Hallo Mama und Papa. Falls ihr das hier lesen wollt, setzt euch lieber erstmal hin…
Zurückhaltend soll er gewesen sein. Introvertiert. Und er hat Ballerspiele gespielt. Dass dann heute überall ein Chat-Protokoll gezeigt und zitiert wurde, in dem der Amokläufer von Winnenden angeblich einen Tag vor der Tat eben diese ankündigt, hat eigentlich auch niemanden mehr gewundert. Nun, heute Abend stellt sich auf einmal heraus, dass es diesen Chat wohl doch nie gegeben hat, das Protokoll gefälscht wurde. Schade, ein Klischee weniger… Vielleicht stellt sich ja morgen noch raus, dass 99 Prozent der Gleichaltrigen Ballerspiele spielen, viel Zeit vor dem PC und im Internet verbringen und nicht Amok laufen… DAS wäre doch mal eine Nachricht.
Ich war auch mal 17 Jahre jung. Und ich erinnere mich noch recht gut daran. Das war eine sehr aufreibende, verwirrende und chaotische Zeit. Geprägt von innerer Unsicherheit, einem enormen Selbstfindungstrieb, Revoluzzertum und einer pubertären Anti-Einstellung. Wie das eben so ist mit 17, in einer spießigen und konservativen Kleinstadt. Ich war übrigens, schon als Kind, auffällig introvertiert und zurückhaltend. Meine Klassenlehrerin meinte am Ende des vierten Schuljahres, ich sei zu schüchtern fürs Gymnasium, würde mich dort nicht durchsetzen können. Ich weiß noch, dass ich, wenn ich draußen rumgelaufen bin, immer auf den Boden geguckt habe. Ich war zu schüchtern um der Welt in die Augen zu blicken und hatte absolut kein Selbstbewusstsein. Bis heute spreche ich viel zu leise und fühle mich fast nirgends unwohler als im Mittelpunkt… Aber ich hab mein Abi trotzdem gemacht.
Ballerspiele habe ich nicht gespielt. Die gab’s damals nicht (Scheinbar doch
). Ich glaube, das brutalste, was mein Bruder und ich auf dem Commodore 64 gezockt haben, war ein Spiel, in dem eine pixelige Katze ebenso pixelige Mäuse durchs Labyrinth gejagt hat. Wir hatten keine Handys mit demütigenden Videos drauf, es gab kein Internet mit all den verlockenden Inhalten. Hätten wir Ballerspiele und Co. gehabt – oh ja, wir hätten uns reingestürzt und die ganze Welt abgeballert!
Statt dessen haben wir mit unserer Clique jeden Abend auf dem Schulhof rumgehangen. Immer beobachtet von schreienden, schimpfenden und die Polizei rufenden Nachbarn, die sich all die Jahre nicht ein einziges Mal vernünftig mit uns unterhalten haben. Eines Tages stand in der Zeitung (!), unsere Clique würde auf dem Schulhof der Grundschule (auf die die meisten von uns selbst gegangen waren) gebrauchte Spritzen hinterlassen. Unsere Eltern waren begeistert. Wir haben Alkohol getrunken. Viele haben gekifft. Zu viele. Manche haben noch andere Dinge ausprobiert. Wir haben Dreck produziert, obwohl es Mülleimer gab. Wir waren laut. Aber Spritzen haben wir ganz sicher nicht hinterlassen. Unsere Version der Geschichte wollte aber niemand hören. Ich bin mit ein paar Leuten selbst in die Redaktion, um das richtig zu stellen. Der folgende Bericht war ein Witz, getränkt von Zweifeln an unserer Version.
Wenn wir feiern gegangen sind, haben wir uns komatös gesoffen. Ich habe mal eine Nacht vermutlich mit einer Alkoholvergiftung auf einem Zeltplatz gelegen. Im Dreck, sabbernd, gefühlsmäßig schon halb tot. Ich hatte roten Schnaps, Korn und allerlei weiteres Zeug intus. Als die Polizei kam, haben mich meine Freunde aufgesetzt und in die Mitte genommen und für mich geantwortet. Die Beamten sind einfach gegangen. Einmal hatten ein paar Freundinnen ihren Eltern gesagt, sie würden bei mir übernachten. Sie waren statt dessen zelten, mit Jungs. Als eine Mutter bei mir anrief, wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Stundenlang haben sich alle Eltern gesorgt. Irgendwann hab ich gesagt, wo sie sind. Es gab einen riesen Ärger.
Wenn ich mich am Wochenende nicht betrunken auf Parties rumgetrieben oder auf dem Schulhof abgehangen hab, bin ich ab 18 mit meinem Auto durch die Stadt gefahren. Bürgersteige hochgeklappt, keine Möglichkeit für uns, uns irgendwo willkommen zu fühlen. Es gab keine Alternative, wir alle sind sinnlos mit dem Auto rumgegurkt, sobald wir den Führerschein hatten. Das Jugendzentrum war eine ekelhafte Bruchbude. Man konnte ihm ansehen, wie wichtig es der Stadt war, sich um die jungen Leute zu kümmern. Keiner von uns wollte da gerne hin.
Ich bin gerne hunderte von Metern auf der linken Fahrspur gefahren, wollte immer mal eine Runde rückwärts um die Innenstadt fahren. Ich hab mal hinten in einem Mercedes gesessen, dessen Fahrer gekifft hatte und mit dem dicken Auto um ein Haar in einen Brückenpfeiler auf einer Autobahnauffahrt gefahren wäre. Ich kannte Leute, die gedealt haben, Leute, die vor lauter Drogenkonsum im Auto Steine gesammelt haben, hab mir mal am Handgelenk rumgeritzt und wusste genau, welches Lied laufen soll, wenn ich mir mal etwas antun würde. Ich hab einmal geklaut, hab Mercedes-Sterne abgebrochen, mit Edding Bushaltestellen voll gemalt und Silvester im Asyl-Heim verbracht, wo die geklauten Handys unter den Deckenplatten versteckt waren. Und wenn ich das aus heutiger Sicht betrachte, war mein damaliger Freund vermutlich Alkoholiker.
Trotzdem: Ich war denke ich eine durchschnittliche Jugendliche.
Dabei habe ich auch Dinge erlebt, die ich hier nicht aufschreibe, weil sie zu heftig sind. Dinge, von denen keiner etwas gemerkt hat – obwohl sie mein Leben beeinflusst und mich über lange Zeit beschäftigt haben. Und obwohl sie nicht in Kindheit und Jugend gehören. Überhaupt nicht Teil des Lebens sein sollten.
Schon damals – in Zeiten ohne Internet, Handys und Ballerspielen – hat niemand gemerkt, was wir wirklich tun, was uns wirklich bedrückt, wie ausgeschlossen wir uns gefühlt haben, wie sehr uns die Gesellschaft ins Gesicht gespuckt hat, dass sie mit uns nicht viel anfangen kann. Wir alle hatten damals einen starken Trieb, der sich manchmal in Aggressivität geäußert hat. Und obwohl wir uns ausgeschlossen fühlten und es gewissermaßen auch waren, wurden die meisten von uns in letzter Konsequenz immer aufgefangen, unterstützt, behütet. Genau deshalb waren wir trotz allem durchschnittliche Jugendliche, nicht auffälliger als andere. Und genau deshalb sind wir heute vermutlich alle ganz normale Menschen.
Es geht nicht um Ballerspiele. Nicht um alkoholdurchtränkte Parties. Nicht um das Austesten von Grenzen. Sondern um fehlende Stützen und Grenzen. Darum, dass eine Gesellschaft scheinheilig Gutbürgertum predigt und gleichzeitig all ihre dreckigen Gesichter zeigt. Nicht in Form von kriminellen, alkoholisierten, vollgepumpten oder pöbelnden Jugendlichen. In Form von geldgierigen alten Säcken, die ungeschoren davon kommen, in Form von praktizierter Ausbeutung und Vorführung im Fernsehen, in Form von Desinteresse für andere Menschen, in Form von vorgelebter Unzufriedenheit mit allem, in Form von unmenschlichem Leistungsdruck, Oberflächlichkeit, Falschheit und Doppelmoral. Das ist unglaubwürdig. Das macht orientierungslos. Noch orientierungsloser als man ohnehin schon ist in diesem Alter. Wo Grenzerfahrungen sammeln, wenn die Grenzen verschwimmen? Wenn sich Medien darüber echauffieren, dass der Amokläufer im Internet als Held zelebriert wird, wenn sie selbst gestern vor allem bei Twitter sich und ihre Klick-Geilheit bis zur Perversion gefeiert haben, anstatt an die Opfer zu denken? Wie Werte finden, wenn überall, wo an der glänzenden Oberfläche gekratzt wird, Dreck hervorkommt?
Es geht um Zuhören und Hingucken. Um Verantwortung.