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Gemeinsamer ausländisch-deutscher Alltag? Wo? Eine Selbstbeobachtung.

Mittwoch, Juni 27, 2007

Jetzt wo ich selber mal wieder längere Zeit im Ausland verbracht habe und nebenbei fortwährend übers Auswandern nachdenke, frage ich mich auch immer öfter, wie es wohl als Ausländer in Deutschland ist. Bill Bryson schreibt in seinem Buch “Down Under”, dass die Aborigines, die er in Cairns gesehen hat, in einer Parallelwelt zu leben scheinen. Niemand beachtet sie, niemand sieht sie an. Ebenso sehen sie keinen der anderen Menschen an. Und das mitten im Ortskern. Ich hatte in Cairns und auch im restlichen Australien den selben Eindruck. Man lebt aneinander vorbei, jeder in seiner Welt, und wenn sich die Welten doch mal überschneiden, dann oftmals mit einer negativen Note. Nun sind die Aborigines natürlich alles andere als Ausländer (auch wenn sie dort oft so behandelt werden, als wären sie welche), aber trotzdem ähnelt die Situation der Migranten hier dieser Beschreibung meiner Meinung nach sehr. Ich habe zwar meine gesamte Jugend mit Migrantenkindern (oder besser Migrantenjugendlichen) verbracht, war damit aber quasi “Exot”. So gut wie keiner meiner Schulkollegen des Gymnasiums hatte privat mit Ausländern oder Migranten oder Menschen mit Migrationshintergrund zu tun. Wie auch immer ich sie in diesem Post übrigens nenne, ich rede mit Respekt von allen Menschen mit anderem kulturellem Hintergrund als dem Deutschen, die hier leben (egal wie lange, in welcher Generation, mit welcher Staatsangehörigkeit oder aus welchem Land).

Mittlerweile lebe ich im Ruhrgebiet, wo es viel mehr Ausländer gibt als in meiner relativ kleinen Heimatstadt. Mehr als zehn Prozent der Menschen hier hat eine ausländische Staatsangehörigkeit. Das schließt natürlich die eingebürgerten Migranten aus, die meine ich aber auch. Man begegnet sich im Alltag überall, im Supermarkt, auf der Straße, beim Arzt. Doch was sind das für Begegnungen? Man redet nicht miteinander, lächelt sich nicht zu (gut, das tun die Deutschen, die mit dem Begriff Freundlichkeit oftmals scheinbar gar nichts anfangen können, sowieso selten, egal, wer ihnen gegenüber steht), selbst ganz normaler Blickkontakt kommt nur selten zustande. Es gibt in etlichen Großstädten ein “Klein Istanbul”, wo der Ausländeranteil besonders hoch ist. Türkische, indische, griechische Supermärkte, Internetcafes, Bäcker, Teestuben… alles liegt direkt nebenan, aber drin war ich noch nie. Die größten Überschneidungen gibt es vermutlich im Dönerladen, im Restaurant und bei der Pizzalieferung. Näher kommt man sich meistens nicht.

Es gibt natürlich auch Ausnahmen. Tolle Projekte und Orte der Begegnung und Aufklärung. Menschen, die sich einsetzen. Doch viel mehr hört man Negatives. Kommen diese guten Projekte in meinem persönlichen Alltag nicht vor. Bekomme ich den Eindruck, türkische Jugendliche seien besonders gewalttätig, ohne vielleicht mal abzuwägen, ob sie nicht einfach sozial benachteiligt sind und sozial benachteiligte Deutsche ebenso oft straffällig werden? Eine Frage, zu der es Statistiken gibt, die beide Meinungen bestätigen. Somit eine Frage, ohne eindeutige Antwort.

Fest steht eines: Deutsche, deren liebste Urlaubsziele dort liegen, wo sie auf andere Deutsche treffen, deren Land es Fremden von vorn herein schwer macht, sich zu integrieren, die dort besonders fremdenfeindlich sind, wo es besonders wenige Fremde gibt (was für ein Paradoxum!) und die zwar ach so tolerant sind, aber bitte keine Ausländer in der Nachbarschaft wohnen haben wollen, sollten sich nicht wundern, warum es mit der Integration nicht klappt. Die Fehler liegen nicht nur auf einer, sondern auf beiden Seiten.

Eine Patentlösung hab ich auch nicht. Auch schwarz malen will ich nichts. Ich rede hier nur vom deutschen Alltag, den bunten Menschen, die ich jeden Tag überall auf der Straße sehe. Aber ich habe mich in letzter Zeit mehrere Male dabei erwischt, wie ich in Gedanken völlig unbewusst kleine Vorurteile hatte und ich mir so beinahe selbst die Chance auf eine richtige Begegnung verbaut habe. Und ich frage mich, wo diese Vorurteile herkommen? Warum mir mein Unterbewusstsein solche Streiche spielt? Meine Meinung ist eine andere, dennoch schleichen sich vorgefertigte Vorurteile ein, wenn ich nicht höllisch aufpasse. Warum frage ich leise in mich hinein, was wohl hinter den anderen Kulturen steckt, ohne zu wissen, wie ich diese Frage beantworten soll. Und das, obwohl ich umgeben bin von diesen Kulturen und die Antwort doch eigentlich so nahe liegt.

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