Archiv für die Kategorie ‘Nachgedachtes’

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Disrespect, Alter!

Montag, Oktober 19, 2009

Es kann ganz schön abstoßend sein, nahe jemandem zu stehen, der die offiziell als lebensgefährlich eingestuften Promillegrenzen schon längst überlebt hat. Und jeden Tag aufs neue überlebt. Der vollkommen neben sich steht. Oder jemanden neben sich stehen hat, den sonst niemand sieht, mit dem er sich aber mehrsprachig lallend und sabbernd unterhält oder streitet. Der bei jedem Schritt nach vorn zwei Schritte zurück wankt, als stünde er auf einer sehr schmalen Kante mit Abgründen an beiden Seiten. Und der nicht kontaktfähig ist, weil er nur schemenhaft wahrnimmt, was oder wer um ihn herum existiert. Fast jeden Tag, wenn ich hier vor die Türe gehe, begegne so jemandem auf Nähe, vermutlich auf Grund des Viertels, in dem ich hier wohne. Bei manch einem bin ich froh, dass er sich wenigstens (noch) nicht in die Hose gemacht hat.

Bis ins grenzenlose abstoßender und verachtenswerter finde ich aber jemanden, der sich über Alkoholiker, Junkies oder sonstwie Gestörte und Benachteiligte lustig macht und sich dabei sooo cool vorkommt: „Haste gesehen? Hahahah, ich lach mich tot, wie krass, Alter!“

Alter, ohne Scheiß, die mit Abstand Gestörtesten von allen, das seid ihr!

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Nicht Sein

Freitag, September 11, 2009

Schmetter-KlaasHartz

Leichter Atem trägt die filigranen Flügel durch die Luft. Auf und ab, unruhig und doch harmonisch. Verletzlich. Ein kühler Lufthauch ließe sie für immer erstarren. Als wären sie die Noten, flattern sie durch das grüne Notenblatt. Das Drumherum interessiert nicht. Existiert nicht. Ihre Flügel schlagen ein vorsichtiges Lied. Es klingt nach Liebe.

Und doch ist es keine.

Die zwei umflattern, umschweben, umspielen sich. Die Flügel berühren sich, ganz sachte, wie Federn. Lautlos testen sie einander an. Stupsen ihre Seelen aneinander. Träumen das Leben herbei.

So geht es schon sehr lange.

Erst, wenn sie sich längst verloren haben, werden sie sich vermissen. Kriegen werden sie sich nie.

Sie sind nicht füreinander bestimmt. Nicht in diesem Sommer, nicht in diesem Leben.

Und manchmal, in kurzen, schmerzhaften Momenten, ist das nicht nur einem Schmetterling bewusst.

Foto: Klaas Hartz / Pixelio

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Bald ist es eben nicht vorbei

Donnerstag, Juni 25, 2009

„Bald ist es ja vorbei.“ Das wird mir in diesen Tagen ständig um die Ohren gehauen, von allen Seiten. Und das sage ich mir auch selbst andauernd. Noch acht Wochen, dann ist Abgabe. Zum ersten Mal während der Diplomarbeit habe ich das Gefühl, dass da ein Ende in Sicht ist. Die Freude darüber hält sich allerdings in Grenzen.

Mit dem näher kommenden Abgabetermin steigt Panik auf, es bis dahin nicht zu schaffen. Ja ja, ich weiß. So ist es immer. Und man schafft es doch irgendwie. Und das werde ich auch. Aber es wird wesentlich knapper, als ich gedacht hatte und da kann man reden, wie man will, das macht nervös. Das würde jeden nervös machen. Floskeln hin oder her.

Aber das ist es eigentlich gar nicht, was die Freude auf das Ende trübt. Der Stress mit der Arbeit, das monatelange sich zurückhalten, sich disziplinieren, sich motivieren… das alles gehört nunmal dazu. Es ist anstrengend und stressig, ja. Aber so ist das halt und – ich hab’s schonmal geschrieben – ich mag mein Thema nach wie vor, stehe voll und ganz dahinter, stecke sehr viel Herzblut da rein. Es ist kein stumpfes hinter sich bringen von Pflichterfüllung. Diese Arbeit ist mir persönlich wichtig und das nicht bloß, weil ich damit endlich die Hürde nehme, auf die ich unter denkbar schlechten Umständen hingearbeitet habe.

Die Dinge, die mir wirklich zu schaffen machen, die hören eben nicht am 23. August auf. Die werden sich dann noch viel mehr in mein Bewusstsein ätzen als sie es jetzt tun. Und sie tun es jetzt schon. In jeder der wenigen freien Minuten. In dem Moment, in dem ich meine Ordner und Tabellen schließe, brechen sie über mich herein. Und es fällt mir zunehmend schwer, das zu verdrängen. Deshalb möchte ich am liebsten nur arbeiten und anschließend  übergangslos einschlafen. Weil die Zeit dazwischen nicht nur kurz, sondern schmerzhaft ist.

Diese Dinge fangen nach der Abgabe erst richtig an. Und deshalb weiß ich nicht, was ich mit diesem „Bald ist es ja vorbei“ überhaupt anfangen soll. Ich hab Angst vor der Zeit.

Wie singt Brian Molko? „No one can take it away from me. And no one can tear it apart. Cause a heart that hurts, is a heart that works.“ Na. Immerhin.

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Lesen!

Dienstag, April 14, 2009

Ich habe mich neulich an meine eigene Jugend erinnert und gefragt wie das eigentlich war damals, mit 17 Jahren. Da sich viele Leute für den Text interessiert haben, empfehle ich heute einen weiteren, der in eine ähnliche Richtung geht und vielleicht auch interessiert. Aber er ist besser. Denn er ist von jemandem verfasst, der heute 30 Jahre alt ist und in seiner Jugend nur durch einen Zufall nicht zum Amokläufer wurde. Von jemandem also, der einen noch viel tieferen Einblick geben kann als ich es getan habe.

Mein verhinderter Amoklauf.

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Der Rhythmus, wo ich mit muss

Dienstag, März 24, 2009

Wer wie ich studiert und obendrein ungerne, aber doch chronisch prokrastiniert, der weiß, wie schwer es ist, einen vernünftigen Tagesrhytmus zu entwickeln. Eigentlich ist das als Student fast unmöglich. Jeden Tag andere Zeiten, andere Termine, andere Dinge auf der To-do-Liste. Dazu die „saisonalen“ Schwankungen zwischen Vorlesungszeit und Semesterferien, die oftmals gar keine Ferien sind, sondern entweder zum Arbeiten oder Lernen da sind und dadurch auch schonmal stressiger sein können als die Vorlesungszeit. Es gibt keine Arbeitswoche und auch kein festes Wochenende, jegliche zeitliche Pfeiler verschwimmen zu einer wabernden Masse. Das Ganze dauert mehrere Jahre an und da es niemanden interessiert, ob man eine Leistung in diesem oder im nächsten Semester erbringt, passiert es allzu schnell, dass sich ein chronisches Aufschieben entwickelt. Erst nur bei vereinzelten Dingen, weil’s grad nicht passt, weil man’s grad nicht schafft. Schleichend setzt sich dieser Prozess fort und irgendwann sieht man sich einem gefühlt dermaßen riesigen Haufen Zeugs gegenüber, das zu erledigen ist, dass man nicht mehr weiß, wo man anfangen soll und in eine Art Ohnmacht fällt. Man marschiert in Zeitlupe zu einem anderen Rhythmus als der Rest der Welt. Statt diesen Haufen Schritt für Schritt abzuarbeiten, putzt man seine Wohnung und wohnt irgendwann in einer Art steriler Umgebung.
Ich bin eine halbe Ewigkeit lang jeden Abend mit schlechtem Gewissen ins Bett gegangen. Permanent hat mich das schlechte Gewissen gequält, mir den Schlaf geraubt und auch das Selbstbewusstsein, das ohnehin noch nie vernünftig groß war. Der innere Druck war immens. Dabei hat Prokrastination nichts mit Faulheit zu tun. Sondern mit … Dings. Es ist schwer zu erklären und noch schwerer nachzuvollziehen, wenn man nie in diesem zeit-leeren Raum gelebt hat. Es geht um Angst, Zweifel, Ziellosigkeit, fehlende Strukturen, um eine ungewohnte Selbstverantwortlichkeit. Auch äußere Umstände können dieses Verhalten fördern oder auslösen.
Ich weiß mittlerweile, Studentenleben ist nix für mich. Ich will wieder feste Struktur im Tagesablauf haben, will wissen, was ich bis wann zu erledigen habe, will den Rhythmus der Welt wieder spüren und wieder ein bisschen mehr der Roboter sein, als der ich mich während meiner Ausbildung manchmal gefühlt habe. Ich mochte das Gefühl nicht, wenn der Tag nur noch aus Essen, Schlafen und Arbeiten zu bestehen schien, hatte eine innere Abneigung dagegen, fühlte mich kaum noch als Mensch. Aber das schlechte Gewissen ist schlimmer.
Jetzt sitze ich seit ein paar Wochen konkret vor meiner Diplomarbeit. Ich hab hart gearbeitet, um hierhin zu kommen. Härter als viele andere, denn ich habe gegen mich und viele äußere Umstände kämpfen müssen dafür. Mir wurde geraten, aufzugeben, abzubrechen. Für mich kam das nicht in Frage. Aber ich habe länger gebraucht, um es zu packen. Und genau deshalb bin ich hochmotiviert und weiß ganz genau, dass dies all die Jahre mein Ziel war.
Die Uhr tickt. Noch bis zum 23. August. Ich höre sie Tag und Nacht. Und sie macht mich nervös. Aber sie gibt mir auch Kraft, Motivation und treibt mich an. Ich habe keine Wahl mehr, jetzt oder nie. Das habe ich lange gewollt. Und obwohl ich wieder einmal Anlaufschwierigkeiten hatte, stellt sich so langsam ein gleichmäßiger Rhythmus ein. Ich trinke eine Kanne Tee und vier Tassen Kaffee am Tag. Ich esse jeden Tag drei Mahlzeiten, seit Jahren zum ersten Mal so regelmäßig. Ich stehe immer zur gleichen Zeit auf. Ich mache einigermaßen verlässlich gegen 20 Uhr Feierabend. Ich diszipliniere mich mit einer Stoppuhr. Ich verplempere immer weniger Zeit mit ablenkenden Dingen, kann mich immer länger konzentrieren. Ich gucke die Tagesschau, dann eine Doku, dann lese ich mein Buch, dann schlafe ich. Ich bin ein Roboter. Manchmal fühlt es sich leer an. Aber ich funktioniere gut, fühle mich gut, komme gut voran. Habe bereits 60 Seiten in Tabellenform und Stichpunkten zu Papier gebracht. Es fluppt so langsam. Und es fühlt sich gut an.
Ich schaffe das, jetzt erst recht.

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Vom Dreck unter der Oberfläche – Wie war das nochmal mit 17?

Donnerstag, März 12, 2009

Hallo Mama und Papa. Falls ihr das hier lesen wollt, setzt euch lieber erstmal hin… :D

Zurückhaltend soll er gewesen sein. Introvertiert. Und er hat Ballerspiele gespielt. Dass dann heute überall ein Chat-Protokoll gezeigt und zitiert wurde, in dem der Amokläufer von Winnenden angeblich einen Tag vor der Tat eben diese ankündigt, hat eigentlich auch niemanden mehr gewundert. Nun, heute Abend stellt sich auf einmal heraus, dass es diesen Chat wohl doch nie gegeben hat, das Protokoll gefälscht wurde. Schade, ein Klischee weniger… Vielleicht stellt sich ja morgen noch raus, dass 99 Prozent der Gleichaltrigen Ballerspiele spielen, viel Zeit vor dem PC und im Internet verbringen und nicht Amok laufen… DAS wäre doch mal eine Nachricht.

Ich war auch mal 17 Jahre jung. Und ich erinnere mich noch recht gut daran. Das war eine sehr aufreibende, verwirrende und chaotische Zeit. Geprägt von innerer Unsicherheit, einem enormen Selbstfindungstrieb, Revoluzzertum und einer pubertären Anti-Einstellung. Wie das eben so ist mit 17, in einer spießigen und konservativen Kleinstadt. Ich war übrigens, schon als Kind, auffällig introvertiert und zurückhaltend. Meine Klassenlehrerin meinte am Ende des vierten Schuljahres, ich sei zu schüchtern fürs Gymnasium, würde mich dort nicht durchsetzen können. Ich weiß noch, dass ich, wenn ich draußen rumgelaufen bin, immer auf den Boden geguckt habe. Ich war zu schüchtern um der Welt in die Augen zu blicken und hatte absolut kein Selbstbewusstsein. Bis heute spreche ich viel zu leise und fühle mich fast nirgends unwohler als im Mittelpunkt… Aber ich hab mein Abi trotzdem gemacht.

Ballerspiele habe ich nicht gespielt. Die gab’s damals nicht (Scheinbar doch :D ). Ich glaube, das brutalste, was mein Bruder und ich auf dem Commodore 64 gezockt haben, war ein Spiel, in dem eine pixelige Katze ebenso pixelige Mäuse durchs Labyrinth gejagt hat. Wir hatten keine Handys mit demütigenden Videos drauf, es gab kein Internet mit all den verlockenden Inhalten. Hätten wir Ballerspiele und Co. gehabt – oh ja, wir hätten uns reingestürzt und die ganze Welt abgeballert!

Statt dessen haben wir mit unserer Clique jeden Abend auf dem Schulhof rumgehangen. Immer beobachtet von schreienden, schimpfenden und die Polizei rufenden Nachbarn, die sich all die Jahre nicht ein einziges Mal vernünftig mit uns unterhalten haben. Eines Tages stand in der Zeitung (!), unsere Clique würde auf dem Schulhof der Grundschule (auf die die meisten von uns selbst gegangen waren) gebrauchte Spritzen hinterlassen. Unsere Eltern waren begeistert. Wir haben Alkohol getrunken. Viele haben gekifft. Zu viele. Manche haben noch andere Dinge ausprobiert. Wir haben Dreck produziert, obwohl es Mülleimer gab. Wir waren laut. Aber Spritzen haben wir ganz sicher nicht hinterlassen. Unsere Version der Geschichte wollte aber niemand hören. Ich bin mit ein paar Leuten selbst in die Redaktion, um das richtig zu stellen. Der folgende Bericht war ein Witz, getränkt von Zweifeln an unserer Version.

Wenn wir feiern gegangen sind, haben wir uns komatös gesoffen. Ich habe mal eine Nacht vermutlich mit einer Alkoholvergiftung auf einem Zeltplatz gelegen. Im Dreck, sabbernd, gefühlsmäßig schon halb tot. Ich hatte roten Schnaps, Korn und allerlei weiteres Zeug intus. Als die Polizei kam, haben mich meine Freunde aufgesetzt und in die Mitte genommen und für mich geantwortet. Die Beamten sind einfach gegangen. Einmal hatten ein paar Freundinnen ihren Eltern gesagt, sie würden bei mir übernachten. Sie waren statt dessen zelten, mit Jungs. Als eine Mutter bei mir anrief, wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Stundenlang haben sich alle Eltern gesorgt. Irgendwann hab ich gesagt, wo sie sind. Es gab einen riesen Ärger.

Wenn ich mich am Wochenende nicht betrunken auf Parties rumgetrieben oder auf dem Schulhof abgehangen hab, bin ich ab 18 mit meinem Auto durch die Stadt gefahren. Bürgersteige hochgeklappt, keine Möglichkeit für uns, uns irgendwo willkommen zu fühlen. Es gab keine Alternative, wir alle sind sinnlos mit dem Auto rumgegurkt, sobald wir den Führerschein hatten. Das Jugendzentrum war eine ekelhafte Bruchbude. Man konnte ihm ansehen, wie wichtig es der Stadt war, sich um die jungen Leute zu kümmern. Keiner von uns wollte da gerne hin.

Ich bin gerne hunderte von Metern auf der linken Fahrspur gefahren, wollte immer mal eine Runde rückwärts um die Innenstadt fahren. Ich hab mal hinten in einem Mercedes gesessen, dessen Fahrer gekifft hatte und mit dem dicken Auto um ein Haar in einen Brückenpfeiler auf einer Autobahnauffahrt gefahren wäre. Ich kannte Leute, die gedealt haben, Leute, die vor lauter Drogenkonsum im Auto Steine gesammelt haben, hab mir mal am Handgelenk rumgeritzt und wusste genau, welches Lied laufen soll, wenn ich mir mal etwas antun würde. Ich hab einmal geklaut, hab Mercedes-Sterne abgebrochen, mit Edding Bushaltestellen voll gemalt und Silvester im Asyl-Heim verbracht, wo die geklauten Handys unter den Deckenplatten versteckt waren. Und wenn ich das aus heutiger Sicht betrachte, war mein damaliger Freund vermutlich Alkoholiker.

Trotzdem: Ich war denke ich eine durchschnittliche Jugendliche.

Dabei habe ich auch Dinge erlebt, die ich hier nicht aufschreibe, weil sie zu heftig sind. Dinge, von denen keiner etwas gemerkt hat – obwohl sie mein Leben beeinflusst und mich über lange Zeit beschäftigt haben. Und obwohl sie nicht in Kindheit und Jugend gehören. Überhaupt nicht Teil des Lebens sein sollten.

Schon damals – in Zeiten ohne Internet, Handys und Ballerspielen – hat niemand gemerkt, was wir wirklich tun, was uns wirklich bedrückt, wie ausgeschlossen wir uns gefühlt haben, wie sehr uns die Gesellschaft ins Gesicht gespuckt hat, dass sie mit uns nicht viel anfangen kann. Wir alle hatten damals einen starken Trieb, der sich manchmal in Aggressivität geäußert hat. Und obwohl wir uns ausgeschlossen fühlten und es gewissermaßen auch waren, wurden die meisten von uns in letzter Konsequenz immer aufgefangen, unterstützt, behütet. Genau deshalb waren wir trotz allem durchschnittliche Jugendliche, nicht auffälliger als andere. Und genau deshalb sind wir heute vermutlich alle ganz normale Menschen.

Es geht nicht um Ballerspiele. Nicht um alkoholdurchtränkte Parties. Nicht um das Austesten von Grenzen. Sondern um fehlende Stützen und Grenzen. Darum, dass eine Gesellschaft scheinheilig Gutbürgertum predigt und gleichzeitig all ihre dreckigen Gesichter zeigt. Nicht in Form von kriminellen, alkoholisierten, vollgepumpten oder pöbelnden Jugendlichen. In Form von geldgierigen alten Säcken, die ungeschoren davon kommen, in Form von praktizierter Ausbeutung und Vorführung im Fernsehen, in Form von Desinteresse für andere Menschen, in Form von vorgelebter Unzufriedenheit mit allem, in Form von unmenschlichem Leistungsdruck, Oberflächlichkeit, Falschheit und Doppelmoral. Das ist unglaubwürdig. Das macht orientierungslos. Noch orientierungsloser als man ohnehin schon ist in diesem Alter. Wo Grenzerfahrungen sammeln, wenn die Grenzen verschwimmen? Wenn sich Medien darüber echauffieren, dass der Amokläufer im Internet als Held zelebriert wird, wenn sie selbst gestern vor allem bei Twitter sich und ihre Klick-Geilheit bis zur Perversion gefeiert haben, anstatt an die Opfer zu denken? Wie Werte finden, wenn überall, wo an der glänzenden Oberfläche gekratzt wird, Dreck hervorkommt?

Es geht um Zuhören und Hingucken. Um Verantwortung.