Stümperhafte Innenansichten eines grottenschlechten Spiels

21 Okt

Zunächst einmal, okay, okay, „wir“ haben miserabel gespielt, das habe sogar ich als Fußballnulpe bemerkt. Dass ich von „wir“ im Sinne von „wir Borussen“ spreche, ist schon irgendwie ein bisschen schräg, aber gut. Für eine Nacht war ich Borussin. Und bevor sich noch mehr nette Leute Sorgen machen (danke an Jens vom Pottblog, ich freu mich wie ein kleines Kind über meine Erwähnung in deinem Spielbericht), sei hier mal erwähnt, dass mir der Abend im Stadion trotz allem richtig gut gefallen hat. 🙂 Aber von vorne…

bvb2.jpgZunächst einmal fielen wir in eine Bar im Kreuzviertel ein. Dort war es schon ordentlich voll, wie auch im restlichen Dortmund zwischen Innenstadt und Stadion. Im Rekordtempo ein paar Dosenschnitzel runtergekippt und dann mit schon etwas schwerer Zunge raus aus der Bar, hinein in den Menschenstrom gen Stadion. Zwischendurch hab ich immer mal wieder unauffällig ein paar dumme Fragen in den Raum geworfen, über die Nord- und die Südkurve und den Stand der Dinge für die Bochumer und die Dortmunder (über den ich zum Erstaunen meiner besseren Hälfte allerdings schon einiges berichten konnte, da ich gestern im Pottblog Tipps gefunden habe, wie man die Bochumer Fans am besten ärgern kann). Ich erfuhr also, dass wir in der Nordkurve sitzen würden – mitten im Bochumer Fanblock! Schluck! Wo genau da jetzt der Sinn liegt, sich mitten unter die „Bösen“ zu mischen, sollte noch ein Weilchen ein Rätsel bleiben. Derweil fragte ich mich, ob man sich dort überhaupt als Dortmunder outen könne und war dann doch ganz froh, dass ich nix Schwarz-Gelbes an hatte.

Vorm Stadion Menschenauflauf mit ziemlich Gedränge. Rein ins Stadion und erstmal gefühlte sechs Stockwerke nach oben. Ganz schön hoch, so’n Westfalenstadion (so sehr ich mich nicht mit Fußball identifiziere, ich weigere mich, den Laden Signal Iduna Park zu nennen)! Zwei Minuten vor Anpfiff, das nächste Bier in der Hand, betreten wir die Ränge und unsere Plätze. Was für ein Anblick! Dieses Licht, diese Höhe, dieses Raunen, ich fühlte mich kurzzeitig auf einen anderen Planeten versetzt. Was für eine Atmosphäre! Kurz nach Anpfiff erschloss sich mir dann auch mit voller Wucht der Grund, warum die Nordkurve trotz lauter Fans der Gegenseite sitzenswert ist: Die „gelbe Wand“! Gegenüber ein Meer von gelb-schwarz gekleideten Fans, die so dicht beieinander und gleichzeitig hoch gestapelt stehen (jawohl, sie stehen), dass die Tiefe völlig verloren geht und man das Gefühl hat, auf ein zweidimensionales Plakat zu blicken. Wenn sich dann aber alle (und fragt mich nicht, wie viele Menschen da hinpassen) gleichzeitig und synchron bewegen und klatschen oder hüpfen, dann weiß man, dass man hier was Einzigartiges vor sich hat. Ich gebe zu, ich war emotional berührt von diesem Anblick und wurde kurzzeitig sentimental…

Dann nahm das echt peinliche Fiasko seinen Lauf, Dortmund spielt gegen diebvb1.jpg Tabellenletzten ein Unentschieden – und das, so könnte man sagen, sogar nur mit Glück! Trotzdem war ich völlig fasziniert. Von der Atmosphäre und von ihren Auswirkungen auf die Leute. Also erstmal muss ich sagen, die Bochumer Fans fand ich mal extrem lahm und langweilig. Zumindest bis auf die beiden jungen Herren in den Sitzen direkt vor uns, die haben dem Abend ein Sahnehäubchen aufgesetzt. Die waren nämlich richtig enthusiastisch bei der Sache, so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Es dauerte natürlich auch nicht lange, bis der eine laut und mit ausgestrecktem Arm „V-F-L, V-F-L“ brüllte! Ich konnt’s mir einfach nicht verkneifen… spukte in meinem Kopf doch immer noch die Frage, ob ich mich im Bochumer Fanblock als Dortmunderin outen darf oder nicht. Also schrie ich aus voller Kehle „B-V-B, B-V-B!“ Ich glaub, das war der doppelte Hammer: Ein blöder Borusse direkt hinter ihnen, und dann ist das auch noch ne Frau! Ich hätt mich bekringeln können über die Blicke, die mich trafen, noch bevor ich den nächsten Atemzug Stadionluft atmete. Von da an war klar, wie es weitergeht. Die beiden nur am Sticheln, extra laut miteinander am fachsimpeln, warum der BVB der Looserverein ist und Bochum es total bringt. Herrlich! Mein Schatz wurde immer nervöser, tippelte langsam rum, wurde auch immer lauter. Ließ sich echt ansticheln. Und ich blieb auch nicht mehr völlig emotionslos, wollte, dass wir bitte schön gewinnen und ich am Ende mit nem richtig fetten Grinsen aus dem Bochumer Fanblock spazieren kann. Naja, es folgte das 1:0 für Bochum… Ab dieser Stelle war ich heilfroh, dass ich gefühlsmäßig nicht allzu stark involviert bin. Durchaus nachvollziehbar, dass da manches Mal die Emotionen überschwappen. Nach dem Tor zum 1:1 hörte ich von hinten ständig jemanden sagen „Ich brauch nen Schnapps… echt, ich brauch nen Kurzen…!“ Der ältere Herr neben mir, ebenfalls Dortmunder Fan, stammelte im weiteren, grottenschlechten Spielverlauf nur noch kopfschüttelnd „Immer durch die Mitte… Ich versteeeeh das nicht! Ich versteeeeeh das einfach nicht!“ Schon alleine für diese Beobachtungen könnt ich direkt noch mal ins Stadion! Ich will nur nie zum richtigen Fan werden, das ist ja die pure Hölle, durch die man da gehen muss, wenn’s nicht so klappt, wie es sollte.

Den Vogel richtig abgeschossen hat aber der zweite von den beiden Herren vor uns gegen Ende des Spiels. Er war bisher sehr ruhig und eher introvertiert. Nur der hochrote Kopf und das Knibbeln verriet seine Nervosität, ansonsten absolut regungslos der Kerl. Nur noch wenige Minuten Spielzeit. Spielstand 1:1, Bochum schlecht, Dortmund noch schlechter und es sieht beinahe so aus, als würde Dortmund glatt noch verlieren. Da steht der plötzlich auf, holt tief Luft und brüllt aus vollem Leibe Worte, die ich hier beim besten Willen nicht wiedergeben kann. Nee, echt nicht. Meine Herren, alle in der nähe Sitzenden starrten plötzlich total verwirrt zu ihm rüber, selbst sein Kumpel schien leicht peinlich berührt. Ich fand’s einfach nur zu köstlich!

Und so sind es für mich wohl eher die Dinge drum herum, die mich faszinieren, als der Fußball an sich. Bitte verzeiht mir, liebe Fans, dass ich so stümperhaft Urteil ablege, aber wenigstens auf eine Art hat mich der Fußball möglicherweise gepackt.

Danke für die Fotos, Schatz!

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9 Antworten to “Stümperhafte Innenansichten eines grottenschlechten Spiels”

  1. Anonymous Sonntag, Oktober 22, 2006 um 00:03 #

    Vermutlich ist die gelbe Wand auch nur zweidimensional, da ein Plakat.
    Wer will schon BxBler im Stadion haben? 🙂

  2. Sven Sonntag, Oktober 22, 2006 um 13:50 #

    seeeeehr schön geschrieben alter schwede …

    ich bin ja nicht so unbedingt der fan von langen texten … aber er liest sich gut 🙂

    schöner abend war’s …

    Sven

  3. Anonymous Sonntag, Oktober 22, 2006 um 14:08 #

    Hi,
    na 25.000 passen in die Suedtribuene. Hatte selbst schon 2X mal das Vergnuegen (!!) mich in dieser gelben Wand zu befinden…
    freu mich, dass es dir gefallen hat und du deine Abneigung gegenueber Fussball etwas abgebaut hast. Es war ein langer Weg 🙂
    Gruss Homer

  4. Muschelschubserin Sonntag, Oktober 22, 2006 um 15:05 #

    @Anonym
    Ach wat, WENN irgendeine Mannschaft im legendären Westfalenstadion willkommen ist, dann jawohl der BVB. 😀

    @Sven
    Dankö!

    @Homer
    Ja, ansatzweise geheilt bin ich. Aber Teil der gelben Wand sein? Äh, so weit bin ich noch nicht. 😉

  5. Homer Montag, Oktober 23, 2006 um 09:21 #

    Hi,
    na du kannst doch auch ohne Probleme in die Tiefen der Weltmeere abtauchen…da sollte das Eintauchen in die „gelbe Wand“ doch kein Problem sein 🙂

    Homer

  6. ment0r Montag, Oktober 23, 2006 um 14:08 #

    Morgen muss eine Antwort kommen gegen Hannover sonst sehe ich nicht mehr Schwatz Gelbt sondern nur noch Schwatz!

  7. muschelschubserin Montag, Oktober 23, 2006 um 14:55 #

    Hehe, ja, hoffen wir mal das beste. Möglicherweise verfolge ich das jetzt sogar ein bisschen. *g*

Trackbacks/Pingbacks

  1. In der Popstars-Gerüchteküche brodelts und ich koche mit. Und beim BvB brodelts auch ganz nebenbei. « Muschelschubserin - Freitag, November 17, 2006

    […] Das erinnert mich an das aktuelle Problem des Dortmunder BvB. Da hat nämlich tatsächlich jemand die Tage das riesige Plakat über der Südtribüne (so grob geschätzt 50 Meter lang) GEKLAUT. Abmontiert und mit dem mega Paket unterm Arm aus dem Stadion spaziert. Überall in Dortmund wird gemunkelt. Waren es die Schalker? Die Bielefelder? Die Aachener? Beim Sport hörte ich eben einen Dortmunder zum Thema sagen: “Wenn irgendein dreckiger Schalker dat Teil angepackt hat, können se dat gleich behalten, dann wolln wa dat gar nich mehr ham!” […]

  2. Wenn die “Gelbe Wand” vorbeizieht « Muschelschubserin - Sonntag, Februar 10, 2008

    […] als absolute Fußball-Nulpe im größten Fußballstadion Deutschlands vor eineinhalb Jahren hab ich hier […]

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