
Mit dem Skalpell gegen die Migräne – OP-Bericht (3)
Dienstag, Juli 8, 2008Dienstag Abend, ab 19 Uhr
Meine Eltern rufen an: Mein Bruder ist zurück in der Pension und kommt gleich in mein Krankenhaus. Kurz darauf ist er auch schon da. „Oh Gott“ sagt er, als er mich sieht mit meinen schönen blauen Augen(lidern). „Musst du mir alles nachmachen“, frage ich und wir nehmen uns in den Arm. Manno, tut der Kerl mir leid! Er erzählt mir von seinem Schmerz-Marathon, vom Krankenwagen, von Infusionen, von all dem schlimmen Zeug, das ich selber kenne. Und das ich hoffentlich dank dieser OP nie wieder erleben muss.
Ich gehe davon aus, dass ich nun gehen kann und freue mich schon. Der Assistenzarzt sagt mir jedoch am
Telefon, es sei besser, wenn ich da bliebe. Er würde eher meinen Bruder neben mich legen als uns beide nun so gehen zu lassen. Na gut, überredet. Ich bleibe. Hier kann man ohnehin mehr gegen die mittlerweile immer fieser werdende Migräne tun als ich alleine in der Pension. Ich kriege ein paar Brote, über die ich mich wild hermachen will. Ich krieg aber kaum was runter, mit Mühe und Not und im Schneckentempo. Ich bin zu fertig irgendwie. Brüderlein fährt in die Pension, mir fummelt mal wieder jemand am Zugang in der Armbeuge rum. Dieser ist nämlich verstopft und irgendwie will das Schmerzmittel nicht fließen. Also wird da nach einigem Drücken, Knoten und Ziehen eine Spülung durchgejagt. Aua!
Kurz darauf befinde ich mich im nächsten Dämmerzustand. Die Migräne geht, der Kopfschmerz bleibt noch ein paar Stunden. Ich fliege und schlafe. Kopf nach links, Kopf nach rechts. Seit etwa 12 Stunden sitze ich mehr oder weniger aufrecht im Bett. Für weitere 10 Stunden. Hinlegen ist nicht, wegen der Schwellung. Diese blöden engen Strümpfe ziepen langsam, es ist viel zu warm und der Zugang im Arm tut weh. Außerdem halten diese dämlichen Kühlpackungen im Sitzen nicht auf dem Gesicht und rutschen ständig weg. Nerv! Wie schrecklich muss es sein, über lange Zeit im Krankenhaus zu liegen? Ich glaube, ohne die Dröhnung hätte ich kein Auge zugemacht. Wobei… Zu oder auf. Wo war da schon der Unterschied? Jedenfalls komme ich endlich mal zur Ruhe und schlummere den ganzen Abend und die Nacht vor mich hin. Ich bin froh, dass ich da geblieben bin.
Mittwoch, 2.7.
Um 7 Uhr bekomme ich eine nette Omi als Bettnachbarin. „Frisch machen“ ohne Bürste, Deo, Zahnbürste, Zahnpasta, Handtuch, frische Klamotten und nahezu ohne Sicht. „Sie brauchen nichts mitzubringen, nur ein Buch vielleicht“, schwirrt es mir wieder durch den Kopf.
Frühstück. Mein Bruder ist auch schon da. Ich hoffe, dass ich schnell hier weg kann. Bin schließlich die erste, die zur Nachuntersuchung da ist. Und bis elf müssen wir die Pension geräumt haben. Die Tür geht auf, ich blinzele, das muss mein Arzt mit seinem Team sein. Ja, mir geht’s gut, nein, ich habe keine Schmerzen. Die Schwellung werde morgen noch schlimmer. Mit einer Lage Schmerztabletten werde ich entlassen. Endlich!
Danach Abfahrt zur Pension, Sachen packen. Die netten Leute an der Rezeption fragen sich sicherlich, ob mein Bruder mich verprügelt hat. Ich glaube, wir haben sie ziemlich verwirrt zurück gelassen. Erst kommt am Tag zuvor ein ominöser Anruf, dann finden sie einen vor Schmerzen zitternden, weinenden und verzweifelten Gast auf seinem Zimmer, dann kommt der Notarzt und heute steht er mit einer im Gesicht grün und blau geschwollenen Frau vor ihnen. Egal, wir verlassen Berlin gen Westen und ich freue mich auf zu Hause. Im Auto kühle ich gegen 37 Grad Außentemperatur an und verbringe die Fahrt ziemlich blind. Mein Bruder hält am Steuer tapfer durch, ich bin stolz auf ihn! Und mir geht es gut.
Die Tage danach
Tatsächlich ist die Schwellung am Donnerstag noch etwas schlimmer. Ganz so heftig hatte ich mir das irgendwie nicht vorgestellt. Auto fahren und mich selbst versorgen kann ich für erst einmal vergessen. Ich kann nur nach unten gucken, tagelang verschwimmt alles mehr oder weniger, die Tränen fließen, weil sich noch Reste einer Creme in den Augen befinden. Noch heute sehe ich zwischendurch unscharf. Aber Schmerzen habe ich so gut wie keine! Im Prinzip sieht es schlimmer aus, als es ist. Zwischendurch ziept mal was, alles ist sehr druckempfindlich, die Schwellung geht über die Schläfen und Augen bis runter über den Mund. Sie lässt jedoch schon am dem zweiten Tag nach der OP rapide nach (s. Fotos). Jeden Tag ein Stückchen mehr, zum Teil merke ich einen großen Unterschied zwischen morgens und abends. Schmerzen sind absolut auszuhalten und nicht konstant da. Es gibt keinen Grund zur Beschwerde, bis auf dass es die ersten beiden Tage phasenweise nervt, ewig zu kühlen und fast blind zu sein. Nervig, aber keineswegs schmerzvoll.
Gestern war ich einen halben Tag lang auf einem Festival. Mit groooßer Sonnenbrille. Die Sonne ist mir nicht so gut bekommen und hat (Kopf)Schmerzen verursacht, die abends aber dank Schmerzmittel wieder verschwanden. Ich wurde aber, muss ich zugeben, vorgewarnt, dass Sonne nicht so gut sei. Mir war nur nicht klar, dass diese überhaupt so heftig scheinen würde und dass es auf dem Gelände kaum Schatten geben würde. Gestern wurden die Fäden gezogen. Ein kurzes „Ziiiep“ und raus waren sie. Ich kann noch immer nicht gut geradeaus gucken, weil die Lider noch geschwollen sind. Ansonsten sind nur noch die Schläfen geschwollen (da gibt’s so lustige kleine Hörnchen), blaue / grüne / gelbe Flecken sind jetzt schon so gut wie weg, nur druckempfindlich ist alles noch recht stark und stellenweise taub. Es ziept und juckt und heilt. Sämtliche aufgetretene Zimperlein wurden mir vorher angekündigt: Eventuell ungleichmäßiges Abschwellen, Taubheitsgefühl, blaue Flecken, Kofpschmerzen und Migräne, die nach der OP auftreten können, diese Hörnchen links und rechts etc. Alles verläuft nach Plan.
Ich bin froh, dass ich diesen Schritt getan habe. Alles halb so wild, wenn auch für einen selber ein großer Eingriff. Ob es etwas gebracht hat, werden die nächsten Monate zeigen. Ich hoffe jedenfalls, dass meine Berichte für andere Betroffene, für die diese OP in Frage kommt, vielleicht eine kleine Hilfe sind. Vor allem für diese Menschen teile ich das hier so öffentlich mit. Mein Fazit lautet: Alles halb so wild und einen Versuch wert! Was sind schon diese eher kleinen Strapazen und Zimperlein gegen einen starken Migräneanfall?
Fotos: © Muschelschubserin. Ich habe lange gehadert, ob ich Fotos online stellen soll. Ich hoffe, ich kann damit den schnellen Heilungsprozess dokumentieren, Betroffenen Hoffnung machen. Zwischen den ersten Fotos liegt immer nur ein Tag. Sie sollen ausdrücklich nicht der Selbstdarstellung dienen, deshalb habe ich sie so beschnitten. Außerdem hätte ich dafür durchaus geeignetere Exemplare auf Lager.
Zu Teil 1 und Teil 2. Weitere Infos zur OP, zu den vorangegangenen Botox-Tests sowie Links zur Seite des Migräne-Chirurgie-Zentrums mit weiteren Infos und zur Kritik an dieser Behandlungsmethode gibt’s in diesem Blog in der Kategorie „Migräne“ (siehe Sidebar rechts).


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*seufz*
Ich bleibt bei Triptanen. Zum Glück habe ich die Migräne so gut im Griff, dass ich über eine OP nicht mehr nachdenken muss.
Ich wünsche Dir von ganzem Herzen eine weitere gute Besserung und vor allem: nie wieder so schlimme Schmerzen, wie vor der OP!
danke für diesen ausführlichen bericht. konnte mir nie vorstellen, wie schlimm migräne wirklich ist. danke gott, dass ich da kein prooblem und auch keine erfahrungen mit habe. aber ich wünsche dir und auch deinem bruder alles gute und schnelle genesung!
auch hoffe ich, dass die op das gebracht hat, was du dir davon versprichst.
viele leibe grüße
daniel
oje das sieht ja schlimm aus aber zum glück ist alles gut verlaufen
hoffentlich bis du bald wider richtig fit und deinem bruder auch gute besserung
ich hätte auch nie gedacht, dass migräne so schlimm sein kann. ich wünsch dir und deinem bruder auf jeden fall alles gut!
zum glück hatte ich bis jetzt nur eimal einen ganz kleinen migräneanfall.
Danke für die Wünsche!
Es ist ja so, dass jede Migräne anders ist. Es gibt etwa 250 verschiedene Arten von Kopfschmerzen, wenn ich mich recht erinnere. Auch bei Migräne ist es so, dass keine der anderen gleicht. Es gibt Migräniker, die haben nur ein Mal im Jahr Migräne und somit wenig Probleme damit. Manche bekommen die Attacken mit (allgemeinen oder speziellen) Medikamenten in den Griff. Manche benötigen Schmerztherapien, bei manchen hilft Sport, und bei einigen hört die Migräne im steigendem Lebensalter auf oder lässt nach. Wieder andere haben noch viel viel mehr Probleme damit als ich. Die Symptome unterscheiden sich stark. Und eine Migräne kann sich auch im Laufe der Jahre mehrmals verändern. Bei mir war das so. Von daher kann man da eigentlich kaum verallgemeinern.
Ich hab seit 27 Jahren starke Probleme damit, konnte aber irgendwie immer damit leben. Ich hab sie gehasst, sie hat mich eingeschränkt, aber sie gehörte zu meinem Leben dazu, solange ich denken kann. Nur in den letzten Jahren hat sie sich in eine Richtung entwickelt, die ich so nicht akzeptieren kann.
Es kommt halt immer auf den Grad der Einschränkung der eigenen Lebensqualität an denke ich. Wenn diese stark eingeschränkt ist, und man dazu unzählige wenig erfolgreiche Therapieversuche hinter sich hat (und das ist für chronisch Schmerzkranke leider Normalität), erhöht sich natürlich die Bereitschaft ungemein, auch drastischere Schritte zu gehen im Kampf dagegen. Und ich empfinde meine Lebensqualität als erheblich eingeschränkt, besonders in den letzten Jahren. Wenn die Migräne mich im Griff hat, ich mich darin gefangen fühle, davon abhängig bin und meinen Alltag darum herum planen muss, kann ich das so nicht akzeptieren. Es ist zwar nicht immer so, aber viel zu oft. Und ich wäre bereit, noch viel mehr zu tun, damit sich das ändert.
hey die Fotos sehen ja schlimm aus und der Bericht, aua. Aber schön, dass du das alles so meisterlich durchgehalten hast, und hoffentlich bleiben dir die Migräneschmerzen in Zukunft fern.
Alles Gute im weiteren Heilungsprozess
Danke. Irgendwie äußert der sich momentan in eitrigen Entzündungen und vermutlich einer Bindehautentzündung. :/ Nuja, so’n Endspurt ist halt anstrengend.
Du Arme, dass du das durchmachen musstest und trotzdem toll, dass du es gewagt hast und nun hoffentlich alles besser wird. Ich bin echt gespannt, wie es dir nun die nächsten monate gehen wird und drücke dir ganz fest die Daumen, dass die OP dir für die Zukunft sehr viel Erleichterung geschaffen hat!!!!
Danke, ich hoffe, es wirkt.
Werde hier natürlich weiter berichten, wie es läuft.
Vielleicht zur Verdeutlichung, welche Arten von Migräne es gibt, schildere ich meinen Fall. Ich kann mich wirklich zu den ganz glücklichen Migränepatienten zählen, denn erstens habe ich selten Migräne, zweitens Kenne ich die Triggerfaktoren und habe die gut im Griff und drittens habe ich selten Kopfschmerzen, wenn ich einen Anfall habe.
Gerade letzteres klingt vielleicht komisch, vielleicht sogar zynisch – aber es war nicht zu spassen, als ich das zum ersten Mal erlebt habe. Von der Migräne bekomme ich oft nur dadurch mit, dass ich eine Aura habe. Meine Aura äussert sich darin, dass Zacken mein Sehvermögen deutlich einschränken. Diese Zacken lassen sich vielleicht so beschreiben, wie wenn man ein Glas vor sich hält, auf dem Öltropfen sind – nur sind die nicht rund, sondern zackenförmig und verschwimmen. Als ich dies zum ersten Mal erlebt habe, hatte ich gefürchtet, ich könnte erblinden.
Diese Symptome können bei mir bis ca. 1 Stunde anhalten, dann aber kommt das Unangenehme, das ich nie voraussagen kann: Mein Gehirn spielt verrückt. Es ist schon vorgekommen, dass ich die Orientierung verloren habe und nur mit Mühe einen mir sonst wie im Schlaf bekannten Bahnhof wieder zu finden. Ein anderes Mal schrieb ich einen Text und las diesen Stunden später wieder, ohne auch einen Satz wieder verstehen zu können, den ich geschrieben habe – Orthografie-, Interpunktions- Grammatikfehler verunmöglichten mir dies. Oft habe ich auch Mühe mit Zahlen, ich kann mir keine mehr merken oder welche wiedergeben, das kann dann mühsam sein, wenn man vor einem Bankomat steht und dann seinen Code nicht mehr weiss… Mit einem Aspirin kann ich aber oft die Dauer dieser Symptome kürzen, manchmal sogar ganz unterdrücken.
Irritierend für viele und anfangs war es auch für mich, ist, dass ich bei solchen Fällen selten Kopfschmerzen habe – und wenn, dann sind die nie lange von Dauer, in der Regel nur einige Stunden. Zum Glück habe ich die Migräne wirklich gut im Griff und habe deswegen nur sehr selten Einschränkungen.
Muschelschubserin, ich hoffe, die OP wird dir nachhaltige Linderung bringen
Hallo kblog,
danke für deine Schilderungen! Migräne mit Aura hatte ich, zum Glück, nur ein Mal. Ich sah plötzlich auf dem linken Auge nur noch die Hälfte. Meine linke Hand zum Beispiel, die ich gehoben hatte, konnte ich nicht sehen. Ich hab damals geahnt, dass es eine Aura ist und vermutlich bald eine Migräne folgt und so war es dann auch. Sonst hätte ich sicherlich auch einen riesen Schrecken bekommen.
Ansonsten fällt mir in letzter Zeit nur vermehrt auf, dass ich vor einer Migräne kaum mehr Entscheidungen treffen kann. Ich stehe zB im Supermarkt vorm Regal und es fällt mir viel schwerer als normal, mich für ein Produkt zu entscheiden.
Ob nun mit oder ohne Kopfschmerzen, deine Schilderungen hören sich auch nicht gerade angenehm an und ich wünsche dir, dass du deine Migräne weiterhin im Griff behälst! Ich weiß, wie viel das wert ist.
Danke auch für deine Glückwünsche.
Wie geht es dir denn heute ein Jahr nach der OP? Bin nämlich gerade dabei mich darüber zu informieren und fand deinen Bericht super interessant und aufschlussreich.
Ich führe seit einigen Monaten keinen Migräne-Kalender mehr, daher kann ich keine genauen Zahlen nennen. Aber mir geht es noch immer besser. Trotz einem extrem stressigen Jahr hatte ich meist Ruhe (bis auf einen Gang zur Notaufnahme im April). Ich hab erwartungsgemäß noch immer Migräne, aber nicht mehr so ganz häufig und vor allem kann ich mich im Gegensatz zu vor der OP fast immer auf Medikamente (frei erhältliche Schmerzmittel in leichter oder mittlerer Dosierung) verlassen. Dass ich damit wirklich mal komplett flach liege, kommt nur noch sehr selten und dann eigentlich auch nur kurzfristig vor. Bin also noch immer überzeugt, dass die OP der richtige Schritt war, auch wenn ich über eine Langzeitwirkung nichts sagen kann.