
Wenn der Mensch Gott spielt… (aktualisiert am 4.4.08)
Mittwoch, März 26, 2008Erinnert ihr euch noch an Dolly, das Klonschaf? Was war das damals für ein Aufruhr, ein ethisches Raunen ging durch die Welt und Viele malten sich erschreckende Zukunftsvisionen aus von geklonten Tieren und Menschen, von der Ersetzbarkeit und somit Wertlosigkeit jedes Individuums. Elf Jahre sind seit Dolly vergangen. Wie steht’s eigentlich heute um die Klonerei? Mal sehen, ob ihr genauso schockiert seid wie ich…
Irgendwie hat man nur hier und da mal was gehört übers Klonen. Weit weg, in den USA, wo sie lieber Plastik-Essen vertilgen und in einer Aktion den Grand Canyon fluten, die für jeden anderen Menschen dieses Planeten anmutet wie eine Szene aus einem schlechten Hollywood-Film. Irgendwo dort hocken ein paar Wissenschaftler in ihren Laboren und hantieren mit Genmaterial. Diesen Gedanken fand ich schon immer beunruhigend. Ich hatte immer das Gefühl, da wird herumgefuchtelt, ethisch höchst bedenklich experimentiert und subventioniert - alles ohne, dass man den Weltbürger von heute danach fragt, was er davon hält. Und ich hatte Recht, wie ich gestern auf ARTE erfuhr. Nur dass sich der Amerikaner langsam an Klon-Fleisch und den geklonten Fiffi gewöhnt und im “Land der unbegrenzten Möglichkeiten” tatsächlich ganz neue Möglichkeiten entdeckt.
Dolly hat mittlerweile viele Bekannte: Mäuse, Kaninchen, Schweine, Ziegen, Hauskatzen, afrikanische Wildkatzen, Hunde, Kühe, Pferde, Zuchtbullen und Wölfe sind mittlerweile geklont worden. Und ein menschlicher Embryo. Haustierbesitzer müssen nicht mehr um ihr totes Tier trauern, denn immer öfter werden seine Gene eingefroren und wenn das Tier nicht mehr da ist, macht man sich halt das gleiche nochmal. Ein bisschen Gott spielen wollten wir doch alle schonmal. “Die Jungen, die die ersten 30 Tage überleben, sind total fit und sogar fruchtbar”, hört man eine alte Katzenbesitzerin sagen. Wie viele Junge im Müll gelandet sind, weil sie die ersten 30 Tage nicht überlebt haben, erzählt sie nicht. Ein Koch schneidet ein saftiges Stück Fleisch auf. Von einem Klon. Es schmecke herrlich, sagt er, niemand hätte den Unterschied bemerkt. Ob seine Gäste wissen, dass sie Klon-Fleisch essen? Ein Züchter schwärmt von seinem neuen alten Zuchtbullen. Ein Pferdezüchter betrachtet stolz seinen Klon-Hengst. Selbst die Klon-Skeptiker, die dieses Tier mit eigenen Augen sehen würden, hätten plötzlich nichts mehr gegen das Klonen, sagt er. Klonen sei die Lösung, da so kein genetisch einwandfreies Material mehr verloren ginge. Ich bin nicht überzeugt. Ob Rennpferde oder Zuchttiere für die Fleischindustrie - Klonen hat die amerikanischen Labore längst verlassen. Es gibt mehrere Firmen, die “kommerzielles Klonen” anbieten. Mir wird ganz schlecht bei dieser Begriffs-Kombination! Ein Schwein kostet 5.000 Dollar, ein Pferd 17.000, erklärt ein Firmenrepräsentant. Das liegt an der unterschiedlichen Klon-Technik je nach Tierart und daran, dass Schweine mehrere Junge pro Wurf bekommen. Man hat also mit einer Klonerei gleich mehrere Klone. Deshalb ist das billiger. Wie jetzt, und wenn einer nur einen Ferkelchen-Klon haben will? Oder nur ein neues Katzen-Duplikat und nicht etliche? Kriegt er die anderen gratis dazu? Klone fünf, kaufe eins? Oder wo landet der Rest?
Laut Forschern aus den USA ist der Verzehr von Milch und Fleisch von geklonten Tieren für den Menschen unbedenklich. Überhaupt gebe es gegen das Klonen kaum wissenschaftliche Bedenken. Nur in harmlosen Nebensätzen wird erwähnt, die Nachkommen seien nicht ganz so fruchtbar und hätten Probleme, die ersten Tage zu überleben. Aber was macht das schon, wenn diejenigen, die überleben, top fit sind? Ein bisschen Schwund ist immer! Was mich aber am allermeisten aufregt, ist die Einstellung, man könne durch das Klonen ausgestorbene Tierarten retten. Schon heute wird das Genmaterial einiger bedrohter Arten eingefroren. Forscher hoffen, wenn eine Art komplett verschwunden ist, Klone anfertigen und dann auswildern zu können. Das ist so meschugge, ich kann’s gar nicht glauben! Haben die jemals was von Biodiversität gehört? Dass sich Arten nur wegen der genetischen Vielfalt (die zum Beispiel durch Mutation und einen langen Anpassungsprozess entsteht) gegen Krankheiten und Umweltveränderungen durchsetzen können? Dass es ohne genetische Vielfalt keine Evolution gegeben hätte? Dass viele Arten heutzutage deswegen bedroht sind, weil eben diese Vielfalt immer mehr verarmt?
Ganz davon abgesehen, dass man nicht einfach ausgestorbene Arten wieder in ihr ursprüngliches Habitat setzen kann, welches sich verändert hat. Sie sind doch gerade deshalb ausgestorben, weil sie mit den Bedingungen nicht mehr klar kamen. Außerdem beeinflusst das Fehlen oder Schrumpfen einer Art alle anderen Arten in diesem Ökosystem. Das weiß doch jeder Laie! Für wie dumm werden wir eigentlich verkauft? Und für wie gott-gleich halten sich manche Wissenschaftler, dass sie sich einbilden, in die Natur eingreifen zu können, wo und wie es beliebt. Da tut man hier mal ein bisschen was dazu und nimmt da was weg, passt schon irgendwie? Dass solche Experimente selbst in kleiner Form schief gehen ist längst bewiesen. In Australien breitet sich die hoch giftige Aga-Kröte pestartig aus und verdrängt einheimische Arten, unter anderem im Weltnaturerbe Kakadu National Park. Und warum ist die Natur da so aus dem Gleichgewicht geraten? Weil der Mensch diese Krötenart eingeschleppt hat, um einen bestimmten Schädling auszurotten. Weltweit gibt es etlicher ähnlicher Beispiele.
Warum um Himmels Willen stecken wir die Gelder, die in die Klonerei von Tieren fließen, nicht in den Umweltschutz, um die Ursachen für die Bedrohung der Arten und ihrer Lebensräume zu bekämpfen, anstatt Gott zu spielen? Warum stecken wir unsere Finger und Hände immer tiefer in die Umwelt, anstatt sie im Gegenteil wieder ein Stück herauszuziehen?
Ein Ethiker, der nach dem Ende der Sendung an einer kleinen Diskussionsrunde teilnahm, sagte: “Wir spielen mit einem Spielzeug, ohne zu wissen, wo es uns hinführt.” Wir begäben uns auf “erhebliche Irrwege”. Keiner
könnte die Konsequenzen solcher Entwicklungen abschätzen. Und ich stimme dem zu: Wir wissen nicht einmal, welche Langzeit-Wirkungen all die Zusatzstoffe haben, die wir täglich essen. Weil es sie noch gar nicht lange genug gibt, um Langzeituntersuchungen durchführen zu können. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Kein Mensch weiß, ob meine Generation vielleicht mit 60 massenweise an Krebs erkrankt dank all diesem Zeugs. Und trotzdem machen wir weiter und weiter und gehen immer mehr Schritte in eine Richtung, an deren Ende ein uns unbekanntes Ziel liegt.
Eine Frau, die zum Klon-Fan geworden ist, sagte in der Sendung etwas, dass mir besonders hängen geblieben ist: “Es gibt einen Gott. Und er wird uns stoppen, wenn das hier der falsche Weg ist.” Und da er dies bisher nicht tat, sei wohl alles paletti. Die Verantwortung an Gott abschieben, ist das die Lösung? Der Ethiker kommentiere den Bibel-Spruch, der Mensch solle sich die Welt zu Untertan machen, folgendermaßen: Es hieße nicht, dass wir hier Chef spielen sollen, sondern Verantwortung übernehmen sollen, auch für alle anderen Arten.
Die Sendung hieß “Geklonte Kreaturen” und lief gestern Abend auf ARTE. Wer möchte, kann sie sich hier online ansehen. (Ich hoffe, sie bleibt eine Weile online.) Danach lief noch eine höchst interessante Sendung, über die ich demnächst schreiben werde.
Fotos: © Clarissa Schwarz (Foto oben rechts), Moritz Mehrlein (Mitte), tommyS / Siepmann GbR (unten), alle von Pixelio.
UPDATE, 4.4.2008: Bei Heise wurde gestern ein interessanter Artikel zu genverändertem Raps veröffentlicht. Offensichtlich sind Felder, auf denen dieser genveränderte Raps angepflanzt wurde, auch zehn Jahre später trotz aller möglichen Sicherheitsmaßnahmen nicht von diesen veränderten Pflanzen zu befreien. Hier geht’s zum Artikel.


diese Sensationen und Skandale heranzukommen, ganz dicht, bis selbst das längste Teleobjektiv nicht noch mehr Zoom hergibt.







