Archiv für die Kategorie ‘Nachgedachtes’

h1

Wenn der Mensch Gott spielt… (aktualisiert am 4.4.08)

Mittwoch, März 26, 2008

Erinnert ihr euch noch an Dolly, das Klonschaf? Was war das damals für ein Aufruhr, ein ethisches Raunen ging durch die Welt und Viele malten sich erschreckende Zukunftsvisionen aus von geklonten Tieren und Menschen, von der Ersetzbarkeit und somit Wertlosigkeit jedes Individuums. Elf Jahre sind seit Dolly vergangen. Wie steht’s eigentlich heute um die Klonerei? Mal sehen, ob ihr genauso schockiert seid wie ich…klon2.jpg

Irgendwie hat man nur hier und da mal was gehört übers Klonen. Weit weg, in den USA, wo sie lieber Plastik-Essen vertilgen und in einer Aktion den Grand Canyon fluten, die für jeden anderen Menschen dieses Planeten anmutet wie eine Szene aus einem schlechten Hollywood-Film. Irgendwo dort hocken ein paar Wissenschaftler in ihren Laboren und hantieren mit Genmaterial. Diesen Gedanken fand ich schon immer beunruhigend. Ich hatte immer das Gefühl, da wird herumgefuchtelt, ethisch höchst bedenklich experimentiert und subventioniert - alles ohne, dass man den Weltbürger von heute danach fragt, was er davon hält. Und ich hatte Recht, wie ich gestern auf ARTE erfuhr. Nur dass sich der Amerikaner langsam an Klon-Fleisch und den geklonten Fiffi gewöhnt und im “Land der unbegrenzten Möglichkeiten” tatsächlich ganz neue Möglichkeiten entdeckt.

Dolly hat mittlerweile viele Bekannte: Mäuse, Kaninchen, Schweine, Ziegen, Hauskatzen, afrikanische Wildkatzen, Hunde, Kühe, Pferde, Zuchtbullen und Wölfe sind mittlerweile geklont worden. Und ein menschlicher Embryo. Haustierbesitzer müssen nicht mehr um ihr totes Tier trauern, denn immer öfter werden seine Gene eingefroren und wenn das Tier nicht mehr da ist, macht man sich halt das gleiche nochmal. Ein bisschen Gott spielen wollten wir doch alle schonmal. “Die Jungen, die die ersten 30 Tage überleben, sind total fit und sogar fruchtbar”, hört man eine alte Katzenbesitzerin sagen. Wie viele Junge im Müll gelandet sind, weil sie die ersten 30 Tage nicht überlebt haben, erzählt sie nicht. Ein Koch schneidet ein saftiges Stück Fleisch auf. Von einem Klon. Es schmecke herrlich, sagt er, niemand hätte den Unterschied bemerkt. Ob seine Gäste wissen, dass sie Klon-Fleisch essen? Ein Züchter schwärmt von seinem neuen alten Zuchtbullen. Ein Pferdezüchter betrachtet stolz seinen Klon-Hengst. Selbst die Klon-Skeptiker, die dieses Tier mit eigenen Augen sehen würden, hätten plötzlich nichts mehr gegen das Klonen, sagt er. Klonen sei die Lösung, da so kein genetisch einwandfreies Material mehr verloren ginge. Ich bin nicht überzeugt. Ob Rennpferde oder Zuchttiere für die Fleischindustrie - Klonen hat die amerikanischen Labore längst verlassen. Es gibt mehrere Firmen, die “kommerzielles Klonen” anbieten. Mir wird ganz schlecht bei dieser Begriffs-Kombination! Ein Schwein kostet 5.000 Dollar, ein Pferd 17.000, erklärt ein Firmenrepräsentant. Das liegt an der unterschiedlichen Klon-Technik je nach Tierart und daran, dass Schweine mehrere Junge pro Wurf bekommen. Man hat also mit einer Klonerei gleich mehrere Klone. Deshalb ist das billiger. Wie jetzt, und wenn einer nur einen Ferkelchen-Klon haben will? Oder nur ein neues Katzen-Duplikat und nicht etliche? Kriegt er die anderen gratis dazu? Klone fünf, kaufe eins? Oder wo landet der Rest?

klon1.jpgLaut Forschern aus den USA ist der Verzehr von Milch und Fleisch von geklonten Tieren für den Menschen unbedenklich. Überhaupt gebe es gegen das Klonen kaum wissenschaftliche Bedenken. Nur in harmlosen Nebensätzen wird erwähnt, die Nachkommen seien nicht ganz so fruchtbar und hätten Probleme, die ersten Tage zu überleben. Aber was macht das schon, wenn diejenigen, die überleben, top fit sind? Ein bisschen Schwund ist immer! Was mich aber am allermeisten aufregt, ist die Einstellung, man könne durch das Klonen ausgestorbene Tierarten retten. Schon heute wird das Genmaterial einiger bedrohter Arten eingefroren. Forscher hoffen, wenn eine Art komplett verschwunden ist, Klone anfertigen und dann auswildern zu können. Das ist so meschugge, ich kann’s gar nicht glauben! Haben die jemals was von Biodiversität gehört? Dass sich Arten nur wegen der genetischen Vielfalt (die zum Beispiel durch Mutation und einen langen Anpassungsprozess entsteht) gegen Krankheiten und Umweltveränderungen durchsetzen können? Dass es ohne genetische Vielfalt keine Evolution gegeben hätte? Dass viele Arten heutzutage deswegen bedroht sind, weil eben diese Vielfalt immer mehr verarmt?

Ganz davon abgesehen, dass man nicht einfach ausgestorbene Arten wieder in ihr ursprüngliches Habitat setzen kann, welches sich verändert hat. Sie sind doch gerade deshalb ausgestorben, weil sie mit den Bedingungen nicht mehr klar kamen. Außerdem beeinflusst das Fehlen oder Schrumpfen einer Art alle anderen Arten in diesem Ökosystem. Das weiß doch jeder Laie! Für wie dumm werden wir eigentlich verkauft? Und für wie gott-gleich halten sich manche Wissenschaftler, dass sie sich einbilden, in die Natur eingreifen zu können, wo und wie es beliebt. Da tut man hier mal ein bisschen was dazu und nimmt da was weg, passt schon irgendwie? Dass solche Experimente selbst in kleiner Form schief gehen ist längst bewiesen. In Australien breitet sich die hoch giftige Aga-Kröte pestartig aus und verdrängt einheimische Arten, unter anderem im Weltnaturerbe Kakadu National Park. Und warum ist die Natur da so aus dem Gleichgewicht geraten? Weil der Mensch diese Krötenart eingeschleppt hat, um einen bestimmten Schädling auszurotten. Weltweit gibt es etlicher ähnlicher Beispiele.

Warum um Himmels Willen stecken wir die Gelder, die in die Klonerei von Tieren fließen, nicht in den Umweltschutz, um die Ursachen für die Bedrohung der Arten und ihrer Lebensräume zu bekämpfen, anstatt Gott zu spielen? Warum stecken wir unsere Finger und Hände immer tiefer in die Umwelt, anstatt sie im Gegenteil wieder ein Stück herauszuziehen?

Ein Ethiker, der nach dem Ende der Sendung an einer kleinen Diskussionsrunde teilnahm, sagte: “Wir spielen mit einem Spielzeug, ohne zu wissen, wo es uns hinführt.” Wir begäben uns auf “erhebliche Irrwege”. Keinerklon3.jpg könnte die Konsequenzen solcher Entwicklungen abschätzen. Und ich stimme dem zu: Wir wissen nicht einmal, welche Langzeit-Wirkungen all die Zusatzstoffe haben, die wir täglich essen. Weil es sie noch gar nicht lange genug gibt, um Langzeituntersuchungen durchführen zu können. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Kein Mensch weiß, ob meine Generation vielleicht mit 60 massenweise an Krebs erkrankt dank all diesem Zeugs. Und trotzdem machen wir weiter und weiter und gehen immer mehr Schritte in eine Richtung, an deren Ende ein uns unbekanntes Ziel liegt.

Eine Frau, die zum Klon-Fan geworden ist, sagte in der Sendung etwas, dass mir besonders hängen geblieben ist: “Es gibt einen Gott. Und er wird uns stoppen, wenn das hier der falsche Weg ist.” Und da er dies bisher nicht tat, sei wohl alles paletti. Die Verantwortung an Gott abschieben, ist das die Lösung? Der Ethiker kommentiere den Bibel-Spruch, der Mensch solle sich die Welt zu Untertan machen, folgendermaßen: Es hieße nicht, dass wir hier Chef spielen sollen, sondern Verantwortung übernehmen sollen, auch für alle anderen Arten.

Die Sendung hieß “Geklonte Kreaturen” und lief gestern Abend auf ARTE. Wer möchte, kann sie sich hier online ansehen. (Ich hoffe, sie bleibt eine Weile online.) Danach lief noch eine höchst interessante Sendung, über die ich demnächst schreiben werde.

Fotos: © Clarissa Schwarz (Foto oben rechts), Moritz Mehrlein (Mitte), tommyS / Siepmann GbR (unten), alle von Pixelio.

UPDATE, 4.4.2008: Bei Heise wurde gestern ein interessanter Artikel zu genverändertem Raps veröffentlicht. Offensichtlich sind Felder, auf denen dieser genveränderte Raps angepflanzt wurde, auch zehn Jahre später trotz aller möglichen Sicherheitsmaßnahmen nicht von diesen veränderten Pflanzen zu befreien. Hier geht’s zum Artikel.

h1

Hoffnung für die “Gestohlenen Generationen”

Mittwoch, Februar 13, 2008

Ein Funken Hoffnung glüht seit heute am anderen Ende der Welt neu auf.

“Wir entschuldigen uns für den Schmerz, das Leid und die Kränkung der Gestohlenen Generationen.”

Diese Worte lösen Hoffnung und Erleichterung aus - und Missfallen. Kevin Rudd, seit Ende letzten Jahres Regierungschef Australiens, entschuldigte sich heute bei den Ureinwohnern des Landes für das Leid, das ihnen von der Regierung und der Bevölkerung angetan wurde. Viele Jahre mussten die etwafanny_cochrane_smith.jpg 450.000 heute noch lebenden Aborigines des Landes auf diese Entschuldigung warten. Ex-Premierminister John Howard hatte sich in den elf Jahren seiner Amtszeit dagegen geweigert, das Wort “Sorry” im Zusammenhang mit den “Gestohlenen Generationen” zu äußern. Auch heute noch ist sich die Regierungsopposition uneinig: Howard und andere nahmen “aus terminlichen Gründen” nicht an dieser symbolträchtigen Veranstaltung teil. Laut einer Blitz-Befragung der “Herald Sun” halten auch zwei Drittel der Bevölkerung diese Entschuldigung für unnötig. Besonders bei älteren Australiern sei dies der Fall. Kein Wunder, haben sie doch selber zu einer Zeit gelebt, in der die Unterdrückung der Ureinwohner alltäglich praktiziert wurde und sogar gesetzlich verankert war.

Die “Gestohlenen Generationen” leiden noch heute massiv unter den Folgen der damaligen Ideologie. Von 1910 bis 1970 hatten Aboriginefamilien keinerlei Anrecht auf ihre eigenen Kinder. Diese wurden ihnen größtenteils gewaltsam entzogen und zwanghaft in weiße Familien “integriert”, um die schwarze Rasse auszumerzen. Damals verstand die Regierung das als “Rettung” der Kinder aus einer durch eingeschleppte Krankheiten und systematische Ermordung zum Untergang geweihten Rasse. Noch heute gibt es Australier, die nicht von den “Geretteten Generationen” sprechen.

Aborigines wurden zeitweise buchstäblich zum Abschuss freigegeben - zum Spaß der weißen Jäger. Die zum Teil noch sehr kleinen Kinder landeten in Heimen und Erziehungslagern, um später als Hauspersonal bei reichen weißen Familien zu arbeiten. Sie wurden oftmals misshandelt, vergewaltigt und ausgenutzt. Sie wurden ihrer Identität beraubt. Diese Entwurzelung zeigt ihre Folgen bis in die heutige Zeit hinein. Aborigines haben wie keine andere Bevölkerungsgruppe mit sozialen Nachteilen und dem Verlust der eigenen Zugehörigkeit zu kämpfen. Etwa 100.000 Kinder gehören zu diesen “Gestohlenen Generationen”. Sie wissen nicht, wo sie hingehören und was es eigentlich heißt, Aborigine zu sein. Die Überlebenden sind heute längst erwachsen. Nur ein Teil von ihnen hat seine Familien jemals wiedergesehen. Die Wunden des erlebeten Traumas heilen ein Leben lang nicht.

Die durchschnittliche Lebenserwartung von Aborigines liegt deutlich unter der der australischen Restbevölkerung. Demnach werden sam_watson_indigenous_activ.jpgAborigine-Frauen nur 62, die Männer sogar nur 57 Jahre alt. Die Kindersterblichkeitsrate ist doppelt so hoch wie im australischen Durchschnitt. Erst 1967 erkannte die Regierung die Ureinwohner als Bürger des eigenen Landes an. Ihre medizinische Versorgung und ihr Sozialstatus sind von allen Bevölkerungsgruppen am schlechtesten, die Arbeitslosenquote unter Aborigines ist drei Mal so hoch wie unter den anderen Australiern. Depressionen, Alkohol- und Drogenprobleme, soziale Verwahrlosung und Selbstmorde sind häufiger Bestandteil der modernen Aborigine-Geschichte.

Rudds Entschuldigung ist zumindest heute noch rein symbolisch. Auch er weigerte sich wie sein Vorgänger Howard dagegen, einen Entschädigungsfonds für die Gestohlenen Generationen einzurichten. So einen Fonds gibt es bisher nur im Bundesstaat Tasmanien. Grund ist die Angst vor horrenden Entschädigungsforderungen. Dieses Verhalten stieß auf die Kritik einiger Aborigine-Verbände. Doch für viele Zuhörer erglomm auch ein neuer Hoffnungsfunken. Nach all den Jahren des Wartens flossen Tränen der Erleichterung. Zum ersten Mal seit der Entdeckung des Kontinents und somit dem Beginn des Rassismus gegen die Aborigines vor über 200 Jahren hat der australische Staat offiziell die Geschichte der Aborigines anerkannt und betätigt.

Bleibt zu hoffen, dass längst überfällige Taten und Reformen folgen, die die Aborigines auf eine Stufe mit anderen Australiern setzen. Aus meinen eigenen Erfahrungen in Australien weiß ich, dass dieser Weg noch lang sein wird. Der Rassismus vor allem gegen die Aborigines ist überall im Alltag spürbar - nicht versteckt, sondern aus deutscher Sicht erschreckend offen. Ich will nicht den Finger erheben. Aber ich möchte gerne mithoffen, dass es mit dem Regierungswechsel nun endlich darum geht, wirklich etwas zu verändern und nicht nur symbolische Bereitschaft zu zeigen.

Quellen:

Außerdem empfehle ich zwei Bücher zur Thematik:

  • Sally Morgan - My Place. Ich glaube, die deutsche Version heißt “Ich hörte den Vogel rufen”. Das Buch ist ein australischer Klassiker. Sally Morgan gehört zur “Stolen Generation” und erzählt von ihrem Leben und der Suche nach der eigenen Identität.
  • Banjo Clarke (as told to Camilla Chance) - Wisdom Man. Soweit ich weiß, gibt es dieses Buch nicht auf deutsch. Banjo Clarke, mittlerweile verstorbener, aber zur Berühmtheit gewordener Aborigine, erzählt seine Lebensgeschichte. Ein tiefer Einblick in die Kultur der Aborigines und ihre Gegenwartsprobleme.

Fotos:

Fanny Cochrane Smith, Tasmanische Aborigine mit einem Gürtel aus Wallaby-Fellen. Wikimedia Commons. Copyright verjährt. / Sam Watson, Aborigine-Aktivist auf dem “Invasionstag”, wie der Australische Nationalfeiertag “Australia Day” von den Aborigines genannt wird. Fotografiert von cultureboy, ebenfalls Creative Commons License.

h1

Zwischen Sensationsgier und Mündigkeit - Wie viel Verantwortung habe ich als Zuschauer?

Montag, Januar 7, 2008

Wieviel Schuld trage ich eigentlich selber? Wieviel Verantwortung kann man mir als Zuschauer zutrauen? Wer trägt das meiste Übel dazu bei: Ich als Zuschauer, die Redakteure und Macher der Klatschsendungen, ihre Vorgesetzten, die Paparazzi? Schon lange frage ich mich, was die “Quote”, auf die alle stieren, eigentlich auslöst. Wir alle wollen Sensationen und unseren niemals endenden Voyeurismus auskosten. Wir alle sind geil auf die intimsten Bilder, die schlimmsten Peinlichkeiten und die größten Ausraster. Selbst über das kleinste, pixelige und schlecht fotografierte oder wackelig gefilmte Fitzelchen Bloßstellung stürzen wir uns wie die Aasgeier. Und nie wurde unsere Gier mehr befriedigt, war es einfacher, ansuperstar-dgast.jpg diese Sensationen und Skandale heranzukommen, ganz dicht, bis selbst das längste Teleobjektiv nicht noch mehr Zoom hergibt.

Britney Spears sitzt kaum bekleidet in einem Krankenwagen, ist offensichtlich völlig zugedröhnt und blickt verstört durch die Gegend, während unzählige Hände an ihr rumfummeln, ihr Tücher vors Gesicht halten, damit man sie nicht filmen kann und die Erstversorgung durchführen. Und ich bin live dabei, bringe die Trage, auf der sie festgeschnallt ist und zappelt, mit den Rettungskräften zum Krankenwagen, sehe den ehemaligen Popstar sogar noch durchs Krankenwagenfenster, bringe sie in die Klinik und folge ihr auch dort noch so lange, bis der Rettungswagen in die Tiefgarage fährt und der Paparazzi-Mob gezwungenermaßen von ihr ablassen muss. Ich schätze, ich könnte so ziemlich fragen, wen ich will: Alle dürften die Bilder ihres neuesten Absturzes mittlerweile gesehen haben. Bewegt und in Farbe. Wen stören schon die paar Pixel und die Wackelei, wenn man Britney in einem ihrer peinlichsten und kaputtesten Momente erleben kann?

Will ich das sehen? Ja, irgendwie schon. Während ich gerade das Klatschmagazin RTL-Exclusiv vom Sonntag in Form eines Podcasts abrief, fragte ich mich, ob sie wohl etwas Neues über Britney zu berichten hätten. Das täte jetzt gut, etwas Neues von Britney, nach all dem Lernstress und dem stumpfen in der Bibliothek Gehocke heute. Und nur wenige Sekunden später flimmerten mir wieder die wackeligen Bilder von ihr im Krankenwagen entgegen. Noch ein paar Sekunden später komme ich mir vor wie eine sabbernde und geifernde Hyäne beim Anblick der zappelnden Beute. Ist das öffentliche Interesse an diesen Bildern wirklich so groß, dass sie nicht als Verletzung der Persönlichkeitsrechte, Menschenwürde und Ehre dieses Stars gelten? Und wenn ja - wenn wir wirklich alle diese Bilder unbedingt sehen wollen, wenn das öffentliche Interesse wirklich immens ist - wie weit sollten Medien dann gehen, um dieses Interesse zu wahren? Wie mündig ist der sensationsgeile Zuschauer? Wie viel Mündigkeit können Medien ihren Zuschauern zutrauen?

Irgendwie ist mir schlecht. Irgendwie will ich das gar nicht sehen. Zum von der befriedigten Sensationsgier ausgelösten Kribbeln in der Magengegend gesellt sich Ekel. Vor den Bildern, den Paparazzi, den Moderatoren und auch vor mir selbst. Und ich frage mich wieder, wie viel trage ich selbst zu diesen Bildern bei?

Foto: Pixelio - D. Gast

h1

Trauriges aus dem Leben

Freitag, Dezember 21, 2007

Gestern im Laufe des Tages: Ein Mann begibt sich unangemeldet zur Wohnung seines Vaters, den er schon länger nicht mehr gesehen hat. So kurz vor Weihnachten möchte er vielleicht wissen, wie es ihm geht. Der Mann hat einen Schlüssel und geht in die Wohnung. Sein Vater ist nicht da. Er wundert sich, wartet. Es wird Abend, nichts passiert. Irgendwann legt er sich in der Wohnung seines Vaters ins Bett. Heute Morgen wird er wach. Er liegt im Bett, hört Geräusche in der Wohnung. Er steht auf. “Wer sind Sie, was machen Sie hier”, fragt er die beiden jungen Leute, die bereits die Wohnung durchsuchen. Erstaunt ob seiner Anwesenheit antworten sie: “Wir sind beruflich hier. Der Mann, der hier gewohnt hat, ist verstorben. Wir suchen nun nach Papieren, Geld und Angaben zu Angehörigen.” “Ich bin sein Sohn”, sagt der Mann und bricht in Tränen aus.

Das hat sich wirklich heute Morgen so zugetragen. Ich werde versuchen, vor allem in diesen Tagen auch an die Menschen zu denken, denen es nicht so gut geht wie mir. Man glaubt nicht, wie oft genau solche Dinge passieren. Oftmals ohne Angehörige, die die Toten vermissen…

h1

Denkzettel für mich selbst

Mittwoch, Dezember 5, 2007

Passt schon! Nicht gleich in Panik verfallen. Nicht aufgeben. Dran bleiben. Das Ganze positiv sehen. Das haben andere auch geschafft. Sich selbst keinen Stress machen. Sich durchsetzen. Augen zu und durch. Selbstbewusster sein. Nicht in negative Denkspiralen verfallen. Es muss nicht glatt laufen. Es ist keine Katastrophe. Ich halte das durch. Es muss nicht perfekt sein. Das Ziel nicht aus den Augen verlieren. Nicht zu streng mit sich selbst ein. Nicht alles akzeptieren. Sich nicht mundtot machen lassen. Geschickt sein. Ich bin nicht alleine. Mir wird geholfen. Es ist machbar. Es geht weiter. Nicht in Starre verfallen. Weniger Angst haben. Lockerer sein. Sich gut verkaufen. Nicht verzweifeln. Weiter machen. Innerlich Ruhe bewahren. Nicht zu hohe Ansprüche an sich selbst haben. Es nicht zu Ernst nehmen. Optimistisch sein. Tschakka!

h1

Das “Gold der Nordsee” - Viel Schotter für die Einen, Lebensraum für die Anderen

Dienstag, November 20, 2007

An der Nordseeküste,
Am plattdeutschen Strand,
Sind die Fische im Wasser
Und selten an Land.

Schön wär’s! So wirklich viele Fische sind da nicht mehr im Wasser. Die Nordsee gibt nämlich nicht mehr viel her. Das hat so viele, teilweise unglaubliche Gründe, dass ich langsam ernsthaft am Verstand einzelner Verantwortlicher zweifle. So auch gestern Abend, als ich den “Report Mainz” im Ersten sah.

Die Nordsee beherbergt das größte und artenreichste Wattenmeer der Welt. Dazu kommt eine Vielzahl unterschiedlicher Lebensräume wie Steil-, Fels- und Sandküsten, Salzwiesen, Flussmündungen, Freiwasser und Meeresboden. Um letzteren ging es bei “Report Mainz”.

Der Meeresboden beherbergt nicht nur die größte Artenvielfalt der Nordsee, sondern sorgt scheinbar bei bestimmten Verantwortlichen für Eurozeichen in den Augen. Anders kann ich mir das, was sie da tun, jedenfalls nicht erklären. Auf dem Boden liegen unzählige Tonnen Sand und Kies, auch das “Gold der Nordsee” genannt. Und das kann man gutfernweh_mipa_200052.jpg gebrauchen, zum Bauen, für den Küstenschutz und zur Aufschüttung von Stränden. Alles, was man tun muss, ist einen riesigen Staubsauger über den Meeresboden führen.

Was unseren miesen Umgang mit dem Ozean angeht, habe ich immer das Gefühl, als werde jeder Schaden gleich bis zum Gipfel getrieben. So auch in Sachen Sand und Kies. Eine deutsche Behörde genehmigte nämlich den Abbau mitten in einem nach EU-Recht naturgeschützten Gebiet! Und das auf einer Fläche von 1.350 km². Abgesaugt wird alles, inklusive der Lebewesen. Dieser Raubbau bedroht unzählige Tierarten, darunter laut Experten 41 Arten, die auf der Roten Liste der geschützten Arten stehen, wie Schweinswale, Seehunde und Kegelrobben. Ihnen werden Laichgebiete und Nahrungsgrundlage genommen. Aufnahmen zeigen in dem Fernsehbericht, wie der Meeresboden nach dem Absaugen aussieht: tot. Die Reporter sprechen von 80.000 abgebauten Tonnen im vergangenen Jahr. In Zukunft solle sogar die 12-fache Menge abgesaugt werden! Thilo Maack von Greenpeace nennt das alles einen “riesigen Skandal”. Die Umweltschutzorganisationen BUND, Nabu und WWF haben Beschwerde eingelegt.

Wie die Verantwortlichen auf die Fragen der Reporter reagierten, spottet jeder Beschreibung. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie naiv sich das für mich anhört und wie sehr mich solch unverschämte Antworten aufregen. Klaus Bäätjer, Geschäftsführer der belgisch-deutschen Kies-Abbau Firma OAM-DEME Mineralien GmbH, rechtfertigt den Schaden beim Abbau damit, dass die Firma einen Naturschutzausgleich zahlt. Nach Angaben von “Reportkutter_lusa58.jpg Mainz” beträgt dieser Ausgleich weniger als einen Prozent der Einnahmen der Firma. Der Verlust der Natur sei jedoch ohnehin mit Geld nicht wieder gut zu machen, egal in welcher Höhe. Ich finde es unfassbar, dass ein erwachsener Mensch so argumentiert, egal, ob er aus der Wirtschaft kommt oder nicht. Selbst ein kleines Kind würde bezweifeln, dass eine Tüte Bonbons ein guter Ausgleich für ein zerstörtes Spielzimmer ist. Ich an seiner Stelle könnte nicht mehr ruhig schlafen.

Der Pressesprecher des niedersächsischen Landesamtes für Bergbau, welches den Abbau genehmigte, redet sich in dem Bericht meiner Meinung nach um Kopf und Kragen und scheint schlecht informiert. Es habe ein langes Genehmigungsverfahren gegeben, mit dem Ergebnis, dass es “keine Beeinträchtigungen” durch den Abbau gäbe. Es gäbe “kein Bild der Verwüstung” auf dem Meeresboden. Darüber müsse man jedoch ohnehin nicht reden, denn nach so einem ausführlichen Genehmigungsverfahren “stellt sich später bei der Gewinnung nicht mehr die Frage, ob das eine Spur der Verwüstung ist”. Aha. Frei nach dem Motto: Wir haben entschieden, dass es da keine Verwüstung geben wird, also ist da auch keine. Er persönlich gehe aber ohnehin davon aus “dass sich die meisten Lebewesen (…) rechtzeitig in Sicherheit bringen können”. Ich kann noch immer nicht glauben, dass er das tatsächlich gesagt hat und womöglich auch noch glaubt!

Dieselbe Firma hat übrigens während der Genehmigung darauf hingewiesen, dass es zum Beispiel an der belgischen Nordseeküste ähnliche Kiesvorkommen gibt, die abgebaut werden könnten. Sehr ähnlich sogar: Nämlich mit einer ebenso großen Artenvielfalt und daher unter dem gleichen EU-Recht geschützt. Der einzige Unterschied ist, dass es die Genehmigung für einen Abbau des Meeresbodens in solch einer geschützten Region nur in Deutschland gegeben hat…

Wer den informativen Bericht sehen möchte, klicke hier. Wer den Text dazu lesen möchte, kann dies hier tun. Weitere Informationen zum Thema gibt es beim WWF, bei Greenpeace und beim NABU (PDF). Über die Überfischung habe ich mich schonmal aufgeregt.

Fotos: © mipa (Strand) und lusa58 (Kutter) / Pixelio.de.

h1

Schmerz-Gefängnis

Montag, August 20, 2007

Seit Tagen - ach, was red ich - seit Wochen schon quäle ich mich mit Kopfschmerzen und Migräne durch den Alltag. In der Küche stapelt sich dreckiges Geschirr, im Schlafzimmer getragene Wäsche, im Wohnzimmer kräuseln sich Fusseln auf dem Teppich. Vieles bleibt liegen, so wie ich. Unfähig zu allem bleibt mir an manchen Tagen nichts anderes übrig, als mich auf die Couch zurückzuziehen und abzuwarten, bis dass der sich scheinbar durch mein Gehirn fressende Schmerz endlich nachlässt. Das Haus verlasse ich mit zusammen gekniffenen Augen, weil mir das Tageslicht zu hell ist. Alltagsgeräusche, Straßenlärm und jegliches Gespräch sind so anstrengend wie Sport. Alles nehme ich intensiver wahr, so, als hätte jemand die Lautstärke aufgedreht. Fahre ich mit dem Auto weg, bleibt ungewiss, ob ich Stunden schmerz.jpgspäter damit wieder nach Hause fahren kann. Die Welt dreht sich weiter, doch ich bin gefangen im Schmerz und er lässt mich einfach nicht los. Nicht heute, nicht morgen, nicht übermorgen - und doch hoffe ich jeden Tag aufs Neue darauf. Dann erwache ich wieder aus dem Schlaf und das erste, was ich wahrnehme, sind die Schmerzen im Kopf.

Meistens geht es halbwegs, selbst in solchen Schmerzphasen. Ich weiß, was chronische Kopfschmerzen sind, weiß, dass ich mittlerweile darüber hinweg bin. Es sind nur noch Phasen. Sie gehen vorbei, dauern nur noch manchmal einige Tage. Aber sie hören wieder auf, ich weiß es. Ich weiß das zu schätzen, denn es war mal anders. Doch als bestünde die Gefahr, dass ich den Schmerz komplett vergesse, ihn aus meinem Leben verbanne, werde ich immer wieder daran erinnert. Nicht, dass ich noch die Angst vor dem Schmerz vergesse, die mich mit dem Schmerz so lange täglich begleitet hat.

Freitag kam ein weiterer Höhepunkt. Der Schmerz ließ nicht nach. Und nein, er blieb auch nicht wie er war. Er steigerte sich immerfort und ich erinnerte mich daran, dass es kein Ende zu geben scheint. Manchmal hört Schmerz nicht einfach wieder auf. Manchmal gibt es keine Grenzen. Dann steigert sich der Schmerz scheinbar endlos, beraubt mich allen logischen Verstandes und es gibt kein Ventil mehr, dass diesen Druck ausgleicht. Kein Weinen und kein Schreien, kein sich wehren und kein sich trösten lassen hilft. Dann bin ich vollkommen abhängig von anderen, die die Situation erkennen, die einen Arzt rufen oder mich ins Krankenhaus fahren, die bei mir bleiben. Während ich versuche, vor mir selbst zu flüchten wird klar, ich verliere den Kampf gegen den Schmerz, fühle mich unfähig, das weiter durchzustehen und kann doch nicht raus aus dieser Situation. Und dann kommt die Spritze mit dem Medikament, das ich nicht vertrage.

Ja, ich hatte schon geglaubt auch über diese großen Attacken hinweg zu sein. Mir wieder generell selbst helfen zu können. Nie wieder dafür einen Arzt zu brauchen, der mir eine Spritze gibt. Nie wieder so abhängig zu sein von der Hilfe anderer. Aber ich habe mich geirrt. Wieder.

Foto: aboutpixel.de - bina

h1

Gemeinsamer ausländisch-deutscher Alltag? Wo? Eine Selbstbeobachtung.

Mittwoch, Juni 27, 2007

Jetzt wo ich selber mal wieder längere Zeit im Ausland verbracht habe und nebenbei fortwährend übers Auswandern nachdenke, frage ich mich auch immer öfter, wie es wohl als Ausländer in Deutschland ist. Bill Bryson schreibt in seinem Buch “Down Under”, dass die Aborigines, die er in Cairns gesehen hat, in einer Parallelwelt zu leben scheinen. Niemand beachtet sie, niemand sieht sie an. Ebenso sehen sie keinen der anderen Menschen an. Und das mitten im Ortskern. Ich hatte in Cairns und auch im restlichen Australien den selben Eindruck. Man lebt aneinander vorbei, jeder in seiner Welt, und wenn sich die Welten doch mal überschneiden, dann oftmals mit einer negativen Note. Nun sind die Aborigines natürlich alles andere als Ausländer (auch wenn sie dort oft so behandelt werden, als wären sie welche), aber trotzdem ähnelt die Situation der Migranten hier dieser Beschreibung meiner Meinung nach sehr. Ich habe zwar meine gesamte Jugend mit Migrantenkindern (oder besser Migrantenjugendlichen) verbracht, war damit aber quasi “Exot”. So gut wie keiner meiner Schulkollegen des Gymnasiums hatte privat mit Ausländern oder Migranten oder Menschen mit Migrationshintergrund zu tun. Wie auch immer ich sie in diesem Post übrigens nenne, ich rede mit Respekt von allen Menschen mit anderem kulturellem Hintergrund als dem Deutschen, die hier leben (egal wie lange, in welcher Generation, mit welcher Staatsangehörigkeit oder aus welchem Land).

Mittlerweile lebe ich im Ruhrgebiet, wo es viel mehr Ausländer gibt als in meiner relativ kleinen Heimatstadt. Mehr als zehn Prozent der Menschen hier hat eine ausländische Staatsangehörigkeit. Das schließt natürlich die eingebürgerten Migranten aus, die meine ich aber auch. Man begegnet sich im Alltag überall, im Supermarkt, auf der Straße, beim Arzt. Doch was sind das für Begegnungen? Man redet nicht miteinander, lächelt sich nicht zu (gut, das tun die Deutschen, die mit dem Begriff Freundlichkeit oftmals scheinbar gar nichts anfangen können, sowieso selten, egal, wer ihnen gegenüber steht), selbst ganz normaler Blickkontakt kommt nur selten zustande. Es gibt in etlichen Großstädten ein “Klein Istanbul”, wo der Ausländeranteil besonders hoch ist. Türkische, indische, griechische Supermärkte, Internetcafes, Bäcker, Teestuben… alles liegt direkt nebenan, aber drin war ich noch nie. Die größten Überschneidungen gibt es vermutlich im Dönerladen, im Restaurant und bei der Pizzalieferung. Näher kommt man sich meistens nicht.

Es gibt natürlich auch Ausnahmen. Tolle Projekte und Orte der Begegnung und Aufklärung. Menschen, die sich einsetzen. Doch viel mehr hört man Negatives. Kommen diese guten Projekte in meinem persönlichen Alltag nicht vor. Bekomme ich den Eindruck, türkische Jugendliche seien besonders gewalttätig, ohne vielleicht mal abzuwägen, ob sie nicht einfach sozial benachteiligt sind und sozial benachteiligte Deutsche ebenso oft straffällig werden? Eine Frage, zu der es Statistiken gibt, die beide Meinungen bestätigen. Somit eine Frage, ohne eindeutige Antwort.

Fest steht eines: Deutsche, deren liebste Urlaubsziele dort liegen, wo sie auf andere Deutsche treffen, deren Land es Fremden von vorn herein schwer macht, sich zu integrieren, die dort besonders fremdenfeindlich sind, wo es besonders wenige Fremde gibt (was für ein Paradoxum!) und die zwar ach so tolerant sind, aber bitte keine Ausländer in der Nachbarschaft wohnen haben wollen, sollten sich nicht wundern, warum es mit der Integration nicht klappt. Die Fehler liegen nicht nur auf einer, sondern auf beiden Seiten.

Eine Patentlösung hab ich auch nicht. Auch schwarz malen will ich nichts. Ich rede hier nur vom deutschen Alltag, den bunten Menschen, die ich jeden Tag überall auf der Straße sehe. Aber ich habe mich in letzter Zeit mehrere Male dabei erwischt, wie ich in Gedanken völlig unbewusst kleine Vorurteile hatte und ich mir so beinahe selbst die Chance auf eine richtige Begegnung verbaut habe. Und ich frage mich, wo diese Vorurteile herkommen? Warum mir mein Unterbewusstsein solche Streiche spielt? Meine Meinung ist eine andere, dennoch schleichen sich vorgefertigte Vorurteile ein, wenn ich nicht höllisch aufpasse. Warum frage ich leise in mich hinein, was wohl hinter den anderen Kulturen steckt, ohne zu wissen, wie ich diese Frage beantworten soll. Und das, obwohl ich umgeben bin von diesen Kulturen und die Antwort doch eigentlich so nahe liegt.