahren die Erlaubnis bekommen habe, sich mit anderen Oppositionspolitikern zu treffen. Im selben Bericht des Stern steht jedoch auch, dass die prominente und seit August vor den Militärs flüchtende Regierungsgegnerin Su Su Nway in Ragun bei dem Versuch, ein Flugblatt mit bisher unbekanntem Inhalt in die Öffentlichkeit zu bringen, festgenommen wurde. Tagesschau.de berichtete schon vor ein paar Wochen darüber, dass die Militärjunta an einem Entwurf für eine Verfassung arbeite, die den Weg zur Demokratie bereiten solle. Die Nationale Liga für Demokratie (Opposition) sei jedoch von der Arbeit an diesem Entwurf ausgeschlossen. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch beschuldigte die Militärjunta etwa zur selben Zeit, immer häufiger Kindersoldaten für ihre Zwecke zu rekrutieren. Grund dafür seien Schwierikeiten, die Truppenstärke aufzubauen beziehungsweise aufrecht zu erhalten.

Die Neuigkeiten sind also sehr durchwachsen, können die Skepsis gegenüber der Entwicklung in Myanmar leider nicht ausräumen. Bleibt abzuwarten, was genau Pinheiro nach seinem Besuch vor Ort zu berichten hat. Die restlichen Berichte hören sich meiner Meinung nach sehr danach an, dass die Regierung auf Propaganda setzt.

Spiegel Online veröffentlichte vor knapp zwei Wochen einen Bericht des 24-jährigen burmesischen Mönchs Ashin Ven Kovida. Dieser Mönch war einer der Initiatoren der Demonstrationen im September in Rangun und lebt derzeit als Flüchtling illegal in Thailand. Ich möchte ein paar Auszüge aus diesem Bericht übersetzt zitieren:

„(…) Jemand rief mich um etwa vier Uhr morgens und sagte, dass die Polizei das Mingalayama Kloster gestürmt habe. (…) Normaler Weise leben dort mehr als 200 Mönche. Ihre Quartiere waren durchwühlt, Bücher und Möbel lagen zerstreut auf dem Boden, überall waren zerrissene Mönchsroben und Blut. Soldaten und Polizei hatten alle Brüder von dort weggeschafft. (…) An diesem Morgen entschlossen wir uns, noch früher als sonst aufzubrechen [zu den Demonstrationen, Anmerk. v. mir]. (…) Unsere Gruppe bestand aus 300 Mönchen und Nonnen. Wir liefen Richtung Downtown Rangun, aber Soldaten versperrten uns den Weg. (…) Ein Beamter sagte: Ihr könnt nicht in die Stadt marschieren, aber wenn ihr auf die Lkw steigt, bringen wir euch hin. Es war natürlich eine Falle. Wir setzten uns auf die Straße und fingen an, religiöse Lieder zu singen. Die Soldaten wussten nicht, was sie tun sollten. Dann griffen sie uns an. (…) [Am nächsten Tag] stoppten uns die Sicherheitskräfte nahe der Kyaik Ka San Pagode (…). Nehmt sie fest, rief ein Beamter, aber seine Soldaten standen dort wie gelähmt. Der Beamte, kochend vor Wut, begann, Soldaten in der ersten Reihe zu schlagen. Dann griffen sie wieder an. (…) Auch ich rannte davon.“

Und nun komme ich zu dem weiter oben angedeuteten Hoffnungsschimmer. Ich weiß nicht, wie groß er ist und ob es dazu wirklich Berechtigung gibt. Das kann ich schlecht beurteilen. Aber drei kleine Sätze in all den Berichten lassen mich als Außenstehende weiter hoffen: Weinende Soldaten, die die verhörten und womöglich gefolterten Mönche nach Dienstschluss um Vergebung bitten; Eine Militärjunta, die – so menschenverachtend, wie das ist – es scheinbar nötig hat, Kindersoldaten zu rekrutieren, weil sie ihre eigene Truppenstärke sonst nicht aufrecht erhalten kann; Soldaten, die offensichtlich Zweifel an der Ausübung ihrer Befehle haben.

Ich bin sehr gespannt auf das Fazit von Pinheiro und hoffe für die Bevölkerung von Myanmar, trotz meiner ansonsten großen Skepsis.

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5 Antworten to “Skepsis und vielleicht ein Hoffnungsschimmer? – Free Burma (Teil 3)”

  1. Klaudia Freitag, November 16, 2007 um 17:07 #

    Vielen Dank für die Erinnerung und die Zusammenfassung…

  2. Muschelschubserin Freitag, November 16, 2007 um 17:10 #

    Bitte. 🙂 Freut mich sehr, dass sich überhaupt einer meiner Leser dafür interessiert. Bisher war die Resonanz geradezu minimal (was jetzt kein Vorwurf sein soll). Aber solange ich nicht das Gefühl habe, gegen die Wand zu schreiben, bin ich zufrieden.

  3. Klaudia Freitag, November 16, 2007 um 17:52 #

    gerne wäre ich ja selbst aktiver in der Informationsbeschaffung zu solchen Themen. Ich nehme es mir vor, es klappt 2 Tage und dann ist es wieder vorbei, anderes (wichtigeres?unwichtigeres?/…) verdrängt mein Vorhaben. Dann bin ich froh, dass es Leute wie dich gibt, die mich wieder erinnern 🙂

  4. Torsten Freitag, November 16, 2007 um 17:53 #

    Keine Sorge, du schreibst nicht gegen die Wand, nur fällt es schwer kurze Kommentare zum Geschehen dort zu verfassen, da ich mich mit den Begebenheiten in Myanmar zu wenig auskenne. Ich nutze deine Kommentare viel mehr, um mich zu informieren. Weiter so…

  5. Muschelschubserin Freitag, November 16, 2007 um 18:21 #

    Oh, danke. Ist ja hier auch eigentlich nicht so der Nachrichtenblog, insofern kann ich schon verstehen, dass solche Themen hier nicht so beliebt sind. Ich bin ja selber nicht der große Nachrichtenmensch. Und fröhliches Kaffeeklatschen ist natürlich auch eher bei anderen Themen hier angebracht. Das sollte keine Beschwerde sein, ich hab mich nur teilweise gewundert, das SO wenig kam. Aber ich bin beruhigt. 😀 Man muss sich ja auch nicht zu allem äußern.

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