Ich schaue nach links. Da sind sie. Selbstbewusst, geduldig kreisend ueber dem kleinen Sandfeld. Sie bemerken uns, sehen uns an. Ich fange an zu zaehlen. Manche sehe ich ganz deutlich, dahinter noch mehr graeuliche Silhouetten. Dahinter, darueber, darunter noch mehr, Schatten ihrer
selbst. An die 30 Sandtiger-Haie zaehle ich! Manchmal verspricht Werbung doch nicht zuviel!
Als ich meinen Kopf wieder nach vorne drehe, bemerkte ich etwas grosses neben mir. DIREKT neben mir, vielleicht eine halbe Armlaenge entfernt. Da hat sich tatsaechlich so ein Bursche von rechts an mich herangeschlichen und gleitet auf Kopfhoehe neben mir her. Er ist so gross wie ich, scheint mich aber hoechstens halb so aufregend zu finden wie ich ihn. Wie konnte ich nur jemals denken, diese Tiere seien fies? Ich sehe auf einmal keine krumm hervorstehenden Zaehne, keine duester drein blickenden kleinen Augen, keine boesartig anmutenden Buckel mehr. Nur elegant geformte grau schimmerne Koerper, wunderschoen geschwungene Schwanzflossen, neugierig blickende Augen, suesse Flecken wie Sommersprossen auf dem Hinterleib einzelner Tiere… Und Wunden von Angelhaken. Ich verstehe, dass das hier was Besonderes ist. Denn es gibt an der gesamten Australischen Ostkueste nur noch 300-500 Exemplare, zu wenige um das Bestehen der Art zu sichern.
Ueberall um mich herum schwimmen tausende von bunten Fischen, in geordneten Stroemen. Die sind so dicht, dass mir dieser silbrig-gelbe Schleier den Blick versperrt. Ein neugieriger, grell gelber Trompetenfisch schiebt seinen langen Koerper in
mein Sichtfeld. Kofferfische schwimmen ins Bild, tollpatschig dreinblickend mit ihrem ballonartigen Koerper, grossen Glubschaugen und Miniflossen. Da! Eine Seeschlange! Zwei Meter gelbe und schwarze Streifen winden sie sich nach oben, Richtung Wasseroberflaeche. Spaeter erfahre ich, dass hier noch nie jemand eine Seeschlange gesehen hat. Und dass dieser Tag einer der besten Tauchtage des Sommers gewesen ist, lange waren nicht mehr so viele Haie da.
Als wir weiter tauchen, vorbei an unendlichen Schwaermen, paddelt eine wirklich grosse Schildkroete an uns vorbei. Ich muss im Taucherparadies sein!!! Ja, dies ist DER Tauchgang des Jahrzehnts (dass ich dieses Jahr als Taucherin voll mache), man hat mir nicht zu viel versprochen. Ja, dies ist einer DER Tauchspots Australiens – und ich hab die Hoehle noch gar nicht gesehen!
Die kommt dafuer beim zweiten Tauchgang dran. Am Ende des Sandtiger-Gullies befindet sich auf 24 Metern der Hoehleneingang. Ganz schoen eng, durch Fischschwaerme hinein ins absolute Schwarz. Nur unsere kleinen Lampen spenden etwas Licht. Eng ist es, sagte ich das schon? Nach einigen Metern muessen wir schraeg rechts hoch durch eine Art Kamin, noch enger, vorbei an zwei wirklich riesigen schwarzen Stachelrochen,
deren Augen leuchten. Die Worte „Steve Irwin“ schweben mir im Kopf rum. Aus einer dicken Spalte im Kamin suchen lange, dicke Hummer- und Krebsarme scheinbar ziellos im Dunkeln. Ihre kleinen Augen blitzen im Lampenlicht auf. Vor Felswaenden und Ueberhaengen schweben die auch Nichttauchern bekannten Feuerfische. Es ist einfach alles ueberwaeltigend! Und ich moechte gar nicht wissen, was man bei einem zweiten Tauchgang durch die Hoehle alles entdecken wuerde!
Bei zwei weiteren Tauchgaengen am Sonntag sehe ich zu guter Letzt ein Miniriff mit beinahe bilderbuchartigen Weichkorallen und mehrere Shovelnose-Rochen, so mit das merkwuerdigste, was man hier sehen kann.
Abgehakt. Alles abgehakt von der Liste, was man in so wenigen Tauchgaengen abhaken kann. Und das alles fast umsonst, vom Chef bezahlt. (Wieso vom Chef bezahlt? Worum geht’s? Was hat es mit den Sandtigern und der Höhle auf sich?) Ich traeume seit drei Naechten nur von Sandtiger-Haien und Unterwasserhoehlen. So ganz verarbeitet hab ich das noch nicht.
Und ich koennte mich sonstwohin beissen, dass ich keine UW-Kamera habe. Denn Worte koennen das einfach nicht getreu wiedergeben…
Mehr Fotos wie immer bei Flickr, es lohnt sich denke ich, denn South West Rocks ist auch ueber Wasser ganz nett! (Ich hoffe, am Strand hat mich niemand gesehen.)
Nachtrag, 26.3.2008: Ich habe für’s Reisemagazin Australian Traveller, bei dem ich mein Praktikum gemacht habe, eine Reportage über diese Tauchgänge geschrieben. Zu finden HIER, mit einem wunderschönen Foto vom Höhlenausgang.
Außerdem habe ich dem obigen Beitrag andere (bessere) Fotos zugefügt. Jetzt könnt ihr euch die Höhle noch besser vorstellen. Und hier folgt noch der Link zur: Tauchbasis „South West Rocks Dive Centre“.