
Die richtigen Fragen finden
Samstag, September 13, 2008Irgendetwas tut sich da in mir. Es findet eine Veränderung statt. Ich wage langsam daran zu glauben, dass die Veränderung beginnt, auf die ich seit Langem warte. Die Entscheidung, die ich seit Jahren vor mir her schiebe, die mich zuweilen fast schon körperlich belastet und die auf jeden Fall mit dem Kompromiss meines Lebens enden wird.
Schon vor fast zwei Jahren, in meinem 3. Blogeintrag, schrieb ich über meinen Weg und mein Ziel. Noch heute fühle ich mich so wie dort beschrieben. Vielleicht sogar mehr denn je. Aber es hat sich viel getan, vor allem in mir selber. Und in der letzten Zeit
habe ich das Gefühl, dass ein paar Dinge beginnen, sich zusammenzufügen. Dass sich etwas formt, etwas bewegt, ich ganz langsam klarer sehe. Das alles findet in meinem Inneren statt und außer mir kann es – noch – niemand sehen oder fühlen. Und das ist auch erstmal gut so. Denn wenn ich die Worte laut ausspreche, erschrecke ich mich (noch) ob ihrer Klarheit.
Rilke schreibt in seinen Briefen an einen jungen Dichter, man solle die Fragen selbst liebhaben…
„… wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. (…) Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.“
Noch nie habe ich diese Veränderung so sehr herbeigesehnt wie jetzt. Noch nie habe ich mich so nach einer Lösung verzehrt. Und trotzdem bin ich noch immer nicht bereit dazu, den einfachen Weg zu gehen. Ich will weder das loslassen, wovon ich immer geträumt habe, noch das, was ich für das bisher größte Glück meines Lebens halte. Ich werde keines von beidem aufgeben und ich werde die Hoffnung nicht verlieren. Und es ist mir nach wie vor egal, was andere darüber denken – auch, wenn das manchmal sehr weh tut.
Diese beginnende Klarheit scheint mir vor allem dadurch angetrieben zu werden, dass ich anfange, mir die richtige Frage zu stellen. Vielleicht ist es ja gar keine Entweder-Oder-Entscheidung, wie ich all die Jahre gedacht habe. Ich bin ganz offensichtlich nicht in der Lage und nicht willens, mich entweder für das eine oder für das andere
zu entscheiden. Vielleicht habe ich mir die ganzen Jahre die falsche Frage gestellt – und mich so unbewusst selbst in eine Sackgasse manövriert. Vielleicht ist die richtige Frage, ob und vor allem wie ich beides vereinbaren kann. Und schwupps, schon tun sich Antwortmöglichkeiten auf, die ich vorher nicht sehen konnte. Und löst sich das Gefühl der Lähmung, eröffnen sich Handlungswege! Immernoch verbunden mit großen Kompromissen, und es wird sich zeigen, ob man dazu bereit ist, denn es wird ein schwerer Kampf sein. Aber allein die Möglichkeit, von nun an weitere Entscheidungen treffen zu können, Handlungen einzuleiten und ein Ziel vor Augen zu haben, ist nach all den Jahren Gold wert! Auch ohne die Garantie, dass das alles so funktioniert. Und das Schönste ist, dass ich trotzdem erstmal nicht dazu gezwungen bin, einen Teil von mir zu ignorieren, tot zu machen und wegzuschließen.
Die richtigen Fragen finden, so glaube ich jetzt, ist eine der größten Herausforderungen im Leben. Erst recht in einer Zeit, in der wir mehr Möglichkeiten haben als jemals zuvor, mehr schwerwiegende und vor allem neue, niemals „geübte“ Entscheidungen treffen müssen als je zuvor. Denn, so schreibt Kuno Jungkind in seinem Buch „Gut entscheiden – mit Herz und Verstand“:
„Andererseits wollen wir auch nicht dem Beispiel der „Entscheidungs-Muffel“ (…) folgen, die zeitlebens nur den vorgezeichneten Weg gegangen sind und niemals über die Richtung ihres Lebens eigenständig und selbstverantwortlich nachgedacht haben. Solche Menschen haben oft nicht einmal vermieden, Entscheidungen zu treffen. Über die Jahre fest in einen Kokon von Sicherheiten eingesponnen, haben sie noch niemals erlebt, wie belastend, wie quälend, auch auch wie herausfordernd und spannend es sein kann, sich einer Lebenssituation gegenüberzusehen (…), die völliges Neuland bedeutet.“
Wie ich vor fast zwei Jahren schon schrieb: „Mein Weg ist mein Ziel.“ Beides sehe ich nun allerdings klarer vor mir.
Fotos: © Gerd Altmann (rechts) / S. Hofschlaeger (links), beide Pixelio.de.
→
- Vielen Dank, Raphael, für den Tipp mit Rilke. Es ist fast zwei Jahre her, aber ich habe den Tipp nicht vergessen und das Buch endlich gelesen. Viele Eselsohren befinden sich nun darin und ich denke sehr oft daran im Alltag.
- Beide zitierten Bücher hätten mich ohne die entsprechende innere Veränderung nicht inspirieren können, dennoch möchte ich sie allen empfehlen, die vor einer schwierigen Entscheidung stehen, ihr Leben selbst in die Hand nehmen wollen und einige grundsätzliche Lebens-Antworten suchen: „Briefe an einen jungen Dichter“ von Rainer Maria Rilke (ISBN 3458084061) und „Gut entscheiden – mit Herz und Verstand“ von Kuno Jungkind (ISBN 3451055856).
- Zwei Surftipps zum Fragen: Im Frage-Blog werden regelmäßig interessante Fragen gestellt und bei Denken Online geht’s um die Fraglichkeit an sich („Philosophieren ist das fragendere Denken.“)


RSS - Posts
Glaubst du wirklich, das man die richtigen Fragen finden muss?
Ich denke, es gibt viele Fragen, die noch nicht stellbar sind, weil man auf seinem Weg noch nicht dort angekommen ist.
Deswegen glaube ich, das es gut ist, immer den Weg weiterzugehen und dem Weg vertrauen, das es zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Fragen stellen wird.
Mir scheint, es gibt Frage-Phasen und Antworten-Phasen im Leben. Beide haben ihre Bedeutung. Aber es ist nicht immer einfach, sie zu erkennen und sie zu nutzen. Wer Antworten sucht, während er eigentlich fragen sollte, steht sich ebenso im Weg wie einer, der fragt, während er eigentlich nach einer Antwort suchen müsste.
Wunderschönes Zitat von Rilke, das ich noch nicht kannte. Habe es mir gleich mal für meine Zitate-Ecke geklaut
In irgend nem Seminar hab ich mal den Satz „Denken ist die Antwort auf bewusste oder/und unbewusste Fragen unseres Selbst.“ gehört. Sollte in etwa soviel besagen, dass erst das Nachdenken über meine Fragen die mich beschäftigen mich zu den richtigen/wahren Fragen führt.
Dabei gibt es Fragen die mit einem schnellen Bauchgefühl zu beantworten sind und meist auf ein simples Ja oder Nein hinauslaufen, und dann gibt es Fragen die das ganze eigene und evtl. sogar das Leben anderer beeinflussen. Diese sind leider nicht mit einem schnellen Bauchgefühl zu beantworten und erst recht nicht mit einem schlichten ja oder nein. Bei den letzteren hilft es aber ungemein näher über die Frage nachzudenken und sie in Einzelteile zu zerlegen. Kleine Fragmente die mit wiederum mit einem Ja oder Nein zu beantworten sind und man sich diese Teil (am besten schriftlich) festhält um hinterher, wenn man meint alle Teilaspekte der großen Frage beantwortet zu haben Resumee ziehen MUSS. Tut man das nicht, fängt man wieder von vorne an und beginnt sich innerlich zu zermarten. Oder anders ausgedrückt… die Antwort gefällt einem nicht.
@Menachem
Klar, man kann sich nicht alle Fragen, die man zu erdenken in der Lage ist, gleichzeitig stellen. So war das auch nicht gemeint. „Den Weg gehen“ meine ich ja auch, und zwar sehr bewusst seinen eigenen Weg. Einen Weg gehen, bedeutet ja, ständig Entscheidungen zu treffen: Weitergehen oder Anhalten? Wie schnell gehen? Den kürzesten (einfachsten) Weg oder den schönsten / sinnvollsten / erkenntnisreichsten? Links oder rechts rum? Alleine oder zusammen? Mit Blick zur Seite oder stur geradeaus? Das sind ja alles Fragen, auch, wenn man vielleicht meistens gar nicht merkt, dass man sie stellt. Auf dieses Merken, das bewusste Fragen stellen und Entscheiden, kommt es mir an. Das ist glaube ich wesentlich schwerer, als man meint. Und grundsätzlicher noch, als die Suche nach irgendwelchen Antworten. Ich glaube, wir widersprechen uns gar nicht.
@Fragezeichner
Dein eigenes Zitat solltest du vielleicht auch in deine Zitate-Ecke packen.
@Seba
So in etwa, nur natürlich tiefgehender, steht’s auch in dem Entscheidungs-Buch. Ich fand es wirklich interessant, das Thema genauer zu hinterfragen. Weil Entscheidungen doch sehr komplexe Prozesse sind – sowohl psychologisch, als auch zB neuro-biologisch oder sogar physisch – so dass es eigentlich kein Wunder ist, wenn man da mal den Überblick verliert.
Ich bin auch kein Püschologe
Beim besten Willen nicht. Aber ich stand auch schon mehrfach an wichtigen Scheidewegen in meinem Leben. Ich habe aber zum Glück recht früh wie oben beschrieben gelernt wie ich eine Entscheidung treffen kann und bis jetzt kann ich mich nicht beschweren was die Ergebnisse angeht. 
Ich habe mir aber auch nie bei diesen Entscheidungen helfen lassen sondern immer meinen eigenen Weg gefunden ohne dabei auf andere zu hören, weil nur ich wusste wo ich herkam und wo ich hinwollte.
Ja, vielen Leuten fällt es leider schwer, zu akzeptieren, dass andere Leute einen anderen Weg gehen WOLLEN. Ich erlebe es super oft, dass Leute meinen, sie müssten mit mir diskutieren, ob es RICHTIG ist, was ich wünsche. Kaum jemand akzeptiert das als meine Lebensvorstellung. Es passt nicht ins eigene Schema, also kann es nicht richtig sein. Dabei gibt’s da in diese Richtung überhaupt nichts zu diskutieren.
Diskutieren nicht… aber man kann hinterfragen.
Hi,
wuensche dir auf deinem Weg weiterhin viel Kraft – es hilft hauefig sehr, Fragen umzuformulieren, um neue Antworten entdecken zu koennen.
Ich weiss, dass du deinen Weg gehen wirst!
Gruss Raphael
[...] Muschelschubserin: Die richtigen Fragen stellen [...]