Noch vor wenigen Tagen war es mal wieder so. Auf dem Dortmunder Wall in Höhe Westentor stehe ich mit meinem Auto mitten auf den Straßenbahngleisen, komme nicht weiter, weil sich vor mir der Verkehr staut
und von links kommt die Straßenbahn. Trotz grüner Ampel passierte das ständig an dieser Stelle. Aber das ist nun vorbei, denn seit heute gibt es in Dortmund keine Straßenbahnen mehr. Der gesamte Bahnverkehr wurde unter die Erde verlegt, ab sofort gibt es nur noch U-Bahnen. Nach 127 Jahren fuhr gestern Nachmittag die letzte Stadtbahn überirdisch durch die City. Die Ost-West Trasse war die letzte noch befahrene Straßenbahnstrecke und wer in diesem Bereich in den letzten Monaten durch die Stadt fuhr, traf unweigerlich auf Baustellen, neue Tunneleingänge und konnte förmlich beim Bau der neuen U-Bahn-Haltestellen zusehen. Heute dann reger Fußgängerverkehr in diesem Gebiet – alle wollen bei diesem tollen Wetter in den Untergrund. 40 Jahre wurde in Dortmund an den U-Bahn-Tunneln gebaut. Ein riesengroßer und vor allem langwieriger Bauprozess ist somit abgeschlossen.
Überall in Dortmund entstehen derzeit Großprojekte, die das Stadtbild prägend verändern werden. Da wäre zunächst die seit Monaten heiß diskutierte Nutzung des U-Turmes, der zur „Kulturhauptstadt 2010″ Dortmunds neues und meiner Meinung nach beeindruckendes, weil in toller Ruhrpott-Kulisse eingebettetes,
Kultur- und Kreativitätszentrum werden wird. 46 Millionen Euro, die Hälfte davon aus EU-Mitteln, kostet dieses Mammutprojekt. Schon vor ein paar Jahren fing die Sanierung des maroden Gebäudes an, damals machte ich vom 10. Stock des Hardenberg City Centers Aufnahmen (siehe Foto).
Nur wenige Fahrminuten von der Innenstadt entfernt entsteht außerdem auf einer ehemaligen Industriefläche der Phoenix-See, mit Bootsanlegern, Sonnenterassen, Seewiesen, Gastronomie, einer Strandpromenade, Wohnungen mit Blick auf den See und einem (neben dem Technologiepark an der Universität) weiteren hochmodernen Technologiezentrum. 99 Hektar Gesamtfläche, 24 davon Wasserfläche (größer als die Hamburger Binnenalster) werden derzeit zu einem weiteren zukünftigen Merkmal Dortmunds verwandelt. Vom Florienaturm im Westfalenpark aus kann man die Ausmaße schon jetzt bewundern. Im Herbst 2009 soll der See geflutet werden. So entstehen neben einem großen neuen Freizeit- und Erholungsareal 5.000 neue Arbeitsplätze, 900-1300 neue Wohneinheiten und Freizeiteinrichtungen, in Verbindung mit dem Westfalenpark und dem Botanischen Garten Rombergpark (über den ich schon einmal geschrieben hatte) ein grüner Gürtel um den Dortmunder Süden und einer der größten innovativen Lebensstandorte Deutschlands – man spricht auf Grund der sich hier verstärkt ansiedelnden hochmodernen Technologiefirmen bereits vom „Silicon Valley Deutschlands“ . Auch eine dieser Firmen hab ich vor ein paar Jahren mal besucht und mich dort mit Schutzhüllen über den Schuhen, Haube auf dem Kopf und weißem Schutzanzug über Nano-Technologie informiert – beeindruckend!
Ich hab’s schonmal empfohlen und tue es hiermit nochmal: Wer wissen möchte, wie das Phoenix-Gebiet aussehen wird, oder immernoch das Bild des dreckigen, verrauchten und nirgends grünen Ruhrgebietes im Kopf hat, welches sich meiner Erfahrung nach hartnäckiger- und unberechtiger Weise in den Köpfen der Menschen (auch derer, die nahe des Ruhrgebiets wohnen) hält, sollte sich unbedingt diesen Film ansehen. Ich war und bin schwer beeindruckt und freue mich seit Baubeginn auf die Fertigstellung!
Als weiteres Großprojekt freue ich mich auf die Neustrukturierung der Kampstraße mitten in der Innenstadt. Sie wird – ebenfalls bis zur Kulturhauptstadt 2010 – zum Boulevard umstrukturiert. Den Anfang machen die Bagger in wenigen Wochen am westlichen Ende. Dort wird die „Westentor-Allee“ entstehen. Die Straße, auf der bis gestern noch die letzte Straßenbahn fuhr, soll dann zum Bummeln einladen, Spielmöglichkeiten für Kinder bieten und sowohl als Erweiterung und Verbindung der Fußgängerzonen Westen- und Ostenhellweg sowie dem vor einigen Jahren neu aufgemotzten Brückstraßenviertel, als auch als neue, moderne Verbindung zwischen diesen Fußgängerzonen und dem neuen U-Turm dienen. Damit bekommt der absolute Kern und Mittelpunkt der Dortmunder Innenstadt ein neues Gesicht.
Direkt bei mir um die Ecke soll auf dem Gelände der Thier-Brauerei, auf dem bisher in den alten Brauereigebäuden verschiedene Szene-Clubs ansässig sind, ein neues Einkaufszentrum entstehen. Die Zusage dafür gab es am Donnerstag. Zwischen 27.000 und 34.000 Quadratmeter neue Verkaufsflächen sollen hier von Europas Marktführer im Bau von Shoppingpalästen gebaut werden. 2009 soll mit dem Bau begonnen werden, so dass die neue Stadtgalerie 2011 mit 150 neuen Fachgeschäften, Gastronomie und Unterhaltungsangeboten eröffnet werden kann.
Ich kann nicht leugnen, dass ich, obwohl ich nicht weiß, wie lange ich überhaupt noch hier wohnen werde nach meinem Studium, gespannt bin auf all diese Neuerungen und mich darauf freue, dass hier so viel passiert. Und ich halte das Ruhrgebiet – auch auf Grund der kreativen und landes-, vielleicht sogar europaweit einmaligen Nutzung und Umwandlung von ehemaligen Industrieflächen (siehe zum Beispiel Route Industriekultur) – für eine der spannendsten Regionen Deutschlands.
Fotos:
© Muschelschubserin: Haltestelle Westentor (aufgenommen während der Bauarbeiten am 30.10.2007) und die heute wesentlich weiter fortgeschrittenen Baumaßnahmen am U-Turm (Montage aus 2 Fotos; aufgenommen am 11.6.2004; auf dem ersten Foto sieht man Teile des neu gebauten Gebäudekomplexes um den U-Turm).
© Phoenix Dortmund 2005-2007: Luftaufnahme des Phoenix-Geländes von Juni 2007.