Tag Archives: Medien

Nebenan: Umfangreiche Informationen zu Zyklon Yasi

3 Feb

Ich bin mal kurz furchtbar selbstreferentiell. Weil ich hier im Blog so viel zu und über Australien berichtet habe, ein Hinweis: Drüben, bei Stift und Blog, habe ich zum Zyklon Yasi, der die australische Ostküste gestern getroffen hat, eine umfangreiche Liste mit Quellen, Hintergrundinfos, Augenzeugen, Zitaten etc. zusammengestellt.

Die Liste ist ein Beispiel dafür, was man bei aktuellen Ereignissen selbst vom anderen Ende der Welt an Infos bekommen kann – ohne dabei auf hier heimische Quellen zurückzugreifen. Die Mischung aus traditionellen Medien und Social Media bringt verlässliche und authentische Informationen von vor Ort. Würden doch mehr Medien diese Möglichkeiten nutzen, anstatt Agenturmeldungen haufenweise zu kopieren und zu veröffentlichen…

Zum Beitrag bei Stift und Blog.

“Well it’s their fault for bringing their kids into a battle” (aktualisiert)

6 Apr

Seit gestern geistert ein Video durchs Netz und die Medien, das in seiner Unfassbarkeit kaum zu toppen ist. Ich hab es mir heute Nachmittag angesehen. Dachte, darüber muss ich bloggen. Dachte, das geht nicht, was soll ich bloß dazu schreiben? Welche Worte wären da richtig? Habe es unter Fremdlesen in die Sidebar gepackt. Und dann gedacht, das reicht nicht. Ich hab noch immer keine Worte gefunden. Muss ich auch gar nicht. Das Video sagt so viel. Viel zu viel.

GrazTigger, der hier manchmal als Truetigger kommentiert, twitterte vorhin:

Zu wissen, dass Krieg unmenschlich ist und es zu sehen sind doch 2 Paar Schuhe.

Genauso ist es. Wer sich das von WikiLeaks veröffentlichte (und auch vom US-Militär mittlerweile als authentisch bezeichnete) Video von einem 2007 geschehenen militärischen “Vorfall” ansehen will, hier ist es. Ich finde es sehr hart zu verdauen, aber ich finde auch, dass man manchmal nicht wegzappen darf, egal wie sehr es einen verfolgt. Trotzdem hier der Hinweis: In dem Video sterben Menschen vor laufender Kamera, zu zynischen Kommentaren der schießenden Soldaten. Als diese feststellen, dass sie nicht nur unschuldige Zivilisten und Journalisten ermordet, sondern auch zwei kleine Kinder schwer verletzt haben, sagt einer “Well it’s their fault for bringing their kids into a battle” (“Nun, die sind selbst Schuld, wenn sie ihre Kinder mit in die Schlacht nehmen”).* In dem Video ist allerdings keine Schlacht, sondern vielmehr eine Hinrichtung zu sehen.

Ergänzung, 7.4.: Ich war gestern Abend sehr gespannt, ob das Video in der Tagesschau thematisiert werden würde und wenn ja, an welcher Stelle und was genau gezeigt werden würde. Es kam vor, an dritter Stelle und mit nicht gerade harmlosen Ausschnitten. Nachsehen kann man die Sendung hier. Etwas ausführlicher haben später die Tagesthemen berichtet, nachzusehen hier. Dr. Kai Gniffke, Chefredakteur von ARD aktuell, kommentierte die Ausstrahlung der Video-Ausschnitte in der Tagesschau gestern Abend noch im Tagesschau-Blog. [Ende der Ergänzung]

Weitere Infos dazu:

“Collateral Murder” – Website mit Hintergrundinfos zum Video und einer längeren Version

US-Helikopter feuerten auf Zivilisten in Bagdad – Spiegel Online über das Video

Die Lügen der US-Armee - Zeit Online

Wikileaks veröffentlicht US-Militär-Video aus dem Irak - Weitere Infos und Links zum Video bei Netzpolitik

2 Iraqi Journalists Killed as U.S. Forces Clash With Militias – Der drei Jahre alte Bericht der New York Times über den Vorfall

Zuerst gefunden hab ich das Video bei den Ruhrbaronen.

* 15:27 Min.

… Und erst die Haptik! Zum Relaunch des uMag

31 Mär

Vor einer Weile bekam ich vom Hamburger Bunkverlag das Angebot, den Relaunch des uMag hier im Blog zu kommentieren. Als Journalistin, Onlinerin, aber eben auch großer Print-Fan fand ich die Idee spannend – zumal es keinerlei inhaltliche oder formale Vorgaben für die Kritik gab. Los geht’s.

Das alte U_mag und das neue uMag.

Das (neue) uMag

Das uMag ist nach Verlagsangaben ein Magazin für die junge Szene und Alternativkultur. Als Zielgruppe definiert der Bunkverlag Großstädter zwischen 20 und 39 Jahren: “lässig, gebildet, szenig und meinungsstark. Als Early Adopters in den Bereichen Style, Kommunikation, Musik und Kultur sind sie eine interessante Zielgruppe für die Werbewirtschaft. Diese Zielgruppe des neuen uMag liest jedoch kaum Tageszeitungen und erwartet am Zeitschriftenkiosk nur wenig Geeignetes für sich. Dafür hat die Zielgruppe das Netz und Community-Seiten wie facebook stark in ihren Alltag integriert.” Das uMag soll als Printmagazin also Onliner ansprechen. Dabei geht der Verlag von “veränderten Lesegewohnheiten” aus und setzt auf kurze Texte sowie ein aufgelockertes Layout. In Zusammenarbeit mit der Werbeagentur Jung von Matt / Elbe wurde das Magazin komplett überarbeitet. Man könnte sich fragen, ob das neue uMag überhaupt noch das uMag ist, so krass ist der Relaunch vom Umfang her ausgefallen.

Das (neue) uMag und ich

Mir war das uMag bisher unbekannt. Obwohl einiges dafür spricht, dass ich zur Zielgruppe gehöre (Großstädterin, Alter, formale Bildung, Online-Affinität), würde ich mich selbst ungerne als “lässig” und “szenig” bezeichnen oder als Early Adopter in Sachen Style, Musik und Kultur. Vor allem ist es aber so: Ich liebe Print genauso wie Online, allerdings aus anderen Gründen. Ich hole mir aktuelle Nachrichten online, habe aber mit GEO und ZEIT zwei Print-Titel im Abo, die eben nicht für kurze, häppchenweise präsentierte Texte bekannt sind. Ich persönlich möchte mich mit Print auf die Couch legen und in ein informatives, mich forderndes und ausführliches Lese-Erlebnis eintauchen. Der andere Grund dafür, dass ich eher nicht zur Zielgruppe gehöre: Ich konnte noch nie wirklich etwas mit Lifestyle-Magazinen anfangen, offline wie online.

Titel & Optik – und erst die Haptik!

Das neue uMag widerspricht schon rein haptisch allem, was es auf dem Zeitschriftenmarkt bisher gibt. Es ist auf gräulichem, ungewöhnlich festem und mattem Papier gedruckt. Das widerspricht auch dem alten uMag, welches U_mag hieß und aus dünnem, glänzendem, weißem Papier bestand. Das war sicher eine sehr mutige Entscheidung, aber ich steh auf das neue Papier! Die Haptik ist toll und nach kurzer Eingewöhnung empfinde ich den Farbruck und die Freiflächen auf den Seiten nicht als matter oder gräulicher als gewöhnlich. Obendrein passt das Papier zum Inhalt des Magazins und einzelnen Beiträgen zu Umweltthemen oder Vintage-Trends.

Ebenso gut gefällt mir das handlichere Format. Die Seitenzahl ist in etwa gleich geblieben, dafür gab’s ne saftige Preiserhöhung von 80 Cent auf 3,30 Euro. Die neue Schreibweise des Titels finde ich gut, allerdings gefällt mir die Umsetzung auf dem Titel nicht. Dass dieser komische schwarze Kasten ein “U” darstellen soll, ist mir erst aufgefallen, als ich in meine Notizen zur Rezension was von “komischer schwarzer Kasten” geschrieben und daraufhin noch einmal genauer drauf geguckt hatte. Auch scheint mir der Titel “uMag” zu verloren in den Balken des U gequetscht. Insgesamt aber gefällt mir die Neugestaltung des Titels. Er sieht – nicht zuletzt wegen dem Papier – wesentlich edler und durch das ganzseitige Foto weniger “stadtmagazinig” aus als der alte Titel.

Orientierung

Was mir in Sachen Lese-Orientierung im neuen uMag besser, aber trotzdem nur bedingt gefällt: Das Inhaltsverzeichnis. Im alten Magazin existierten die Ressorts quasi nur im Verzeichnis, inhaltlich waren die Schwerpunkte quer durchs Heft gestreut. Das neue Verzeichnis hat neue Ressorts, anhand der Seitenangaben sieht man, dass die Beiträge im Heft passend dazu gebündelt sind – so wie es sein sollte.  Zu den “Shorts” fehlen mir jeweils genaue Seitenangaben. Ganz schöne Sucherei, wenn man was gelesen hat und nochmal dorthin zurück will…

Das neue Inhaltsverzeichnis.

Was mir überhaupt nicht gefällt: Die Titel von zwei der vier neuen Ressorts. Hier merkt man meiner Meinung nach am deutlichsten, dass der Relaunch von einer Werbeagentur durchgeführt wurde. Um auf Teufel komm raus den Dreh zum Magazin-Titel hinzubekommen, hat man sich weitgehend von den klassischen Ressorts gelöst. Die neuen heißen “uniq”, “Music”, “arts” und “go ahead!” – ergibt zusammen “uMag“. Während “Music” und “arts” selbsterklärend sind, wird mir auch auf den zweiten Blick nicht klar, was unter “uniq” und “go ahead!” zu verstehen ist und wie sich diese Ressorts unterscheiden. In der Verlagsmitteilung zum Relaunch heißt es: “Der Einstieg erfolgt mit dem Bereich „Uniq“. uMag porträtiert Persönlichkeiten (…), kommentiert Trends (…) und zeigt, wie man daraus für sich etwas Einzigartiges macht. (…) Und zuletzt „Go ahead“. Hier werden gesellschaftliche und politische Themen (…) im Dialog mit Fachleuten in die Lebenswelt der Leser geholt.” Ich könnte mir tausend Themen vorstellen, die in beide Ressorts passen. Zum Beispiel der Beitrag “Die Konsumlüge” aus dem alten U_mag – in dem eine Autorin den Trend, durch bewusstes Einkaufen Einfluss auf die Wirtschaft zu nehmen, kritisiert.  Die Geschichte passt in beide neuen Ressorts. Diese beiden Ressorts erfüllen meiner Meinung nach nicht den Zweck der inhaltlichen Orientierung.

Das Layout

Mini-Schrift im "Checkbrief".

Das Layout gefällt mir viel besser als vor dem Relaunch. Es wirkt edler und wesentlich kreativer als im alten Heft. Der gestalterische, zuvor an ein kostenloses Stadtmagazin erinnernde Einheitsbrei ist optischer Einzigartigkeit gewichen. Der Identifikation und somit Leserbindung dürfte das zugute kommen. Denn was bitte möchte man als Leser weniger, als ein verwechselbares Durchschnitts-Produkt? Da nehm ich lieber die ein oder andere Kleinigkeit in Kauf, die nicht meinem Geschmack entspricht, hab dafür aber was optisch Anregendes in der Hand. Was gar nicht geht: Die “Checkbriefe” und die Seitenzahlen. Die Schrift ist geradezu verboten klein (s. Foto).

Der Inhalt

Positiv hervorheben möchte ich hier die Platten-Rezis unter “Auflegen oder aufregen?” (S. 32). Ich lese Musik-Rezensionen fast nie – weil Musik Geschmacksache ist, weil Rezensenten sich gerne mal einen “abschwurbeln” und weil ich online sehr viel mehr Rezis zu einem Produkt lesen kann, wenn auch teilweise von Amateuren. Der Bunkverlag schreibt: “Musikjournalismus muss neue Wege gehen, deshalb: diskutieren statt dozieren.” Und das wird hier prima umgesetzt: Drei uMag-Redakteure und ein Musiker machen sich gemeinsam über neue Platten her und schreiben ihre durchaus kontroversen Meinungen dazu gesprächsartig auf (Katharina: “Ich finde zwar deinen Ansatz falsch, Carsten, stimme aber mit dir überein, das das Album doof ist.”)

Die Twitter-Geschichte dagegen ist – mit Verlaub – schrott. Viel zu oberflächlich, kein Fokus, ich versteh gar nicht, was eigentlich Thema der Geschichte sein sollte? Ich finde, der Beitrag ist weder eine “Bestandsaufnahme”, noch sind die kleinen Interviews “Widerworte”. Das Ganze sieht arg nach “Wir brauchen noch IRGENDwas mit Internet im Magazin” kurz vor Redaktionsschluss aus. Schade, denn davon fühle ich mich als Onlinerin eher veräppelt als angesprochen. Hier hätte die Redaktion richtig Eindruck schinden können mit ihrer Online-Kompetenz. Hätte… können.

Ansonsten wird viel Wert auf eine Verknüpfung zwischen Print und Online gelegt. Die Redaktionsmitglieder sind alle per E-Mail zu erreichen (endlich sieht man das mal im Impressum!), einige Geschichten, wie die über die Blood Red Shoes, werden multimedial ergänzt durch Videos vom Shooting und weitere Fotos auf der Website. Auf Seite 34 wird ein Interview samt Mini-Konzert mit Sterne-Sänger Frank Spilker sogar nur mit einem Foto und kurzem Text angeteasert – zu sehen gibt es das NUR online. Endlich zeigt mal eine Printredaktion Mut zum Experiment. Einzig den allgemeinen Link zur Website anstelle eines Direktlinks halte ich nicht für sehr nutzerfreundlich. Und über eine Kommentarfunktion könnte man vielleicht mal nachdenken, zumal die Einbindung der Leser explizit als Ziel des Magazins formuliert wird.

FAZIT

Das neue uMag ist viel besser als das alte. Weil es sich vom Rest des Marktes abhebt, weil es – ganz im Gegensatz zur alten Version – einen eigensinnigen Charakter hat, weil es sich toll anfühlt und das “Hippe” und “Stylische” jetzt optisch rüber kommen. Am Kopf des Titels könnte und sollte man meiner Meinung nach noch arbeiten, ebenso an den “Checkbriefen”, den Seitenzahlen und den Ressortnamen. Alle Geschichten sind unterhaltsam und können “zwischendurch” konsumiert werden. Auch aus journalistischer Sicht spannend und lobenswert finde ich die Verknüpfung von Print und Online. Was ich vermisse ist vor allem Tiefe. Weil Tiefe das ist, was ich persönlich von Print erwarte. Das Konzept des uMag widerspricht dem grundlegend. In so kompakten Beiträgen kann man nicht in die Tiefe gehen, das liegt in der Natur der Sache. Wer also “lässig” und “szenig” ist, sich für Alternativkultur interessiert und für kompakte Lese-Häppchen 3,30 Euro zu bezahlen bereit ist, kann hier eine durchaus ansprechende neue Lese-Heimat finden. Die neueste (hier nicht berücksichtigte) Ausgabe liegt bereits seit 15. März in der Auslage.

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→ Im neuen uMag probeblättern sowie ein Video zum Relaunch ansehen kann man hier.

→ Wer lesen möchte, was andere Blogger über das uMag danken, wird hier fündig. Der Mediendienst DWDL meint, der Relaunch habe die “Zeitschrift ruiniert” und hält das Ergebnis für “absolut erschütternd”. Bei Meedia (ebenfalls ein Mediendienst) ist man der Meinung, das neue uMag käme “im wahrsten Sinne des Wortes blass daher” und kritisiert vor allem, dass der Relaunch durch eine Werbeagentur durchgeführt wurde.

→ Im DWDL-Interview äußert sich Verleger Uwe Bunk zur Kritik am Relaunch.

Nach mir die Informationsflut? (Teil 2) – Wandel der öffentlichen Kommunikation

11 Feb

Fasst man die wichtigsten Aspekte meiner Reflexion des Ist-Zustandes in Sachen Informationsflut und Web 2.0  zusammen und verallgemeinert sie (ich glaube, das ist in diesem Fall zulässig), kommen dabei folgende Tendenzen heraus1:

  1. Es gibt offenbar eine Kluft zwischen denen, die das Internet sehr intensiv und vor allem auch partizipativ (also durch die Erstellung eigener Inhalte und zur Interaktion) nutzen und denen, die mit dem Thema Web 2.0 kaum etwas anfangen können. Das geht meiner Meinung nach über das, was als “Digital Divide” bezeichnet wird (Zugangsbarrieren vor allem durch soziale Faktoren), hinaus, weil es auch viel mit Interesse zu tun hat.2
  2. Diejenigen, die zu den Intensiv-Nutzern gehören, sehen sich mit einer Informationsflut konfrontiert, die zu kontrollieren eine Herausforderung darstellt (s. Teil 1). Und die einen somit noch tiefer in den Info-Wust hineinzieht…  Zeitlich ist diese Informationsmenge kaum zu bewältigen, also müssen Filter und Tools her, die helfen.

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    Will Lion (Flickr) unter Creative Commons License (some rights reserved)

  3. Informationen und Nachrichten zu selektieren und zu gewichten ist nicht mehr nur Aufgabe von professionellen Mediatoren wie Journalisten, sondern von jedem einzelnen Nutzer. Außerdem kann jeder, der möchte und Zugang zum Internet hat, eigene Inhalte produzieren, vollkommen unabhängig von der Relevanz der Inhalte. Was wiederum zur Info-Flut beiträgt (inklusive einer Menge Info-Müll).3
  4. Damit verbunden ist eine gewisse Verantwortung, auch vor dem Hintergrund, Bürger einer Demokratie zu sein. Wie steht es mit der medialen Grundversorgung, der Meinungsbildung, wenn ich alles, was mich nicht persönlich interessiert einfach rausfiltere? Verstehe ich die Zusammenhänge des Weltgeschehens zukünftig noch? Wie verändert sich der öffentliche Diskurs, wenn eine steigende Zahl Webuser selbst publiziert? Welche Quellen sind glaubwürdig? Wer schreibt von wem ab?
  5. Die Rolle der professionellen Mediatoren (Journalisten z. B.) verändert sich massiv durch diese Entwicklung im Onlinebereich. Und auch die Onlinemedien selbst (ebenso wie die im Print) müssen sich diesen Tendenzen anpassen. Journalisten, Online- und Printmedien tun sich damit allerdings schwer. Es wird mal mehr und mal weniger motiviert und professionell experimentiert, gewerkelt und auch eingestampft.
  6. Nie waren die Anforderungen an die Medienkompetenz jedes Einzelnen so hoch. Woher aber diese Kompetenz nehmen? Kann, sollte, muss man sich alles selbst beibringen? Sind wir überfordert? Wenn ja, warum bzw was dagegen tun?

Es lohnt sich, diese Punkte genauer zu betrachten. Letzten Endes gehen sie meiner Meinung nach jeden etwas an, egal ob Interesse vorhanden ist oder nicht. Denn diese Entwicklungen verändern die Gesellschaft, sie verändern massiv, was wir wie wahrnehmen und beeinflussen die Meinungs- und Wissensbildung sowie das Geschehen um uns herum. Es scheint mir wichtig, das kritisch zu reflektieren, statt nur DAFÜR oder DAGEGEN zu sein.

Mehr dazu demnächst…

1 Nochmal der Hinweis: Das ist alles nicht neu. Es sind meine im Web 2.0 gesammelten Erfahrungen und Meinungen gepaart mit dem, was ich in drei Jahren über das Thema in Fachliteratur gelesen habe – ohne Anspruch auf Vollständig- und / oder Endgültigkeit. Feedback, Kritik, Ergänzungen erwünscht. ;)

2 Vgl. Neuberger: “Zudem werden die Bereitschaft und Fähigkeit der Nutzer überschätzt, sich im Internet aktiv zu betätigen. Die “Illusion vom hyperaktiven Publikum” (…) geht davon aus, dass im Internet permanent und kompetent die Möglichkeiten der Information und Kommunikation genutzt werden. (…) Im Internet steigen die Anforderungen der Nutzer im Vergleich zu traditionellen Medien, weil sie alleine mit den Folgeproblemen des unbeschränkten Zugangs zur Öffentlichkeit, der “Informationsflut” und dem “Informationsmüll”, konfrontiert sind. Dies könnte zu einem Orientierungsverlust führen.” (NEUBERGER, Christoph: Nutzerbeteiligung im Online-Journalismus. Perspektiven und Probleme der Partizipation im Internet. In: RAU, Harald (Hrsg.): Zur Zukunft des Journalismus. Frankfurt a. M. 2007. S. 65.) Welker spielt ebenfalls auf die Passivität der Nutzer an, weil das Leisten von aktiven Beiträgen einen Mehraufwand bedeute. Daher stiegen die Zahlen der Blog-Leser schneller als die der Blog-Autoren (WELKER, Martin: Medienschaffende als Weblognutzer: Wer sie sind, was sie denken. Eine explorative Analyse. In: RAU, Harald: Zur Zukunft des Journalismus. Frankfurt a. M. 2007. S. 97f.)

3 Vgl. NEUBERGER, Christoph: Weblogs verstehen. Über den Strukturwandel der Öffentlichkeit im Internet. In: PICOT, Arnold / FISCHER, Tim (Hrsg.): Weblogs professionell. Grundlagen, Konzepte und Praxis im unternehmerischen Umfeld. Heidelberg 2006. S. 116f.


Nach mir die Informationsflut? (Teil1) – Eine (sehr lange) Reflexion des Ist-Zustandes

7 Feb

Benutzt ihr einen Feedreader? Wisst ihr, was RSS ist? Twittert oder bloggt ihr? Kennt ihr Stefan Niggemeier oder den Elektrischen Reporter? Wisst ihr, dass das Basic Thinking Blog Anfang des Jahres für viel Geld bei Ebay versteigert und der Betreiber von netzpolitik.org diese Woche von der Bahn abgemahnt wurde? Bekommt ihr die Spiegel-Online-Eilmeldungen quasi in Echtzeit auf den Bildschirm, ganz automatisch, ohne Klickerei? Wisst ihr wenigstens, wer der Shopblogger ist? Alle genannten Blogs gehören zu den Top-Blogs des Landes. Aber ihr habt doch sicher schonmal “user generated content” generiert?

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Will Lion (Flickr) unter Creative Commons License (some rights reserved)

Wer diese Fragen mit “ja” beantworten kann, surft besser weiter. Als veraltet, hunderttausend Mal durchgekaut, langweiliges Gefasel werdet ihr sonst den folgenden Text empfinden. Wer eher mit “nein” antworten würde, gehört vielleicht zu meinem “realen” Bekanntenkreis, aus der analogen Welt da draußen. Diese Menschen kommen oft nicht mehr mit, wenn ich Web-2-Nulliges von mir gebe. MySpace, Studi VZ, dieses eine Weblog, damit kann man noch etwas anfangen. Dann hört’s aber meistens auf. Ich will das an dieser Stelle nicht bewerten. Es geht mir um etwas Anderes. Manchmal hab ich nämlich selbst das Gefühl, nicht mehr mitzukommen… Findet ihr zum Beispiel nicht auch, dass bereits im ersten Absatz dieses Textes viel zu viele Links enthalten sind?

Sämtliche Eingänge quillen über. Mein Feedreader – voll mit interessanten Blog-Beiträgen, die ich unbedingt noch lesen muss. Meine Liste von Lesezeichen – voll bis zum Anschlag mit lesenswerten, wissenswerten, unmöglich zu ignorierenden Artikeln, Websites und Blog-Beiträgen. Manches wollte ich schon immer mal wissen. Über manches sollte jeder Mensch Bescheid wissen. Manches brauche ich für meine Diplomarbeit. Anderes wollte ich schon lange mal verbloggen. Und da wären all die Tweets bei Twitter mit all den tollen Links, die mir in den letzten Wochen schon so manche Perle des Wissens oder der Unterhaltung offenbart haben. Jedenfalls die, die ich geschafft habe, mir genauer anzugucken. Die anderen liegen unter “Favoriten” und warten darauf, dass ich sie lese. Würde man meine Liste noch ungesichteter Informationen aneinanderreihen, könnte man damit die Welt umspannen. Oder so ähnlich.

Ich habe das Gefühl, in einer Flut von Informationen zu versinken. Ich will auf dem Laufenden bleiben, über das Real Life da draußen, aber auch über die virtuelle Welt mit all ihren Spielereien und Diskussionen, die – so hab ich immer mehr das Gefühl – nur solche Menschen kennen, die viel Zeit in dieser Parallelwelt verbringen. Von einer “publizistischen Avantgarde” (1) ist da die Rede, von “Prosumenten” (2), “Grassroots-Journalism” (3), einer “Medienrevolution” (4) oder den “neuen Meinungsmachern” (5). Früher, ja früher wurden all diese Infos professionell vorsortiert, gewichtet, abgewogen. Von Journalisten (*gähn!*). Die haben ihr Monopol längst verloren. Die Aufgabe der Selektion der Informationen sowie deren Gewichtung ist von den professionellen Mediatoren durch das Internet auf jeden Einzelnen übergegangen. Auf dich und mich. Ist es wirklich verwunderlich, dass ich mich kaum noch zurecht finde, permanent das Gefühl habe, Wissen nicht zu wissen, Informationen zu verpassen, zu langsam zu sein? Mir hat jedenfalls niemand beigebracht, wie diese Flut an Infos zu handhaben ist. Oder wie die Tools zu handhaben sind, die mir helfen, der Flut Herr zu werden.

Ich kenne keine “realen” Personen, die wissen, was in den letzten Tagen auf und um Netzpolitik.org abging (s.o.) und was das in der Blogosphäre und bei Twitter an Massen von Reaktionen ausgelöst hat, so dass selbst die etablierten Medien das Thema aufgriffen. Darüber, ob man das wissen muss oder sollte oder ob das gänzlich verzichtbare Infos sind, kann man diskutieren, sollte man auch. Aber es geht nicht nur um das OB, sondern auch um das WIE?

Obwohl immer mehr Tools Informationen und Nachrichten für mich nach einem von mir vorher festgelegten Raster sammeln und die sie mir quasi automatisch und im Minutentakt bis auf meinen Desktop bringen, habe ich nicht einmal annähernd das Gefühl, mich gut auszukennen. Ich habe eine Lieblings-Nachrichtenquelle im Internet, aber ist die andere nicht viel besser? Oder die nächste, von der ich gestern noch las? Oder soll ich verschiedene Websites für verschiedene Ressorts ansurfen? Bekomme ich kritische Infos über das Mediengeschehen nicht eher in Medienblogs als in den Medien selbst? In Watchblogs? Kritikerblogs? Redaktionsblogs? Oder in J-Blogs? Oder in den Blogs von ganz privaten und unabhängigen, wirklich unverblümt schreibenden Rezipienten? Welche davon sind vielleicht noch besser als die, die ich ohnehin schon konsumiere? Sollte ich zusätzlich zu objektiven / journalistisch aufbereiteten Infos nicht auch Meinungen konsumieren? Sollte ich nicht mal die us-amerikanische Bloggerwelt, die unserer so weit voraus ist, genauer kennen lernen? Die NY Times online lesen? Noch den ein oder anderen Politiker- oder Medien-Tweet abonnieren? Worüber twittert der Alpha-Blogger da gerade? Hab ich etwa was verpasst? Wie kann das sein, wo ich doch schon so viel Zeit mit dem Konsum der gefilterten Infos verbringe? Himmel, ich war noch nie bei Facebook oder Wer-kennt-wen, dabei gehören die zu den populärsten Websites des Landes. Ich habe mich lange gegen Twitter gesperrt und finde es jetzt toll. Sollte ich vielleicht auch mal…?

Immer mehr unkonsumiertes Wissen häuft sich an, bis ich einen Mini-Koller kriege, das Gefühl habe, darin zu versinken und auf “alles als gelesen markieren” klicke. Scheiß was drauf, ich weiß nicht einmal mehr, was sich hinter diesem favorisierten Link verbirgt, wird schon nicht so wichtig sein. Ganze Ressorts – auch ein paar, die für die Allgemeinbildung wichtig sind – klammere ich aus. Einfach, weil es geht. Und weil mich der Reise-Teil vielleicht mehr interessiert als der Wirtschafts-Teil.

Zusammenhänge werden immer undurchschaubarer. Gestern habe ich verpasst, warum diese eine Krise oder Diskussion los brach, egal, wir stecken schon mitten drin, es geht nur noch darum, Stunde für Stunde auf dem Laufenden zu bleiben. Wieso, weshalb, warum ist fast egal. Aus Zeitmangel lese ich an manchen Tagen nur noch Überschriften. Ja, ich kenne beinahe jedes Thema, um das es heute ging, selbst die Themen, die es anscheinend nur in der virtuellen Welt gibt, die, über die nur die “Web-Avantgarde” Bescheid weiß, die, von denen meine Freunde noch nie etwas gehört haben.

Zumindest kenne ich Überschriften, Teaser, Vorspänne und Bildzeilen. Habe aber nicht immer die Zeit, mir die Texte alle durchzulesen. Kann nicht alles maximal 140 Zeichen lang sein? Jeden Morgen habe ich etliche Tabs im Browser geöffnet, die Infos bereithalten, die ich einsaugen möchte. Ich möchte mir alles einverleiben. Aber wenn ich das tun würde, wäre es draußen schon wieder dunkel, bevor ich auch nur eine Minute vom Monitor weggesehen hätte.

Eines Tages werde ich das alles lesen, alle Links besuchen, alle Quellen kennen. Wenn ich einmal ganz viel Zeit habe. Und dann werden meine Filter und Raster mich zu einem dermaßen spezialisierten Wissenswesen gemacht haben, dass ich alles und gleichzeitig gar nichts weiß. Weil ich wirklich längst versunken bin in dieser Flut aus Podcasts, Videocasts, Websites, Blogs, Tweets, Favoriten, Mails, Printprodukten, Feeds und Info-Häppchen und den Blick fürs Ganze verloren habe.

To be continued. Das hier wird sozusagen eine Serie…


(1) ARMBORST, Matthias: Kopfjäger im Internet oder publizistische Avantgarde? Was Journalisten über Weblogs und ihre Macher wissen sollten. Berlin 2006.
(2) RAU, Harald (Hrsg.): Zur Zukunft des Journalismus. Frankfurt a. M. 2007. S. 51.
(3) GILLMOR, Dan: We the media. Grassroots Journalism by the people, for the people. Sebastopol 2006.
(4) MÖLLER, Erik: Die heimliche Medienrevolution. Wie Weblogs, Wikis und freie Software die Welt verändern. Hannover 2006 (2).
(5) ZERFAß, Ansgar / BOELTER, Dietrich: Die neuen Meinungsmacher. Weblogs als Herausforderung für Kampagnen, Marketing, PR und Medien. Graz 2005.
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