„Ob es an den Boots-Tauchplätzen auch Zackis gibt“, fragte ich mich eines Tages auf dem Boot. Wir hatten so ziemlich alles gesehen, was typisch für das Mittelmeer ist (Conger, Muränen, Oktopusse und Co.) und
eigentlich fehlten nur noch Zackenbärsche, mit die größten Bewohner des Mittelmeeres, denen man halbwegs wahrscheinlich begegnen kann. Schon vor ein paar Tagen hieß es, wir würden an der „Cala Nova“ tauchen gehen. Der Tauchgang fand jedoch spontan woanders statt, weil „Cala Nova“ bereits von einem anderen Tauchboot belegt war. Irgendwie hatten wir – Niko, Ursula und ich – das Gefühl, dass „Cala Nova“ ein schöner Tauchplatz sein muss. Drei parallel verlaufende Canyons hatte man uns beschrieben, unterschiedlich tief, zum Teil stark mit gelben und blauen Gorgonien bewachsen und mit verschiedenen Routen zur Auswahl. Zu meinem 300. Tauchgang sollte es allerdings doch noch die „Cala Nova“ werden. Und wir wurden nicht enttäuscht.

Zackiiiii!
Beim Briefing vor der Riffkarte sah ich, dass es an einer bestimmten Stelle des Riffs „Zackis“ geben soll. Allerdings waren die an einem Riffteil eingezeichnet, den wir nicht betauchen würden. „So’n Zacki zum 300. wäre schon schön“, meinte ich noch. Wir hatten uns entschieden, uns zu meinem 300. Tauchgang einen Guide zu leisten. Weil ich dann erstens statt zu navigieren gemütlich jemandem hinterher tauchen könnte und weil der Guide zweitens mit Niko und Sebastian, die vermutlich mehr Luft verbrauchen würden als Ursula und ich, eher auftauchen könnte und wir zu zweit noch eine Zusatzrunde drehen könnten. Ich war nicht ganz sicher, ob es die richtige Entscheidung war, als ich erfuhr, dass wir insgesamt zu acht in einer Gruppe tauchen würden. Trotzdem blieben wir dabei.
Bei der Ankunft am Tauchplatz wurde klar, dass uns eine recht starke Strömung erwarten würde, die jedoch unter Wasser nachlassen sollte. Also nach dem Sprung ins Wasser möglichst zügig zur Ankerleine und direkt abtauchen. Nun war ich froh, nur hinterher tauchen zu müssen, denn Strömung flößt mir immer Respekt ein. Zwar hab ich zum Beispiel am Wrack der „SS Yongala“ in Australien schon viel extremere Strömung erlebt, als sonderlich strömungserfahren würde ich mich dennoch nicht bezeichnen. Wie angekündigt ließ das Ziehen und Drücken jedoch auf 15 bis 20 Metern nach und obwohl es von einer Sprungschicht, auf die kaltes Wasser folgte, abgelöst wurde, freute ich mich einfach nur noch auf meinen 300. So ein Jubiläum wird unter Tauchern gerne gefeiert, zumal seit meinem 200. Tauchgang bereits fünf Jahre vergangen sind.
Wir tauchten kurz durch einen der Canyons und bogen dann um einen Felsen herum ab. Dieser war dicht bewachsen mit blauen, gelben und schwarzen Gorgonien. Um uns herum Schwärme von Mönchsfischen und Fahnenbarschen. In der Tiefe löchrige Felsen, Spalten und Canyons. „Na, kein Wunder, dass in diesem Gebiet Zackis leben, bei dem Gelände“, dachte ich. Wir hatten den Felsen gerade einmal umrundet, da zeigte Sebastian nach links. Ich ahnte, was dort sein sollte, wagte es aber kaum zu hoffen. Und dann sah ich ihn. Sofort musste ich an meinen letzten Tauchgang in Australien denken, bei dem Neptun mir unerwarteter Weise meinen geheimen Wunsch erfüllte und zwei Mantas zu uns schickte, die eine ganze Weile direkt vor
unserer Nase kreisten. Tatsächlich erfüllte er mir erneut meinen Wunsch.
Der Zacki beobachtete uns mindestens genauso neugierig wie wir ihn. Zugegeben, ich hab schon wesentlich größere Exemplare gesehen, die mich selbst an Körperlänge und -umfang deutlich übertrafen. Aber ich freute mich wie ein kleines Kind und tanzte und jubelte unter Wasser. Er kam einfach genau zum richtigen Zeitpunkt, schwamm schön frei und gut zu erkennen seitlich von uns. Von Zackis sieht man nämlich manchmal kaum mehr als eine graue Silhouette. Kurz nach dieser Begegnung zeigte die Tauchlehrerin an, dass sie mit den weniger Fortgeschrittenen auftauchen würde. Ich übernahm die Führung für uns übrig gebliebenen vier Taucher. „Ich will den nochmal sehen“, dachte ich. Zackis sind bekannt für ihre Neugierde und ich wusste, dass es durchaus sein kann, dass das Tier uns noch immer von irgendwo beobachtet. Also noch eine Runde um den Felsen, entschied ich.
„Er muss einfach hier irgendwo sein“, dachte ich und guckte mich suchend um. Ich hatte den Eindruck, dass die beiden Taucher hinter uns den Zacki gar nicht gesehen hatten und wollte auch für sie, dass wir ihm noch einmal begegnen. Links, rechts, nichts. 24 Meter zeigte mein Tauchcomputer an. Tiefer wollte ich nun nicht mehr gehen, also hoffte ich, dass er nicht weiter abgetaucht war. „Komm schon, wo bist du?“ Ich drehte mich zu Ursula um, doch auch sie schien ihn nicht zu sehen. Doch als ich mich wieder nach vorne umdrehte, schwebte der Zacki vielleicht zehn Meter vor uns von oben den Felsen hinunter – fast so, als hätten wir ihn
dabei erwischt, wie er uns von oben beobachtete. „Juhuuu“, freute ich mich innerlich und zeigte für alle sichtbar in seine Richtung. Danke, Neptun, schon wieder.
Durch erneut heftige Strömung tauchten wir langsam auf, kämpften uns aufs Boot und schipperten zurück. Niko, Ursula und ich hatten ein breites Dauergrinsen im Gesicht. Nur Sebastian konnte die Bootsfahrt nicht ganz so erfreut auskosten, denn er war kreideweiß im Gesicht. Sein Magen wollte nicht Boot fahren. Noch vom Boot aus zeigte ich den an Land Wartenden an, dass wir einen Zacki gesehen hatten. Babsis Kinnlade klappte gen Boden.
Sie und die anderen begrüßten mich mit einer Flasche Sekt und Glückwünschen – danke, ihr Lieben! – und ich war einfach nur happy und bereit für den 301. Tauchgang am Nachmittag…
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Fotos: © Verena G. / Barbara H.