
Mit dem Skalpell gegen die Migräne – OP-Bericht (2)
Montag, Juli 7, 2008Vermutlich circa 11-12 Uhr
„Wie geht es Ihnen“, höre ich eine Frauenstimme fragen. Ich konzentriere mich auf mich. Wie geht es mir? Meine Stirn und Augen stehen in Flammen. Ich sehe nichts, habe etwas auf den Augen. „Es brennt“, sage ich. „Wir geben Ihnen etwas, dann hört das sofort auf.“ Wieder fummelt jemand am Zugang in meinem Arm. Sofort hört das Brennen auf. Weit entfernt höre ich „Dann bringen wir Sie nun zurück auf’s Zimmer.“ Ich frage mich, warum die mich nicht erst in den Aufwachraum schieben, sondern direkt vom OP auf’s Zimmer. Und schlummere wieder weg. Später wird mir klar, dass ich wohl schon längst im Aufwachraum gewesen sein musste. Ich weiß von nix, außer diesen paar Sätzen.
Vermutlich circa 12-15 Uhr
Keine Ahnung, wie ich auf’s Zimmer gekommen bin. Neben mir liegt die Patientin, die ich schon vorm OP gesehen habe. Ich bekomme Kühl-Packungen auf die Augen. Diese kriege ich fast nicht auf. Schmerzen habe ich kaum. Ich muss auf Toilette, fuchtele blind nach der Klingel. Die Schwester kommt, bringt mich zum Klo. Auf dem Weg zurück auf die Pritsche sage ich zu meiner Nachbarin „In den Spiegel sollte man nicht gucken“. Ich hab nicht viel gesehen, aber was ich gesehen habe, sah ganz schön brutal und wulstig aus. Danach kühlen, kühlen, kühlen. Irgendwann fängt meine ebenso blinde Nachbarin an, mit mir zu reden. Über die Ukraine, wo sie herkommt. Russland, Bestechung, dass sie die Augen nicht auf kriegt, Migräne-Lebensläufe werden ausgetauscht. Ja, in meiner Familie haben alle Migräne, auch mein Bruder, erzähle ich. Ganz wach fühle ich mich noch nicht. Der Arzt kommt zum ersten Mal rein, alles ok. Weiter kühlen und schlummern.
Ich habe Durst und wir bekommen ein Glas Wasser. Ich habe noch mehr Durst, habe seit 6 Uhr nichts mehr getrunken. Ich erahne neben meinem Glas eine Flasche. Gerade will ich sie nehmen und mir ein weiteres Glas Wasser einschenken, da erblinzele ich ein großes %-Zeichen auf der Flasche. Huch, das kann alles mögliche sein, jedoch kein Trinkwasser, denke ich. Natrium-Chlorid-Lösung war’s, wie ich am nächsten Tag feststellte.
Der Arzt kommt rein. „Ich erzähle Ihnen jetzt eine Geschichte“, sagt er vieldeutig zu mir und ich frage mich, was denn jetzt wohl kommt. „Ob Sie’s glauben oder nicht“, fängt er an und da ist wieder dieses mulmige Gefühl, dass ich schon seit Sonntag habe, wenn ich an die OP und das Drumherum denke. „Ihr Bruder hatte einen heftigen Migräne-Anfall“, setzt er fort. „Er wurde mit dem Krankenwagen in ein Krankenhaus eingeliefert – und wir wissen nicht, in welches.“ Nee, denke ich, das ist jetzt nicht wahr, oder? Sofort steigen in mir all die Bilder auf von den Anfällen, bei denen ich selber in der Notfaufnahme gelandet bin oder der Arzt zu mir nach Hause gerufen wurde.
Ich habe keinerlei Wertsachen dabei, nur einen Labello und ein Buch. Ich solle alles zu Hause lassen, wurde mir am Vortag gesagt, nur ein Buch mitnehmen. Das, was ich nun am wenigsten gebrauchen kann in meiner Blindheit, ist ein Buch. Das, was ich nun wirklich brauche, ist mein Handy, welches in der Pension liegt.
Ich bekomme das Telefon von der Station. Zwischen halbwachen Telefonaten mit meinen Eltern hab ich den OP-Saal am Telefon. Frau Sowieso könne nun aus dem OP abgeholt werden. Kurze Erklärung, dass ich nur eine Patientin bin. Meine Eltern erzählen mir, dass mein Bruder von unserer Pension per Notarzt abgeholt wurde und niemand wisse, wo sie ihn hingebracht haben. Wir können nur warten, dass er sich irgendwann meldet. Meine nette Nachbarin wird inzwischen entlassen. Ich will auch!
Circa 15-19 Uhr
Ich mache mir Sorgen. Ich weiß zu genau, was mein Bruderherz gerade durchmacht. Und kann doch nur warten. Ich habe Kopfschmerzen. Ich bekomme eine Infusion. Diese hilft ein wenig, aber als man sie wieder abnimmt, werden die Schmerzen wieder schlimmer. Ich soll über Nacht da bleiben. Das sei so alles zu unsicher, ich dürfe alleine nicht gehen und meinem Bruder ginge es ja eh vermutlich zu schlecht, um sich später wirklich um mich zu kümmern. Sie würden mir ein richtiges Bett in einem richtigen Zimmer und ein starkes Schmerzmittel geben. Da wäre es eh besser, wenn ich da bleiben würde. Sollte er bald kommen, könne man immernoch überlegen, ob ich gehen kann.
Es dauert alles recht lange, aber irgendwann ziehe ich um. Endlich ein richtiges, bequemes Bett. Ich habe ein Zimmer für mich alleine. Ich habe endlich Ruhe und fühle mich richtig wach, mache mir aber Sorgen. Sehen kann ich nur wenig und eher verschwommen. Die Schwellung ist doch heftiger, als ich erwartet hatte. Meine Kopfschmerzen werden langsam zur Migräne.
Fortsetzung folgt im dritten Teil.
Zu Teil 1.


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Ohjeee.
Oi.
oioioioi
bin gespannt auf Teil III
sag mal, wie lange ist man nach so einer op eigentlich krank geschrieben? also wie lange brauch der körper, bis man wieder voll fit ist?
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@Brandenburgerin
Man wird zwei Wochen krank geschrieben. Ich denke, das ist auch sinnvoll. Ich kann zwar wieder rausgehen, auch Auto fahren ging gerade (wobei ich das aber nur über kurze Strecken machen werde erstmal, denn sooo toll war das nicht). Aber körperliche Belastung zum Beispiel wäre doch sehr unangenehm. Ebenso langes Lesen oder vorm Monitor sitzen usw. Das wird wohl noch ein paar Tage dauern, bis das wieder wirklich ohne Einschränkung geht.